»Es kommt darauf an, welche Geschichten du erzählst«
»Dein Weltbild ist die Summe der Geschichten, die du erzählst.« Mit nachdenklichen Gesichtern stehen die Menschen vor den Plakaten, die seit gestern rund um die Agneskirche im Kölner Norden aufgestellt sind. Manche bleiben zufällig stehen, andere gehen ganz gezielt auf bestimmte Plakate zu. Einige reden miteinander. Andere halten einander an den Händen oder stehen in sich versunken da und lesen.
Es sind die Geschichten von Geflüchteten und Helfenden. Es sind Menschen dabei, die uns bereits im vorigen Jahr ihre Geschichte erzählt haben. Was ist aus ihnen geworden? Es sind andere dabei, Menschen, die hier Zuflucht suchen und suchten, Menschen, die Zufluchtsuchenden helfen.
»Wir haben acht Menschen gefragt: Was beschäftigt dich? Diese acht Geschichten möchten wir weiter erzählen. Sie sind keine Antworten. Schon gar nicht auf die Flüchtlingsfrage. Wir erzählen sie weiter, weil sie uns betreffen, herausfordern und zum Nachdenken bringen.«
Mit der Plakataktion möchten wir ins Gespräch kommen, Impulse für Gespräche geben und miteinander im Gespräch bleiben. Die Ausstellung ist bis voraussichtlich zum 12. November 2016 geöffnet. Die Plakate werden wir in den kommenden Tagen hier zeigen, damit auch Menschen teilhaben können, die keine Möglichkeit haben, die Ausstellung zu besuchen. Die Geschichten aus dem letzten Jahr sind hier gesammelt.
Text und Fotos (außer Bild unten): Wibke Ladwig
Foto unten: Daniela Eckstein
Wir laden herzlich ein zur Vernissage mit Pressetermin der Plakataktion „Our Stories – Geschichten von Geflüchteten und Helfenden“ am 8. Oktober 2015 um 16 Uhr vor der Agneskirche, Neusser Platz 18, 50670 Köln.
Ein Jahr später: Welche Geschichten gibt es heute zu erzählen?
Ein Jahr nach einer ersten Plakataktion wollen wir wissen, was sich in der Zwischenzeit getan hat bei den Geflüchteten, deren Geschichten wir vor einem Jahr auf die Plakatwände gebracht hatten. Dabei fragen wir auch: Welches Verhältnis haben sie heute zu Deutschland, zu ihren neuen Nachbarn? Außerdem interviewen wir Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren und die so aus eigener Anschauung etwas zur gesellschaftlichen Debatte über Migration und Integration beitragen können.
Wir, das ist eine Projektgruppe, die aus der Initiative Willkommen in Agnes in der Kölner Nordstadt hervorgegangen ist.
Unser Anliegen: Ins Gespräch miteinander kommen
Unser Thema hat in den vergangenen zwölf Monaten viele neue Facetten und eine neue Komplexität erhalten: Nicht zuletzt durch die Ereignisse in der Silvesternacht sind kritische Stimmen lauter geworden, die das Engagement für Flüchtlinge in Frage stellen. Und es gibt auf beiden Seiten – bei den Geflüchteten und den Helfenden – viele Missverständnisse. Auch diese Aspekte werden wir auf den Plakaten abbilden. Unser Anliegen ist zu verstehen, Verständnis zu vermitteln. Einfache Antworten sind nicht möglich. Es geht uns darum gute Fragen finden, über die man miteinander ins Gespräch kommt.
Die Ergebnisse unserer Gespräche werden von so genannten „Visualisierern“ – Grafikern, die sonst professionell die Resultate von Meetings und Konferenzen visualisieren – auf zehn Großplakatwände aufgezeichnet.
Die Agneskirche als Atelier
Die Plakate werden derzeit in der St.-Agnes-Kirche mit Grafiken und Texten gestaltet und ab Samstag, den 8. Oktober 2016, rund um die Kirche im Kölner Agnesviertel präsentiert. Sie bleiben dort voraussichtlich bis zum 12. November 2016 als Open-Air-Ausstellung stehen.
Ausführlich dokumentiert und begleitet wird dies hier im Blog mit Fotos, Texten und Interviews. Finanziell gefördert wird die Ausstellung von der „Aktion Neue Nachbarn“ des Erzbistums Köln.
