Danger, danger, high voltage! Part 1
Unendliches Schleudern, Schreien, Zerren, alles zerfressende Gewalt.
Und dann wach. Rigg war endlich wach.
Gerädert riss sie ihre dünne Überdecke von ihrem schweißnassen Körper und wickelte liebevoll das grün schimmernde Ei neben ihr auf der Matratze darin ein, bevor sie aufstand und das große Fenster an der anderen Seite des Raumes sperrangelweit aufriss. Gnädige Kälte überlief ihren Körper, es war beinahe eisig an diesem Morgen.
Das Zimmer, das sie bei Madame Freora bereits vor zwei Wochen dauerhaft gemietet hatte, tauchte von zwei hellen Seiten in gedämpftes Licht, als der bedeckte Himmel kaum einen warmen Strahl durchließ.
Das kam ihr gerade recht.
Den Blick durch den Raum schweifen lassen, sah sie das zerschlissene und halb auseinandergefallene Bett, nebst dem halb zerfressenem Haufen, den andere kaum eine Decke nennen würden. Das würde sie wohl ersetzen müssen.
Rigg schleppte sich vor den Spiegel und, wie fast jeden Morgen in der letzten Zeit, zuckte unwillkürlich zusammen, als sie ihr Antlitz sah. Dunkel und leer wanderten ihre mittlerweile rabenschwarzen Augen über die aschfahle Haut, die sich über ihr fahles, knochiges Gesichts spannte. Das Haar, das sie sonst färbte, hatte abermals alle Farbe rausgebrannt und war so bleich und matt wie der Rest von ihr. Dunkle Schatten tanzten unter ihrer Haut und auch die Magie unbegabteste Person konnte nicht übersehen, dass eben jene aktuell quasi aus ihr raussabschte. Rigg wurde langsam und stetig von ihrer eigenen Macht zerfressen.
Selbst der Tod sah besser aus als das, was ihr grimmig entgegenblickte.
Resigniert wandte sie sich ihren ebenso miserabel aussehenden Klamotten zu und fing mühselig an, sich in für ihren Körperzustand gefühlt viel zu viele Schichten zu stecken, bevor sie sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser wusch.
Neuer Tag, neues Hungern.
Einige Zeit später stampfte Rigg müde die Treppe zum Gasthaus hinunter. Die Hausherrin, der dies nicht entging, warf ihr einen mitleidigen Blick zu, als sie die dunkle Gestalt erblickte.
“Heute wieder so schlimm, Liebes?”
Rigg nickte nur erschlagen, keine Kraft für Widerworte oder eine scharfe Zunge.
“Soll ich jemanden ins Zimmer schicken?”, fragte sie nachsichtig und Rigg nickte nur erneut, dieses Mal dankbar, bevor sie sich in die hinterletzte Ecke ihres Tisches setzte.
Vielleicht kam heute ja endlich mal wieder jemand vorbei, den sie kannte.
Rigg schnaubte laut und verächtlich bei dem Gedanken auf, dass sie sich nach anderen sehnte, bevor sie tief in die Ecke sank und das Glas Wasser ansah, dass ihr vorbeigebracht wurde.
Sie musste weggedöst sein, denn als sie aus einer schattigen Umnachtung voller Terror erwachte, saß ihr die wohl unbeliebteste Figur ihrer Existenz gegenüber: Galaeron.
“Seid gegrüßt, Rigg!”, seine aufgesetzt höfliche Art brachte sie schon fast so zum Würgen, magischer Aufruhr hin oder her. Es dauerte einige Sekunden, bis der noble Magier ihren Zustand erfasste. Es dauerte noch ein paar Momente mehr, bis er das volle Ausmaß verstand.
“Aber... ihr seid doch noch im Besitz eurer vollen Kräfte?”
Rigg grinste schwach. Natürlich, Galaerons Nummer eins Priorität beim beständigen Ziehen an ihren dünnen Nerven: Ihre Macht. Ihre dumme, scheiß, verfluchte Kraft war das, worum der machthungrige Zossen sich Gedanken machte, während eben jene sie aktuell, wie alle paar Monde, von innen heraus zersetzte.
“Aber so geht das doch nicht, wir wissen doch, wieviel du zu dir nehmen musst. Madame, bitte bringt ihr etwas zu essen!”
Sie lehnte ab, der Magier insistierte.
Dieses Mal waren es schon ganze 8 Tage ohne Nahrung.
