Eine kleine Medienschelte oder: Vier "Ewige Wahrheiten" die mich derzeit nerven.
Vier „Ewige Wahrheiten“ die mich derzeit nerven.
Der Journalismus als vierte Kraft im Staat hat eine bedauerliche Tendenz. Er neigt dazu ewige Wahrheiten anzunehmen. In den letzten Tagen konnte man in vielen Medien einige auch zum Thema Wahlkampf lesen. Wenn erst mal ein Leitartikler eine ewige Wahrheit festgestellt hat rast diese ewige Wahrheit wie ein Flächenbrand durch die Konkurrenzblätter. Ungeprüft und Grundlage für weitere Spekulation.
Die ewigen Wahrheiten gehen so nach und nach in das allgemeine Bewusstsein über und spätestens, wenn der Anchor-Man der Tagesthemen sie ausspricht, werden sie als Ist-Zustand wahrgenommen. Es ist wohl müßig über die Gründe dafür zu spekulieren, oft werden die Sparzwänge in den Redaktionen und die enorm gestiegene Taktrate genannt, ich frage mich aber ob diese Form der Meinungsbildung sich so weiter entwickeln muss.
Die vier ewigen Wahrheiten dieses Bundestagswahlkampfs:
Merkel sozialdemokratisiert die Union
Unisono ist es inzwischen in den Sprachgebrauch eingesickert, dass Merkel die Union „sozialdemokratisiert“ hätte. Irgendwo Widerspruch dazu? Ja, ich will dem entschieden widersprechen! Die SPD ist seit 150 Jahren Programm-Partei. Die Programmatik wird mit viel Aufwand fortgeschrieben und passt sich den Bedingungen der Zeit an. Grundlage jeder sozialdemokratischen Programmatik ist ein Werte-Canon der Mitgliedschaft. Es ist ein schwieriger Spagat für eine Volkspartei das sich aus der Programmatik ergebende Staatsmodell immer wieder fortzuschreiben, doch der Kraftaufwand ist wichtig und nötig. Gerade in Wahlprogrammen erfährt dieses Staatsmodell eine Konkretisierung weil Aussagen zur Gestaltung von Gesetzgebung in der kommenden Legislaturperiode getroffen werden.
Die Merkel-Union hat aus wahltaktischen Gründen in einigen Politikfeldern eine absolute Beliebigkeit ausgeprägt. Ob Atomausstieg, Wehrpflicht oder Lohnuntergrenzen, die Konkretisierung dient nicht der Umsetzung einer eigenen Programmatik oder Agenda, sondern ist immer nur der vermeintlichen Stimmung im Wahlvolk geschuldet. Das als Sozialdemokratisierung zu bezeichnen würdigt die stetige und aufwendige programmatische Leistung der Sozialdemokratie herab! Warum nur wird ständig danach geschrien, dass DIE Parteien Zukunftsentwürfe für das Land liefern sollen? Wir tun es, doch es wird leider bagatellisiert durch derartige Sprachnutzung.
Die Parteien unterscheiden sich kaum
Die großen gesellschaftlichen Richtungsentscheidungen in der Bundesrepublik sind gefallen und es geht heute nur noch um unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in der Parteienpolitik?
Blödsinn! Es gibt in allen Politikfeldern immerzu große Richtungsentscheidungen zu fällen. Was ist Familie? Aus dieser Frage heraus lassen sich schon diverse gesellschaftspolitisch hochrelevante Fragen ableiten. Sollen Homosexuelle Partnerschaft wirklich vollwertig gleichgestellt werden und Kinder adoptieren dürfen? Darf das Familienprivileg des GG in Zeiten von Patchwork und bei steigenden Scheidungsraten wirklich dazu genutzt werden, um Alleinerziehende schlechterzustellen? Welche Grundannahmen wollen wir Nutzen um ein gerechtes Steuerrecht fortzuschreiben? Welche staatlichen Anreize wollen wir nutzen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen? Wie erreichen wir Equal Pay?