Beim Pressetermin am Samstag erläutert Pastoralreferent Peter Otten die Hintergründe der Plakataktion und Visualisierer Martin Haussmann (bikablo® akademie für visuelles Denken, Lernen und Zusammenarbeiten) erklärt den kreativen Prozess.
Hurtig geht es voran: Die Arbeiten in der Agneskirche laufen und das erste Plakat ist bereits fertiggestellt.
Gestern morgen dann war Peter Otten, Pastoralreferent der Gemeinde St. Agnes in Köln, im Domradio und erzählt, worum es uns bei dieser Aktion geht und welche Geschichten erzählt werden. Außerdem schildert er auch nochmal die Eindrücke und Erfahrungen vom letzten Jahr.
Ein Jahr ist seit unserer Plakataktion mit Geschichten Geflüchteter vergangen. Seitdem ist viel geschehen. Was ist aus diesen Menschen geworden? Wie ist es den Menschen ergangen, die Zufluchtsuchenden helfen?
Das möchten wir wissen und daher greifen wir unsere Idee wieder auf. Die Plakate werden derzeit in der St.-Agnes-Kirche mit Grafiken und Texten gestaltet und ab Samstag, den 8. Oktober 2016, rund um die Kirche im Kölner Agnesviertel präsentiert. Sie bleiben dort voraussichtlich bis zum 12. November 2016 als Open-Air-Ausstellung stehen.
Es kann losgehen! Und wir werden hier wieder alles dokumentieren. Wer sich die Aktion aus dem letzten Jahr nochmal ansehen möchte, findet alle Geschichten im Archiv. Außerdem gab es diesen famosen Film, der unser Unterfangen gut zusammenfasste.
Auch wenn die Aktion #ourstories beendet ist, hallt die Idee weiter nach. Bei der bikablo® akademie gehen immer wieder Anfragen von Menschen ein, die etwas Ähnliches machen möchten und um unsere Unterstützung bitten.
Das Thema Flüchtlinge beschäftigt die Visualisierer auch weiterhin. Deshalb gehen auch die bisherigen Erlöse von Martin Haussmanns Buch „UZMO - Denken mit dem Stift“ (http://bikablo.kommunikationslotsen.de/uzmo/) an ein syrisches Projekt der Hilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V.
Letzte Woche hat Martin Cap Anamur in ihrem Büro in Köln-Ehrenfeld besucht. Pressereferentin Stefanie Miebach erzählte von den Projekten vor Ort:
„Über acht Millionen Syrer harren als Binnenflüchtlinge im eigenen Land aus. Wir unterstützen unter anderem eine Poliklinik samt Zentrum für Gefäßchirurgie, in der sich 6 Fachärzte um die Flüchtlinge kümmern. Darunter ist ein syrischer Gefäßchirurg, der mit seiner Familie ins Nachbarland Jordanien geflohen war und nun alleine zurückgekehrt ist – denn in der Klinik hat er die Möglichkeit, wieder zu operieren. Mit unserer Unterstützung, unter anderem in Form von Nahtmaterial, künstlichen Gefäßen, Infusionen und Gehältern für Ärzte und Krankenpfleger, kann er zahlreiche Amputationen verhindern.“
Wie einige andere medizinische Einrichtungen, die Cap Anamur unterstützt, handelt es sich um eine „Untergrundklinik“ – provisorisch eingerichtet, dezentral organisiert und von außen nicht erkennbar, denn zu groß ist die Gefahr, dass sie Ziel eines Anschlags wird.
20 EUR kostet eine Narkose, eine Gefäßprothese um die EUR 250. Cap Anamur arbeitet seit über 25 Jahren professionell und effizient in Kriegs- und Krisengebieten wie Syrien, Afghanistan, Nordkorea, Nepal oder Bangladesh. Wir freuen uns über jede/n in unserem Netzwerk, der/die mit uns investieren möchte – Jede Spende ist herzlich willkommen!