“Ich esse seit 3 Tagen nicht, es geht schon.”, maulte Rigg, nachdem ihr Gegenüber einfach nicht locker lassen wollte.
“Ahh, Thea!”. Ihre Rettung. Die stattliche junge Zwergin kam kurzen Schrittes an den ihr bekannten Tisch.
“Galaeron, seid gegrüßt! Rigg...!”, sie stockte.
“Setz dich doch, meine Liebe”, säuselte der Elf aalglatt und rutschte weiter in die Runde herein. Rigg merkte, dass die Hitze die von ihr ausging mittlerweile bis zu den Beiden schlug und sie fühlte sich schwindeliger und fiebriger als je zuvor. Es kribbelte und juckte unter ihrer Haut und ein heißer Schauer Magie waberte aus ihr heraus, so deutlich, dass sie vor keinem der ihr bekannten Gesichter noch leugnen konnte, dass sie nicht in Ordnung war.
“Magie gibt und Magie nimmt. Es ist schon ok.”
Sie sah in zwei mehr (Thea) und minder (Galaeron) ernsthaft besorgte Gesichter, bevor sich eine weitere, neue Gestalt zu ihnen setzte.
“Ahh, Kokiri, wie schön euch hier anzutreffen!”
Natürlich wusste Galaeron wieder alles über jeden. Der dunkle, vermummte Kenku, der eben noch neben dem Tisch stand, setzte sich nun neben Rigg und musterte sie mit scharfen Augen von oben bis unten. Rigg musterte selbstverständlich zurück.
Erst als sie an dem scharf geschnittenen Gesicht des Kenkus vorbeiblickte, bemerkte sie die Truppe Neuer, die breitbeinig und selbstgefällig am anderen Ende des Raumes saß, die Galaeron mehrfach scharf fixierte. Drei Menschen, eine Frau im Blumenkleid, grinsend als wäre der Himmel blau und das Leben in Phlan schön, ein Mann, Feuer für Haar, Flöte im Anschlag, und ihr absolutes Gegenteil. Er hatte etwas... Die dritte Person war ein Berg Muskeln und Tattoowierungen. Ein dunkler Typ der nicht viel mehr als einen Lendenschurz trug. Rigg schossen Bilder von zwei deutlichen schöneren Exemplaren halbnackter Menschenmänner durch den Kopf und ihr wurde wieder warm - Dieses mal recht angenehm.
“Agura braucht Hilfe”, Thea riss Rigg komplett aus ihrer lauschigen Trance und brachte sie mit eiserner Besorgnis in der Stimme zurück in das Gefängnis ihres geschundenen Körpers. “Irgendetwas stimmt nicht, sie kann keinen Kontakt mehr zum Besitzer der anderen Schuppe aufnehmen.”
Galaeron und der neue Kenku guckten sich etwas ratlos an, während auch Riggs hageres Gesicht nun etwas wie Besorgnis zeigte.
“Nun, ich habe aktuell nichts besseres zu tun”, verkündete Theas Sitznachbar zugleich, “Kiri, wie sieht es bei dir aus?”
“Ich wäre wohl auch dabei.”
Die Stimme des Gefiederten klang seltsam, als sei es nicht seine eigene und sein Blick schweifte rüber zur Bar, an der ein großer Minotaure sich schon jetzt ein ordentliches feuchtes Frühstück gönnte. Das war doch Bolokai? Rigg hatte den Gehörnten mehrfach gesehen und Z’aryan hatte ihr bereits einiges erzählt. Ein interessantes Duo.
“Na dann-”, Rigg wollte gerade ihren Satz zuende bringen, als Stühle laut schabten und die neue Gruppe sich erhob. Die immer noch irre grinsende Frau kam zu ihrem Tisch gehopst, klopfte auf das schartige Holz und verabschiedete sich in ungewohnt fröhlicher Marnier von ihnen. Rigg hasste sie schon jetzt inbrünstig.Der Piper und das Ding aus der Tiefe, wie Rigg den Mann mit Schalentieren am Lendenschurz und Anker um den Hals genannt hatte, schlurften wenig enthusiastisch hinter der puren Lebensfreude aus dem Gasthaus. Galaeron blickte ihr mehr als skeptisch hinterher und trotz ihres müden Verstandes wusste Rigg, was er dachte. Niemand hier ist so fröhlich, da muss Magie im Spiel sein. Oder Pilze. Pilze gingen auch.