Wer sich die Mühe macht die Regierungsprogramme der Parteien auf diese grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Fragen hin zu durchleuchten wird immense Unterschiede zwischen den Parteien feststellen. Dieses ließe sich auch für alle anderen Politikfelder problemlos durchführen. Nur man muss sich halt die Mühe machen und nicht nur die Überschriften lesen.
Die asymmetrische Demobilisierung von Merkel führt zu einem langweiligen Wahlkampf? Hallo, was erwartet ihr denn von einem Wahlkampf? Sollen sich die Anhänger der Parteien hitzige Debatten auf den Straßen liefern?
Richtig ist, dass die Union in diesem Wahlkampf weitestgehend auf Inhalte verzichten will. Wer sich die Plakate und Heftchen anguckt, wird begeistert sein, wie viel Wohlfühlklima dort verbreitet wird. Strategisch für mich übrigens absolut nachvollziehbar und letztlich auch der programmatischen Beliebigkeit Merkels geschuldet.
Der Straßenwahlkampf, in dem viele Tausende jetzt wieder an Infoständen und bei Hausbesuchen unterwegs sind ist nicht müde, ganz im Gegenteil. Die vielen ehrenamtlichen Helfer, die sich unermüdlich für die politischen Ziele ihrer Parteien einsetzen verdienen höchste Anerkennung!
Müde wird der Wahlkampf erst dort, wo sich Berichterstattung nicht die Mühe macht, die Inhalte der Wahlversprechen (auch so ein Wort…) zu hinterfragen. Dort wo die Frage, ob Herr Sauer lieber mehr Streusel hätte wichtiger wird als die Frage, wie wir zukünftig miteinander leben wollen. Da wo die Skandalisierung von Peer Steinbrück und seiner vermeintlichen „Fettnäpfchen“ sehr viel mehr Zeit und Raum verschlingt, als die Frage was für ein Deutschland ein Bundeskanzler Steinbrück schaffen möchte. Müder Journalismus, der ein Selbstbild des müden Wahlkampfs produziert. Abartig.
Die Bundestagswahl 2013 ist schon entschieden
Alle Umfragen zeigen dass die Union diese Wahl gewinnen wird und es stellt sich nur noch die Frage wer ihr Partner sein wird?
ALLE Meinungsumfragen sind höchstens geeignet ein Stimmungsbild abzugeben. Die realen Wahlergebnisse bilden sie seit Jahren zunehmend nicht ab. Die Wählerinnen und Wähler entscheiden immer später wem sie ihre Stimme geben und ob sie überhaupt wählen gehen. Die Zahl der Stammwähler nimmt stetig ab und taktische Wahlstimmen, wie z.B. die FDP-Stimmen bei der Landtagswahl in Niedersachsen, nehmen immer mehr zu. In den derzeitigen Stimmungsbildern deutet sich ein knappes Rennen zwischen Schwarz-Gelb und den Oppositionsparteien ab. Rot-Grün bräuchte nur einen Swing von 5 % um eine eigene Mehrheit zu erreichen, kein Wert der Wahlkampfverantwortliche schlecht schlafen lässt!
Warum also sollte die SPD jetzt den Kopf in den Sand stecken und sich mit der Frage auseinandersetzen wie es nach der verlorenen Bundestagswahl weitergehen soll, wie es derzeit in vielen journalistischen Beiträgen zu lesen ist? Da setzt der Parteivorstand die Parteireform konsequent um und beruft einen Parteikonvent unmittelbar nach der Wahl ein, was daraus in den letzten Tagen in der Presse so alles gedeutet wurde lässt mir die Haare zu Berge stehen.
Eine Wahl über einen Monat vor dem Wahltag für entschieden zu betrachten, obwohl gerade die vergangenen Bundestagswahlen gezeigt haben, dass es noch massive Verschiebungen in den Umfragen gibt (immer zu Gunsten der SPD übrigens) ist fahrlässig. Vermeintliche Querelen innerhalb der Parteiführung zu erfinden, klar, das lässt sich viel besser verkaufen…
Vier „Ewige Wahrheiten“ die mich derzeit nerven…