Mehr über das Syrien-Projekt: http://www.cap-anamur.org/projekte/syrien/info
Die weltweiten Projekte von Cap Anamur: http://www.cap-anamur.org/projekte/index
Aktuelles auf Facebook: https://www.facebook.com/CapAnamur
Die Plakataktion ist beendet - „Our Stories” lebt weiter
Am vergangenen Samstag wurden die Plakatwände rund um St. Agnes abgebaut. Vier Wochen waren die visualisierten Geschichten Geflüchteter zu sehen. Wer im Agnesviertel lebt, teilte in dieser Zeit seinen Alltag mit diesen Geschichten. Andere Menschen reisten teilweise von weither an, um sich die Open-Air-Ausstellung anzusehen. Wir freuten uns über das gute Echo in den Medien und eine ausgesprochen gut besuchte Verinissage. Es kam zu erfreulichen und bereichernden Begegnungen zwischen Helfern, Besuchern und Geflüchteten.
Zum Abschluß entstand ein Film, der die Entstehung, das Team hinter der Aktion und die Ausstellung selbst zeigt:
Herzlichen Dank an alle Beteiligten und Unterstützer und insbesondere an die Menschen, ohne deren Vertrauen diese Aktion nicht möglich gewesen wäre. Mögen Eure Wünsche und Hoffnungen an ein Leben in Sicherheit und Frieden in Erfüllung gehen. In der Willkommeninitiative von St. Agnes geht es weiter. Und wer selbst helfen oder Flüchtlinge anderweitig unterstützen möchte, findet hier einige Adressen.
Hier im Blog lebt die Aktion weiter. Alle Geschichten von den Plakatwänden lassen sich hier nachlesen.
Erfreulicherweise hatte die Stadt Köln die Genehmigung für unsere Ausstellung der Plakatwände verlängert. Noch bis zum 8.10.2015 können Sie sich die visualisierten Geschichten der Geflüchteten rund um die Agneskirche ansehen.
Wie schön, dass auch Menschen aus anderen Städten diese Gelegenheit nutzen. Steffen Peschel aus Dresden etwa zieht einen spannenden Vergleich: “Auf mich wirkte es wie eine Art Weblog im urbanen Raum.”
Auch andere Projekte und Medien lassen Geflüchtete zu Wort kommen, etwa ZEIT online mit dem Live-Blog #Ask Refugees oder der Deutschlandfunk mit der Reihe Fremde neue Heimat.
Wir freuen uns über diesen schönen Film über “Our Stories” von der Aktion Neue Nachbarn, die auch Sponsor der Aktion war. Noch eine Woche lang sind die Plakate vor Ort, rund um St. Agnes, zu sehen.
Die herbstliche Sonne schien auf den Neusser Platz, als das knallrote Kaffeemobil vorfuhr und sich zwischen Stehtischen und Bänken aufbaute. Die köstlichen Brötchen vom Brotspezialisten aus dem Veedel und Getränke standen bereit. Dann strömten die Gottesdienstbesucher und viele Besucher aus Köln und dem Umland auf den Neusser Platz. Die gute Resonanz in den Medien hatte für Aufmerksamkeit und Neugier gesorgt.
Einige der Geflüchteten, deren Geschichten auf den Plakatwänden visualisiert sind, waren auch dort. Teilweise sahen sie “ihre” Plakate heute zum ersten Mal. Es gab ein freudiges Wiedersehen mit den Graphic Recordern, die ihre Geschichten aufgemalt hatten. Es war ein munteres Gewimmel. Und viele Gespräche drehten sich natürlich um die Geschichten auf den Plakatwänden.
Aber auch die Flüchtlinge, die ab Montag in Köln eintreffen werden, waren ein Thema, und die Frage, wie man am besten helfen kann. Hier haben wir übrigens eine kleine Liste zusammengestellt, wie man selbst tätig werden kann - ob mit Geld, Sachspenden oder Tatkraft.
Eine Woche lang sind die Plakatwände nun noch rund um die Agneskirche im Kölner Norden zu sehen. Wir freuen uns über viele weitere Besucher!
Der Hashtag für die sozialen Medien lautet #ourStories.
Das Wetter hiellt! Gute Laune bei Franziska, Friederike und Peter vom Team hinter #ourStories.
Ich komme aus Albanien … und hoffe, einen Job in Deutschland zu finden.
Albanien ist von außen betrachtet sehr schön: Berge, Seen… doch wenn man genauer hinschaut, ist es schrecklich. Die Menschen essen Müll.
Die Sozialhilfe in Albanien beträgt 40,00€ pro Monat, aber keiner hat sie mir gegeben. Korruption…keine freien Wahlen…Gewalt…sexuelle Übergriffe auf Frauen… Wenn man um Hilfe bittet, sind alle Türen verschlossen. Krankenhäuser haben keine Medizin….