Einige Zeit später erreichte die kleine Truppe den wie leergefegten Marktplatz. Die Gerüchte über die beinahe komplette Auslöschung der Black Fist hatte Rigg gehört, glauben tat sie sie allerdings erst jetzt, wo sie nicht einen schlecht gerüsteten Widerling in einer Ecke lungern sah. Drei interessantere Gestalten mit roten Federn in den Haaren, die etwas weiter am Rande des Marktes standen, waren dementsprechend auch nicht allzu schwer zu übersehen.Agura stand, wie meistens, an ihrem Stand voller Blumen. Rigg liebte Blumen. Ihr hat noch nie jemand Blumen geschenkt. Ob der Nordling ihr Blumen mitbringen würde?
Albern. Sie schüttelte den Kopf und ging die letzten Schritte zum Stand, an dem Thea schon munter ins Gespräch mit der Couatl verstrickt war. Sie hatte sich endgültig für ihren Namen und ihre liebste Gestalt entschieden. Eine Menschenfrau. Ihre Illusion jedoch waberte verzerrt mit jeder Bewegung die sie machte und es war nur gut für sie, dass der Platz heute so leer war.
“Das Gewitter hindert mich an den Kontakaufnahme, ich habe ihn verloren. Würdet ihr Richtung Melvaunt reisen und dem Ganzen für mich auf den Grund gehen?”
Rigg nahm immer nur Fetzen des Gesprächs war. Es war ihr egal, wo sie hingingen und auch egal, wen sie in die Luft jagten. Es tat so gut in der Nähe des magischen Geschöpfs zu sein, dass sie aktuell auch ihre eigene Hand abgeschnitten hätte, wenn das schillernde Wesen, neben dem Thea stand, sie danach gefragt hätte.
“...Dunkelheit und Hässlichkeit. Sie sind schlecht für mich.”
Riggs Augen weiteten sich und sie sah erschrocken auf und trat einen halben Schritt zurück.
Zu spät bemerkte sie, dass Agura keineswegs über sie sprach. Vier Augenpaare unterschiedlichster Natur durchbohrten sie für einen winzigen Moment mit schwer zu lesenden Blicken, bevor die Couatl mit ihrer Erklärung fortfuhr. Rigg wollte im Boden versinken.
Der Stall war warm und roch nach Geborgenheit. Galaeron hatte unablässig mit seinem schwarzen Hengst geprahlt und dass er selbstverständlich nicht laufen würde. Wäre sie der Gaul, Rigg hätte ihn wahrscheinlich schon zwanzig Mal in den Sand gesetzt. Doch der dunkle Magier hatte nicht ganz unrecht, ein Pferd war schon immer eine Anschaffung, die Rigg vor sich hergeschoben hat. Auch Thea wollte reiten und sich ein Pferd mieten, während Kokiri eher skeptisch auf die großen Geschöpfe blickte.
Ein braun weiß gescheckter Wallach hatte so wenig Feuer und Interesse in seinem Körper, dass er Rigg als eines der wenigen Pferde an sich ranließ, ohne auch nur aufzusehen. Die Tiere spürten das Unheil, das in ihr loderte und es war eine frustrierende Aufgabe, sich hier und jetzt einen Gefährten rauszusuchen.
“Ugh, den will ich nicht.”
Es war zwar gut, dass sie in diesem ihrem schlimmsten Zustand ein Tier finden konnte, das sie toleriert, der hier war aber einfach nichts für sie. Von nebenan blickte eine große, weiße Stute aus fast rabenschwarzen Augen aufmerksam zu ihr rüber. Sich langsam nähernd stellte Rigg fest, dass dieses stolze Tier zwar wachsam blieb, ihre Anwesenheit jedoch durchaus mutig zu akzeptieren schien. Muss es denn wirklich schneeweiß sein...?
Sie seufzte wieder laut und wandte sich dann doch zum Stallmeister um, der jedes Mal erneut bei ihrem Anblick zusammenzuckte. Sie zeigte mit dem Daumen hinter sich auf die Stute.
Als die kleine Gruppe Helden und nicht so Heldenhafter durch das leere Stadttor ritt, Galaeron auf seinem Hengst, Thea auf einem zotteligen, kräftigen Pony und Kokiri und Rigg zusammen auf ihrer neuen Stute, für die sie gedankenverloren den Fundus ihres Gehirns nach passenden Namen durchsuchte, viel es wieder sehr deutlich auf, dass die Black Fist nicht mehr dasselbe wie noch vor einigen Wochen war. Leere Posten weit und breit. Das Quartett ließ Phlan bald hinter sich und es dauerte nicht lange, bis der Feuermagier aus den tiefen von Riggs persönlicher Hölle, seinen stattlichen Hengst neben sie lenkte und erneut das politische Gespräch suchte.
