Grashüpfer
Hüpfen konnte er nicht mehr. Wollte es vielleicht auch nicht. Er lag auf dem Linoleumboden in der Küche, die dürren Beinchen von sich gestreckt. Ein großer ovaler Schatten war das letzte, was er gesehen hatte, bevor er davon springen konnte. Antje stand schon den ganzen Morgen in der Küche und hatte das Tier bisher nicht gemerkt. Erst als sie darauf getreten war und einen seltsam weichen Krümel von ihrer Fußsohle, Antje trug nie Pantoffeln in ihrer Wohnung, entfernen wollte, wurde sie auf den Grashüpfer aufmerksam. Als ihr klar wurde, dass sie ein Insekt zertreten hatte, schüttelte sie sich vor Ekel. Um sicher zu gehen, dass es tot war, hockte sie sich vor das Tier. Ein giftiggrüner Grashüpfer. Ein Grashüpfer, dachte sie, der nicht mehr hüpfen kann, ist doch bloß noch ein Gras, ohne Hüpfer. Wie seltsam das klingt. Ich bin auf einen Gras getreten. Sie grinste sogar ein wenig über ihre plumpen Gedanken. Doch weg räumte sie den Grashüpfer nicht. Sie stand auf, streckte sich und ließ das Insekt liegen. Kümmer' ich mich später d'rum. Antje setzte ihren Abwasch fort. Gelegentlich sah sie über ihre Schulter und vergewisserte sich der Anwesenheit des kleinen Tieres. Es lag noch da, hatte sich nicht bewegt. Als ihre Hände im Spülwasser den Schwamm suchten, überkam sie ein Gefühl des Beobachtetwerdens. Sie spürte eine leise Hitze in sich aufsteigen. Das Abwaschwasser rann über ihre Hände die Ellenbogen hinab, ohne sie abzukühlen. Wassertropfen verteilten sich um ihre Füße, während Antje versuchte, die Insektenleiche zu ignorieren und nicht mehr nach hinten zu sehen. Der Abwasch nahm heute mehr Zeit in Anspruch als an anderen Tagen. Zumindest kam es ihr so vor. Also wusch Antje immer schneller den Topf, die Teller, das Besteck ab. Sie übersah kleine Speisereste zwischen den Zinken oder Henkeln. Bei den Gläsern vergaß sie alle Vorsicht. Der Schwamm glitt zu schnell ins Innere und Wasserfontänen spritzten heraus, die den Boden und die Arbeitsfläche erfassten. Antje gab auf. Das Tier zu ignorieren, half nicht. Die Leiche verankerte sich immer tiefer in ihrem Bewusstsein. Immer öfter blickte sie hinter sich. Der Grashüpfer lag noch dort. Sie nahm die nächste Tasse. Blick nach hinten. Der Hüpfer war – nein, er lag nun zwei Zentimeter weiter rechts, war näher gekommen. Ein Griff ins Spülbecken. Die Tasse war sauber. Zwei Weingläser noch. Antje verrenkte ihren Kopf. Der tote Hüpfer lag da. Er hatte sich nicht gerührt.
© margritmorph