Wenn man auf der Straße stirbt, dann kümmert das keinen.
Als ich nach Deutschland kam, hatte ich nur Geld, mir einen Kaugummi zu kaufen. Ich möchte keine Sozialhilfe bekommen – Ich möchte arbeiten.
Ich kann 40-Tonner überall in Europa fahren, im Garten arbeiten und ich kann zeichnen. Ich spreche Englisch, Italienisch, Griechisch und – natürlich – Albanisch.
Mein Leben ist mir nicht so wichtig, aber das meiner Familie.
Meine Töchter sind wie Blumen für mich.
Foto: joschwartz.com
I came from Albania and … hope to find a job in Germany.
Albania is beautiful from outside: mountains, sea – but inside it’s horrible. People have to eat rubbish. The social help in Albania is 40 Euro per month, but no one gave it to me. Corruption … No free elections … Violence … Sexual attacks against women … If you ask for help, everything is closed. … Hospitals have no medicine. …
If you die in the street no one cares.
When we came to Germany, I had only money to buy a chewing gum.
I don’t like to get social support – I want to work.
I can drive 40t-lorries everywhere in Europe, work in gardens and I can also draw. I speak English, Italian, Greek and – of course – Albanian.
I don’t care about my life, but I care about my family and my daughters are flowers for me.
Interview: Kirsten Reinhold
Plakat: Kirsten Reinhold
Übersetzung ins Deutsche: Jan Harbach
Dokumentation: Daniela Eckstein
Foto (oben, Mitte): joschwartz.com
Foto (unten): Wibke Ladwig
Frau aus Nigeria mit ihrem Sohn / Woman from Nigeria with her son
Foto: joschwartz.com
Stationen
Italien: Ein Jahr und vier Monate im Flüchtlingsheim … mit 500€ auf die Weiterreise geschickt … „Komm bloß nicht wieder.“ … schwanger… Nachtzug … Ankunft am 31.12. in …
Berlin: Während der Schwangerschaft im Flüchtlingsheim… nach 3 Monaten kam ich nach …
Dortmund: Ein Monat Aufenthalt, dann …
Köln: Aufenthalt in einem Stadthotel. Nach einem Jahr und zwei Monaten der Ablehnungsbescheid. Danach Kirchenasyl in der Thomaskirche. Nach einem Aufenthalt von sechs Monaten habe ich jetzt einen Duldungsstatus. Ich darf vier Jahre bleiben. Jetzt in einem Frauenhaus. Und dann?
Herausforderungen
Es ist oft sehr langweilig:
Ich darf nicht arbeiten.
Ich darf nicht zur Schule gehen.
Ich darf nicht verreisen.
Es ist wie im Gefängnis.
Die Macht der Gesetze
Ich darf hier nicht bleiben.
Die haben kein Mitleid.
Wenn man keine Papiere hat, dann ist man ein Niemand.
Ich verschwende mein Leben nur für ein kleines Stück Papier.
Warten…Warten…Warten…
Gefühle
Angst… Unbequemlichkeit…Verwirrung…Trauer…Wut…Durchgedreht…Allein…Verzweifelt…Habe das Bedürfnis zu Schreien!
Bei der Familie des Pastors der Thomaskirche habe ich das Gefühl, zu Hause zu sein. Ich mag mein Leben da. Ich kann hier meine Probleme vergessen. Mein Sohn, Prince, liebt sie. Der Pastor ist für ihn wie ein Großvater. Die Kirchengemeinde ist sehr nett. Ich liebe Köln!
Wünsche
Ich würde gern eine Krankenschwester werden und in Deutschland bleiben.
Ich wünsche mir einen Platz, an dem ich in Sicherheit leben kann.
Ich würde gern eine normale Frau sein.
Ich hoffe ein neues ZUHAUSE zu finden.
Ich versuche glücklich zu sein.
Ich wünsche mir für Prince, dass er die Schule besuchen kann und einen guten Job bekommt.
