Über die Einfachheit des Widerstands
„Widerstand ist zwecklos“ ist zur Staatsräson des sogenannten kleinen Mannes1 geworden
Jürgen Drommert auf Carta: Worauf es jetzt ankommt: Kryptographie, Freie Software, Dezentralisierung
Jürgen Drommerts sehr empfehlenswerter Artikel, wie auch übrigens zumindest die ersten dreißig Kommentare des Textes, haben mich dazu bewogen, doch mal wieder das aufzuschreiben, was mir schon seit einer Weile im Kopf herumschwirrt.
Ich hatte hier ursprünglich etwas anderes formuliert, so von wegen niederschwelliger, politischer Partizipation. Ich habe das wieder gelöscht, ich denke es lässt sich einfacher herunter brechen: Verschlüsselt eure Kommunikation
Soviel nur wegen TLDR, der eigentliche Text folgt jetzt doch noch irgendwie, weil diese Platitüde oben schon ausreichend überall im Netz zu finden ist.
Ich denke es ist sinnlos sich über fehlenden Widerstand gegen Strukturen oder eigentlich alles, was bestreikt werden könnte, zu beschweren. Sich darüber zu beschweren, dass sich Menschen nicht ausreichend gegen das wehren, über was sie sich beschweren, scheint mir... Naja es wird ja schon beim Lesen klar, wie man sich hier im Kreis dreht.
In der Entwicklungshilfe-/ Menschenrechts-Branche werden ja seit einiger Zeit immer wieder „ganze einfache“, „easy-to-use“ Protestformen entwickelt. Unicef USA bedienen sich damit Smartphones reicher (da Smartphones besitzender) Menschen, damit Armani seine Werbekampagne machen kann und Amnesty International macht es mit Online Petitionen extrem niederschwellig sich politisch zu engagieren. Sicherlich, beide sind Beispiele sind well-intended. Sie haben here Ziele und versuchen Menschen so einfach wie möglich in politische Arbeit einzugliedern: Sie scheinen verstanden zu haben, dass politische Partizipation kein Mainstream-Akt ist und versuchen über simple, coole, innovative Angebote Menschen einerseits für ein Thema zu interessieren, politisieren, andererseits so ein bisschen die Welt zu verbessern.
Dabei kann politische Partizipation so viel einfacher, niederschwelliger sein. Gut klar, nicht in Bezug auf LGBTQ-Rechte in Uganda, aber in Bezug auf bürgerliche Rechte und Freiheiten in Deutschland: Seit Facebook Whatsapp gekauft hat, frage ich mich wieso nicht mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis auf Messengeralternativen umgestiegen sind. Seit die Snowden-Dokumente immer noch publiziert werden, verstehe ich nicht, warum PGP-Kommunikation noch nicht weiter verbreitet ist. Gut, PGP sei mal dahingestellt, meinetwegen. Aber zum Beispiel Threema herunter zu laden und zu installieren stellt wirklich für niemanden ein Problem dar. Dabei glaube ich auch, dass nicht mal die 1,80 € der App ein Problem sind, sondern, dass dafür überhaupt bezahlt werden muss. Auch ich musste dafür extra meine Kreditkarteninfo weitergeben...2
Mir geht es schlicht darum, dass jeder Akt ein politischer ist: Wenn ich mich dafür entscheide ein bestimmtes Buch zu lesen, oder nicht zu lesen, wenn ich mich entscheide in welche Disko ich gehe, wenn ich mich entscheide mich mit einem Thema auseinander zu setzen, oder mich vielleicht auch bewusst dagegen entscheide. Fakt ist, dass wir heute in einer digitalen Welt leben. Mir scheint es, als hätten viele meiner Freunde das so noch nicht erkannt; Junge Menschen, für die Internet kein separater Raum ist. Doch unsere digitale Kommunikation kann und wird mitgelesen und aufgezeichnet. Und es ist an uns, uns dem entgegen zu stellen. Und es ist einfach, wir müssen es nur machen. So wie Bio-/Fairtrade Konsum ein politischer Akt (übrigens genauso wie nicht Bio-/Faitrade zu kaufen einer ist) ist und sagt „OK, also ich finde ausbeuterische Strukturen scheiße und ich versuche wenigstens einen kleinen Teil dazu beizutragen großen Konzernen mein Geld nicht hinterher zu schmeißen“, ist auf verschlüsselte Kommunikation umzusteigen ein politischer Akt, quasi ein Mittelfinger an Machtstrukturen.
Threema hat mir ehrlich, das mag pathetisch klingen, ein etwas neues Gefühl der Kommunikation gegeben. Ich kann über alles schreiben, ohne dass ich mich beobachtet fühle, so als würde jemand mitlesen. Es fühlt sich fast an, als säße ich mit der Person in einem Raum3. Ich sehe Threema auch nur als Übergangslösung. Es ist (noch) nicht OpenSource und es wird nicht mit einem offenen Protokoll betrieben. Ich hoffe daher vielmehr auf einen brauchbaren, gut programmierten XMPP Client. Wenn jemand einen guten weiß, lasst es mich wissen! Email ist nicht ohne Grund so erfolgreich gewesen, hätte man damals als es damit anfing immer beim gleichen Anbieter bleiben müssen, wäre das ja Quatsch gewesen und hätte sich nie so schnell verbreiten können.
Lasst uns unseren Raum zurücknehmen. Es ist einfach, wir müssen es nur machen!4
Mit Mann ist hier vermutlich sprichwörtlich die deutsche Gesellschaft gemeint. ↩︎
Annm. Habe seit heute erst das kostenlose, quelloffene surespot installiert. ↩︎
Das zu verstehen erfordert eventuell doch jugendliches Chat-Kommunikation-Gefühl... ↩︎
Der nächste Schritt für mich ist natürlich Weg-Von-Tumblr ↩︎