Ein wenig nachträgliche Besinnung (Teil 2): Weihnachtsmann oder Christkind?
Bei uns zuhause, eine norddeutsche, protestantisch geprägte Familie, kam der Weihnachtsmann, mein Großvater übernahm laut polternd die Rolle. Meine protestantische, preußische Großmutter (die, die aber am Weihnachtsmorgen immer den päpstlichen Segen hören wollte) hielt wiederum irgendwie immer noch am Christkind fest. Meine Großmutter hätte sich vermutlich sehr gefreut, in Nürnberg über den Christkindlmarkt zu schlendern, und später die Überreste von Albrecht Speers architektonischen Großmachtswahnideen zu bewundern, sie verehrten den in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilen Architekten Hitlers bis zu ihrem Lebensende.
Irgendwie ist irgendwann das Christkind in den eher katholischen Gegenden als traditioneller Geschenkebote hängen geblieben, obwohl es einst mal vom protestantischen Luther auserwählt worden sein soll als Gabenbringer, um den heiligen Nikolaus aus den deutschen christlichen Traditionen zu verbannen.
Gabenbringer oder Gabenbringerin? Beim Christkind bin ich ja bis heute nicht so sicher, was es sein soll. Als Kind erinnerte mich das Christkind an Cupid, es war wie ein saisonaler verkleideter Cupid ohne Pfeil und Bogen - ich hatte zeitweilig einen Faible für die griechischen Sagen- und Götterwelten. War es nun ein blondgelockter Junge, der mädchenhafte Kleider trug, oder ein burschikoses Mädchen, das einen Jüngling mimte? Heute verwundert es mich ja manchmal, dass ausgerechnet strikt konservative christliche Familien dieses Genderverwirrspiel zur Weihnachtszeit betreiben. Und wieso eigentlich blond gelockt, warum nicht dunkelhaarig glatt? Und wenn das Christkind die Geschenke bringt, ist das nicht Kinderarbeit am Heilig Abend, an einem heiligen Festtag noch dazu? Mit der Fantasie. Traditionen und dem Glauben darf man halt verwirren, mit der Realität nicht, zumindest nicht ordentliche Menschen aus geordneten Verhältnissen.
Der Weihnachtsmann wiederum ist eine eher moderne popkulturelle Kunstfigur, gemischt aus verschiedenen weihnachtlichen und anderen Traditionen und Bräuchen. Manche meinen, er sei, so wie er ist, eine Erfindung eines bekannten amerikanischen Getränkeherstellers. Aber da gab es zuvor schon den heiligen Nikolaus, der bei uns als Nikolaus am 6. Dezember die Stiefel mit Leckerli und Kleinigkeiten zum Spielen füllt. Der wiederum soll etwas mit der Legende des Nikolaus von Myra zu tun haben, der auch in der orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt wird, und u.a. drei Jungfrauen mal die Mitgift geschenkt haben soll, damit ihr Vater sie standesgemäß verheiraten könne. In den Niederlanden kommt Sinterklaas mit einem Dampfboot aus Spanien an, wobei die eher von der katholischen Lehre geprägte Heiligenverehrung in den doch eher protestantisch geprägten Niederlanden nicht bei allen früh auf Begeisterung traf. Absurderweise wird Sinterklaas und sein Begleiter “Zwarte Piet” mittlerweile aber ausgerechnet von jenen in den Niederlanden vehement als nationales Brauchtum verteidigt, die sich ansonsten ja eher in der rebellischen Tradition niederländischer Identität und vielleicht auch der Geusen wähnen, und die die Europäische Union gerne mal als freiheitsberaubende Knechtschaft betrachten. Apropos Knecht, da gibt es auch den Knecht Ruprecht - das ist der mit der Rute. Ein anderer Wegbegleiter des Nikolaus, manchen vielleicht bekannt aus dem Gedicht von Theodor Storm. Ruprecht dürfte dem norddeutschen Gesinde eher bekannt sein, während im süddeutschen sich dann öfter der Krampus rumtreibt. Beide Material für winterlich-weihnachtliche Schauergeschichten zur Mahnung unartiger Kinder. Dann sind da ja auch noch Wichtel und Weihnachtselfen und Rentiere. Es gibt zudem noch Väterchen Frost und verschiedenen heidnische Gottheiten wie Odin und Baldur. Der Weihnachtsmann könnte also als eine durch und durch multikulturelle populäre Kunstfigur oder einfach weihnachtliche Pop-Ikone bezeichnet werden.
Auf jeden Fall ist es verwunderlich, dass eine Person, die völlig losgelöst einmal jährlich (mindestens) illegal nationale Grenzen überquert, jegliche Zollbestimmungen und Wirtschaftsabkommen weltweit ignoriert, in Häuser und Wohnung einbricht und Privateigentum und vor allem jegliche Privatssphäre missachtet (Datenschutz dürfte am Nordpol, oder wo er auch immer sein Lager hat ein Fremdwort sein) einen derartigen Kultstatus erreichen konnte. Mal ganz zu schweigen von den anzunehmenden schlechten Arbeitsbedingungen für seine Helfer (Saisonvertrag, Überstunden, Akkord- und Schichtarbeit) und Misshandlung von Tieren. Und so etwas machen wir zu einem väterlichen Freund mit Vorbildcharakter für Kinder?
Ach ja, es ist besser besinnungslos zu bleiben und rein gar nicht zu reflektieren in der Jahresendzeit und sich stattdessen in Brauchtum und Tradition blindlings zu verlieren, welche immer dann bevorzugt wird.