Stations
Italy: 1 year & 4 months … asylum house … 500 Euro … “don’t come again” … pregnant … night train … 31.12. to …
Berlin: 3 months … asylum house during pregnancy, then …
Dortmund: 1 months, afterwards …
Cologne: City Hotel 1 year & 2 months … REJECTION OF ASYLUM, then …
Cologne Thomas Church 6 months … suspension of deportation, “Duldung”, then … Cologne Frauenhaus now: “I can stay here for 4 years”, but afterwards?
Challenges
Often it’s so boring:
I’m not allowed to work.
I’m not allowed to go to school.
I’m not allowed to travel.
It’s like a prison.
Big Law
I’m not allowed to live here.
They don’t have a pity feeling.
If you don’t have paper you are nobody.
I waste my life because of a piece of paper.
Waiting … waiting … waiting ...
Feelings
AFRAID … not comfortable ... confused … sad … angry … crazy … alone … desperate … SHOUTING
With the pastor family of the Thomas church I feel at home. There I like my life. With them I can forget my problems. Prince loves them. The pastor is like a grandfather of Prince. The church people are very nice. I like Cologne!
Wishes
I would like to become a nurse and stay in Germany.
I wish a place where we can live safely.
I try to be a normal woman.
I hope to find a new home here.
I try to be happy.
I wish for Prince that he can go to school and get a good job.
Am kommenden Sonntag, den 20. September, laden wir herzlich zu einer Vernissage ein.
Wir stellen die Plakate von "Our Stories" noch einmal der Öffentlichkeit vor. Um 11:15 gehts im Gottesdienst schon ums Thema Flüchtlinge - und Martin Haussmann wird etwas über das Projekt erzählen.
Anschließend beginnt um 12:30 Uhr die Vernissage in der Turmkapelle, bei schönem Wetter auf dem Neusser Platz. Es gibt etwas zu essen und zu trinken, und es ist Gelegenheit zum Reden und Kennenlernen.
Die Wettervorhersage ist ein wenig trüb. Aber davon wollen wir uns wiederum nicht betrüben lassen. Wir freuen uns auf Sie und Euch!
Ich treffe Sangeet und Shyla* und ihren kleinen Sohn auf einem lebhaften Spielplatz in Köln. Ich habe meine Tochter bei mir. Unsere Kinder schaukeln und rutschen friedlich. Währenddessen erzählen sie mir hier ihre Geschichte ihrer Verfolgung und Flucht aus Indien.
Ich wundere mich: Indien ist eigentlich kein Land, aus dem Flüchtlinge kommen?
Warum mussten sie fliehen und in Deutschland Asyl suchen?
Sie hatten sich am College kennengelernt und ineinander verliebt: Religion und Kastenzugehörigkeit ließen eine Heirat nicht zu. Sie wurden bedroht, denunziert, unter Vorwänden ins Gefängnis geworfen.
Foto: Sebastian Linnerz
Als sie dennoch heimlich heirateten, war ihr Leben nicht mehr sicher und sie lebten im Verborgenen.
Mit ihrem letzten Geld kauften sie Tickets und Visa, um nach Deutschland zu kommen. Ihr Asylverfahren schwebt seit drei Jahren.
Indien ist keine typische Flüchtlingsherkunft. Indien gilt allgemein als größte Demokratie der Welt. Darum erhielten 2010 nur 1% der indischen Antragsteller Asyl.
Dennoch geschieht jeder fünfte Ehrenmord weltweit in Indien.
Paare, die über Kasten und Religionsgrenzen hinweg heiraten wollen, werden immer wieder von ihren Familien und Gemeinden verstoßen, verfolgt, ermordet.
*Sie wollen ihre wahren Namen nicht genannt wissen. Sie fürchten sogar noch in Köln die Verfolgung durch ihre Familien.
There is no honour in killing
I am meeting Sangeet and Shyla* together with their little son on a bustling playground in Cologne. My daughter is with me. Our children are happily swinging and sliding. Meanwhile, they are telling their story to me; their story of persecution and escape out of India.
I am surprised: For me India was actually no country that I have linked with refugees.
Why did they have to flee and seek asylum in Germany?
They got to know each other at the College. They fell in love: Religion and caste affiliation will not go along with marriage. They were being threatened, denunciated and under false pretences thrown into jail.
At the time when they married their life was not safe anymore and they had to hide.
Scraping up their last money they purchased tickets and visas to get to Germany. Their asylum procedure has been pending for three years now.
India is not a typical country to escape from. India is the biggest democracy in the whole wide world. That is why only one percent (1%) of the asylum requests is granted.
