Prepare to be underwhelmed!
Es ist mal wieder soweit, wie schon letztes Jahr veranstalten die âBegehungenâ ein Kunst- und Kulturfestival in Chemnitz. Das Potemkin im alten Kulturpalast in Rabenstein. Diesen habe ich bereits mehrfach im âNormalzustandâ besucht und habe mich verliebt, daher wollte ich mir die Chance nicht entgehen lassen ihn in Kombination mit Kunst ein letztes Mal anzuschauen bevor die Bagger anrĂŒcken. Impressionen davon könnt ihr euch hier anschauen: Ballast der Republik und Kulturpalast.
Zugegeben, ich habe die Begehungen letztes Jahr zum ersten Mal besucht und war gelinde gesagt entsetzt (Poelzig Areal â TA LĂ€rm). In Anbetracht der massiven WerbemaĂnahmen, des groĂartigen GelĂ€ndes und der vielversprechenden Artikel hatte ich gehofft, dass es dieses Jahr weniger fragwĂŒrdig wird.
Die wundervolle Treppe wurde mit Lichtelementen an der Decke und kleinen verkehrt herum hĂ€ngenden MetallweihnachtsbĂ€umchen (?) beleuchtet. Der Moment in dem noch Hoffnung in mir keimte, denn das sah schon echt gut aus. Die wurde gnadenlos zerstört, als uns die erste Installation (wenn man es denn so nennen will) direkt nach der Treppe in einem Raum erwartete. Plexiglasscheibe und: genau, 3 Wischroboter, was sonst. ZweifelgeschwĂ€ngerte Erinnerungen vom letzten Mal mit den Schinken grillenden Robotern drĂ€ngten sich in mein GedĂ€chtnis. PuhâŠ. Eigentlich konnte es sich ab dem Moment nur noch steigern. Zugegeben, es war nicht ganz so unklar wie letztes Jahr aber auch hier und heute stellte sich erneut die Frage: ist das schon/noch Kunst?
Der winzige Raum nebenan projezierte einen Film an die Decke. Soweit so unspektakĂŒlar. Spannender wurde es schon nebenan im Saal. Die (Zwischen)Decke wurde an vielen Seiten aufgerissen und die KabelkanĂ€le heraus gezerrt und wild umher gehangen. Das machte durchaus Eindruck und wurde auch direkt als Kunstwerk erkannt. Ganz gut gemacht â bis zu dem Punkt als wir die Beschreibung dazu gelesen haben. Gut, oft fragt man sich tatsĂ€chlich âwas möchte uns der KĂŒnstler damit sagen?â aber Freunde der Sonne, mal ehrlich, nicht alles was man macht muss man begrĂŒnden, manchmal reicht es auch einfach, dass es schön aussieht, aber so einen Blödsinn dazu zu dichten⊠(Tipp der Redaktion: erst anschauen, dann grĂŒbeln/brainstormen und dann die Auflösung lesen đ ĂŒberragend!)
Weiter gings im groĂen Saal, der als solches eigentlich immer sehr imposant wirkte. Dort fanden sich einige Bilder und gesprayte Werke, die gut gemacht waren, jedoch etwas in der GröĂe des Raumes untergingen. Wie gesagt, etwas schade, denn hier hatte sich (zumindest zum Teil) wirklich jemand MĂŒhe gegeben.