“...Macht ist unglaublich nützlich, welch unausgereiztes Potenzial...”, Riggs Bewusstsein waberte zwischen hier und der anderen Welt, “...zusammen so viel damit tun, erreichen, wenn....dein Ziel?”, zwei durchdringende Augen bohrten den Blick in sie.
“Galaeron, ich will einfach nur existieren”, schnaubte Rigg, sich selbst wieder in die Realität reißend.
Der Elf musterte sie skeptisch, als wäre dies kein vertretbares Lebensziel und startete kurze Zeit später erneut, sowohl sie, als auch den stillen Kenku hinter sich, weiter zu bearbeiten. Er wollte sie beide in seinem Team, um seinen politischen Werdegang ins Rollen zu bringen. Einfluss verstärken, wie er es nannte. Rigg lachte verächtlich darüber. Politischer Einfluss war genau das, wovor sie gerannt ist. Sie schien dem Ganzen einfach nicht zu entkommen, egal wohin sie reiste. Ihre wachsende Macht wurde nicht nur immer beindruckender, sondern lockte auch mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sie. Nichts, was sie aktuell benötigen würde.
“Wo hast du denn angefangen, deinen Einfluss zu verstärken?”, sie hatte gar nicht mitgekriegt, dass sie sich weiter mit ihm unterhalten hatte, diese Frage traf sie unvorbereitet. Sie sah ihn aus leeren Augen an, er wirkte plötzlich so ungemein vertrauenserweckend auf sie.
“Weit, weit weg von hier”, war ihre trockene aber ehrliche Antwort.
Hatte er etwa...? Aber das müsste sie doch bemerkt haben. Nein. Umso länger Rigg den Rest des Rittes darüber nachdachte, umso weniger Zweifel hatte sie daran, dass Galaeron alles tun würde, um die Wahrheit aus ihr rauszukitzeln. Nicht, dass es sie groß störte. Er war begabt, wenn er dies wirklich ohne ihr Bemerken geschafft hätte. Seit Chult muss seine Macht doch um einiges gewachsen sein.
In Gedanken versunken hatte Rigg erst deutlich später als der Rest bemerkt, dass die Landschaft um sie herum alle Farbe verloren hatte. Die Roben des Feuermagiers waren nur noch ein mattes warmes Grau, anstelle eines strahlenden Rots und Kokiri hinter ihr noch unauffälliger und leichter zu übersehen als sonst. Theas normalerweise buntes Pony stapfte weiterhin in allen Graustufen wacker vor den großen Pferden her.
“Ob das hier der Sturm ist?”, fragte die kindlich freundliche Stimme der Paladina, als die Gruppe ihre Reittiere durchparierte, um sich umzusehen. “Also, normal ist das zumindest nicht”, gab der Kenku in einer fremden, jedoch irgendwoher bekannten Stimme von sich. Er hatte Rigg bereits über die Hälfte des Ritts mit seinen stimmgewaltigen Imitationen unterhalten und anschaulich seine Kunst unter Beweis gestellt, in dem er wirklich alles und jeden der ein Geräusch von sich gab tongenau wiedergeben konnte. Rigg mochte ihn, seine stille, jedoch angenehme Art und die Facettenreichheit seines undeutbaren Charakters. Ein durch und durch kontroverser Typ, ganz nach ihrem Geschmack.
Die ehemals bunte Gruppe Ritt weiter in Richtung dessen, was sie klar als das Zentrum des Sturms deuten konnten: Ein kleines, noch etwas entferntes Gebäude, das scharfe Augen bereits in der Distanz erspähen konnten. Mit jedem Schritt drückte der Himmel mehr, wurde das Leben um sie herum trister, die Farben weniger. Ein kleines Haus baute sich nun vor ihnen auf, eisblaue Blize zuckten in erratischen Mustern zwischen zwei riesigen Metallkugeln, die in einer komplexen Apparatur auf dem Dach befestigt waren. Der massive Sturm ballte sich in gigantischen Wolkentürmen über dem kleinen Gebäude zu bedrohlichen Wirbeln auf. Ein großes Schild aus beschlagenem Eisen hing schief in den Angeln über der Tür des eindeutig gnomischen Konstrukts.
“Tosnoop Kathatink’s Workshop”