But every fifth honour killing takes place in India.
Couples that want to marry and are not taking into account any caste affiliation or religious reasons are being expelled, chased or murdered by their families.
*These are not their real names, because they fear – even while staying in Cologne – their family pursuing them.
Interview: Stefan Böker
Plakat: Stefan Böker
Übersetzung ins Englische: Jan Harbach
Foto (oben): joschwartz.com
Foto (Mitte): Sebastian Linnerz
Foto (unten): Wibke Ladwig
Am Montag, den 14. September gab es einen gut besuchten Pressetermin vor der Agneskirche zu #ourStories.
Bisher erschienen folgende Beiträge in den Medien. Die Resonanz im digitalen Raum können Sie außerdem hier verfolgen. Fotos zum Download finden Sie hier.
Einzelschicksale der Flüchtlinge aus dem Veedel: Artikel vom 14.9. in der Kölnischen Rundschau
“Es geht um Vertrauen.” Interview mit Pastoralreferenz Peter Otten im Domradio
Flüchtlinge erzählen auf Plakaten von ihrem Leben und der Flucht: Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger (Innenstadt)
Erste Flüchtlinge ziehen in frühere Landesunterkunft: Artikel im Kölner Stadtanzeiger (Chorweiler)
Ehrenamtliche visualisieren Flüchtlingsgeschichten: Auf der Website des Erzbistum Köln
Ausstellung: Our Stories – Geschichten von und mit Geflüchteten: Artikel bei The Changer - Gutes tun einfacher machen
Zwei Geschichten im Blogprojekt Refugee Voices, das Stimmen von Flüchtlingen sammelt - unseren neuen Nachbarn.
Am Mittwoch, den 16. September war Wibke Ladwig im Interview bei DRadio Wissen zum Blog und #ourStories.
Interview mit Martin Haussmann über die Idee und Umsetzung von #ourStories
Deutsche, die nach dem II. Weltkrieg nach Westdeutschland floh / German woman, who fled to Western Germany after WWII
Foto: joschwartz.com
1945 kam meine Mutter mit mir und meinen fünf Geschwistern aus Pommern nach Deutschland.
10 Jahre lebten wir bei einer Bauernfamilie, die uns trotz eigener sechs Kindern in Zeiten großer Not aufgenommen hat. Jedes Jahr haben sie uns am Jahrestag unserer Ankunft einen Kuchen gebacken.
Am Rande des Grundstücks stand ein Baum und meine Mutter sagte immer: „Da gehen wir wieder nach Hause.“
Wenn man die Sprache kann, kann man auch die Menschen verstehen!
Habt keine Angst auf die Menschen zuzugehen.
Ich mag fremde Menschen. Ihre Kultur und Lebenskonzepte sind eine Bereicherung.
Ich bin immer nur geliebt worden!
Ich möchte etwas zurückgeben!
Ich liebe Menschen!
My mother, my five siblings and I fled in 1946 from Pomerania to Germany.
We and a farmer’s family lived together for 10 years. Despite calling six children their own and in the face of great hardship; the family accommodated us. Each and every anniversary of arrival they baked a cake for us.
A tree stood at the end of the premises. My mother used to say: “That’s, where our home is.”
If one can speak the language, one can understand the humans!
You must not be afraid of approaching humans!
I like foreigners. Their culture and their concepts of life are an asset for every society.
I always was a loved one!
I would like to give something back!
I love humans!
Interview: Heidrun Künzel
Plakat: Heidrun Künzel
Übersetzung ins Englische: Jan Harbach
Foto (oben): joschwartz.com
Restliche Fotos: Wibke Ladwig
Seine Familie – er hat neben seinen Eltern noch zwei Brüder und zwei Schwestern – entstammt einer unterdrückten Minderheit und ist vor Jahren in den Iran geflohen. Dort leben sie wie Menschen zweiter Klasse. Als Tagelöhner werden sie oft um ihren Lohn geprellt und sind körperlicher Gewalt ausgesetzt.
Schon mit fünf Jahren musste Mahdi arbeiten.
Außer gelegentlichem Unterricht bei seinem Onkel hatte er keine Schulbildung. Nach einem Versuch, sich das Leben zu nehmen, beschloss die Familie, er solle nach Europa gehen.
Seine Flucht dauerte vier Monate.
Schlepper brachten ihn über den Irak in die Türkei. Dort schlug er sich zu Fuß oder per Anhalter durch, arbeitete gelegentlich, musste sich verstecken, bis er wiederum mit Hilfe von Schleppern in einem Boot das Mittelmeer nach Griechenland überqueren konnte.
Drei Boote fuhren mit jeweils 40-50 Flüchtlingen in die Nacht.
Zwei davon seien untergegangen, erzählt Mahdi, er habe Schreie gehört und dann plötzlich sei es still geworden.
Von Griechenland aus reiste er über den Balkan nach Köln, wo er nun seit zwei Jahren lebt.
Er hat inzwischen sehr gut Deutsch gelernt und besucht die 10. Klasse eines Berufskollegs, wo er gute Noten schreibt.
Zitate von Mahdi:
„Ich möchte Abitur machen und studieren.“
„Erst seit ich in Deutschland bin, weiß ich, dass es so etwas wie Menschenrechte gibt und dass ich eine Würde habe. Das wusste ich gar nicht.“
„Für mich ist es eine unglaubliche Erfahrung, mein Leben nun selbst bestimmen zu dürfen.“
„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas wählen kann.“
Mahdi, 19, was born in Afghanistan.
His family – he has two more brothers and sisters – originated from a suppressed minority and fled years ago to Iran. They have to lead a life as “second class”- citizens or inferior human beings. Working as day labourer they are cheated out of their rightful wages. Above that they are often threatened with physical violence.
Mahdi had to start working at the age of five.
Mahdi had no formal education, no schooling besides the lessons his uncle taught him every now and then. After an attempted suicide his family decided that he has to try to go to Europe.
His flight lasted four months.
A people smuggling network smuggled him via Iraq to Turkey. After walking, hitchhiking, hiding away and jobbing throughout Turkey he could again use the help of people smugglers to get a boat, which transferred him to Greece.
They started with three boats. Each well – staffed with 40 – 50 refugees.
Screams suspend the silence. Silence returns. Only one boat arrived.
Starting in Greece Mahdi continued his “journey” via the Balkans to Cologne. Living in Cologne for two years he has learned German. At the moment he is successfully visiting a vocational college. His marks are good.
Quotes by Mahdi
“ I’d like to make my Abitur*!
“Since I arrived in Germany, I have come to realize the existence of human rights and that something like dignity. I didn`t knew that before.”
“A self-determined life is an incredible experience. It’s new to me.”
“For the first time in my life, the choice is mine.”
*Abitur= general qualification for university entrance
Interview: Ramona Wultschner
Plakat: Ramona Wultschner
Übersetzung ins Englische: Jan Harbach
Foto (oben): joschwartz.com
Restliche Fotos: Wibke Ladwig
Die erste Resonanz auf unsere Plakataktion ist überwältigend. Wann immer man bei den Plakaten vorbeigeht: Immer stehen Menschen vor den Plakaten, lesen die Geschichten, halten inne, fotografieren und teilen ihre Eindrücke im Gespräch oder in den digitalen Raum.
Hier einige Reaktionen bei Twitter (der Hashtag für die Aktion lautet #ourStories):
@sinnundverstand War auch da. Sehr bewegend. Gelungen. Danke dafür.
— Thorsten Sterk (@thorstensterk)
13. September 2015
Erschütternd, berührend. Sehr besonders durch das graphic recording #ourstories #refugeeswelcome https://t.co/BfcSjN6M6J
— Ute Vogel (@frauvogel)
12. September 2015
@sinnundverstand Was für eine schöne, wichtige Aktion! Nachahmenswert!
— Anja Blaensdorf (@anjabl)
13. September 2015
.@menschenrechte - #ourstories zeigt beeindruckend, wie wichtig der Einsatz für #Menschenrechte ist https://t.co/l05HqrqyZt
— frau_nora (@aron_spers)
11. September 2015
Ein Projekt dass mich in den letzten Tagen berührt & begeistert hat: #ourStories http://t.co/jqGr7BVzmy via @sinnundverstand #refugees
— Michael Stacheder (@M_Stacheder)
8. September 2015
Leider hatte es gestern und auch heute ziemlich stark geregnet. Ein paar Regenschäden hat Martin Haussmann heute gleich ausgebessert.