Weiter im Text⊠Im ersten Geschoss blieb nur 1 weiterer Raum, der sich in kleine Kammern absplittet. Im Zentrum ein Fahrradrahmen mit einem Reifen, angeschlossen an einen Ofen. Laut Text vor der TĂŒr sollte wohl ein Licht flackern, wenn man den Reifen dreht und der Ofen symbolisch fĂŒr einen Fernseher stehen. Bitte was? Genau⊠In den kleinen Kammern fanden sich jeweils Röhrenfernseher die Filme abspielten. Das kannte ich von den Toiletten letztes Jahr schon, begreif den Sinn trotzdem bis heute nicht wirklich. Vielleicht ist mein Horizont aber auch zu eingeschrĂ€nkt. Ansonsten gab es von den oberen Geschossen leider nicht viel zu sehen, lediglich die ZugĂ€nge zu dem Steg ĂŒber dem Fernsehstudio waren begehbar, alles andere wurde versperrt. An der ein oder anderen Ecke fanden sich wieder Kunstwerke, unter anderem der Beweis, das TĂ€nzerinnen auch bloĂ Puten sind und eine kleine Fledermaus, die so sicher nicht beabsichtigt war aber meine Blicke auf sich zog â€
Draussen fanden sich Erwerbsmöglichkeiten fĂŒr Speis und Trank, sowie eine Bastelecke. Ich persönlich war gespannt auf das GewĂ€chshaus, da ich dies bei meinen bisherigen Besuchen sehr lieb gewonnen hatte und wurde bitter enttĂ€uscht. Recht zugewuchert ganz unauffĂ€llig am Ende eines Sperrbandes versteckt und lediglich mit einigen Lautsprechern verziert, die einen gregorianischen Chorgesang spielten. Langsam aber sicher bereitete ich mich seelisch und moralisch auf einen Muskelkater meiner Augenbrauen am morgigen Tag vor.
Aber zum Fernsehstudio, dem absoluten Highlight des Kulturpalastes. ZufĂ€llig kamen wir zu einer, beziehungsweise DER âPerformanceâ schlechthin. Angepriesen als âThe body and the salt -10 Kilogramm Salz und ein Körper. Die peruanischen KĂŒnstler*innen Monica Vergara und Italo Panfichi erforschen das Thema des Festivals mit Tanz. Zwischen Schein und Sein, zwischen dem Vielleicht und dem Wahren.â prĂ€sentierte sich in dem Moment als wir herein kamen als eine Frau, die in der Mitte eines salzverkrĂŒmelten Kreises Mittagsschlaf zu machen schien (Entschuldigung vorweg fĂŒr das Wackeln, Madame hatte natĂŒrlich kein Stativ dabei und auf gute Beleuchtung gehofft). Skepsis. Es erinnert im Laufe des Auftritts an den Versuch von Breakdance oder einem Anfall. Gelegentlich mengen sich gymnastische Bewegungen darunter aber alles in allem bleibt die Skepsis und eine Mischung aus âwas zurâŠ?â und âpaaaaahahahaha :Dâ. Am Rande des Salzkreises hockt eine Frau, die in einer wahrhaft bemerkenswerten Langsamkeit ein Seil auseinander zu dröseln scheint. Wirklich glĂ€nzen kann nur die goldene Folie, die am GerĂŒst angebracht wurde. Fragezeichen ĂŒber Fragezeichen. Zweifel, nicht nur an ihnen und ihrem Zustand, sondern auch an mir ob mein VerstĂ€ndnis fĂŒr Kunst wirklich so engstirnig und verkappt ist.
Ich schreib vielleicht einfach nich viel mehr dazu, eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen nicht wieder so kritisch ĂŒber die Begehungen zu schreiben, da man sich als Chemnitzer und Urbexer ja freuen sollte, wenn ĂŒberhaupt derartige Veranstaltungen stattfinden, aber sie machen es einem wirklich wirklich schwerâŠ
Traurig ist auch, dass die vorher typischen kleiderhakenĂ€hnlichen Metallteile (ich hab immernoch absolut keine Ahnung was es darstellt, aber es war sehr ansehnlich und beeindruckend, ihr seht es ganz unten nochmal) nicht mehr an der Decke des Studios hingen. Sie wurden abmontiert, vermutlich aus SicherheitsgrĂŒnden, und dienen jetzt zur Absperrung von verbotenen Wegen und TĂŒren und als Dekorationselement.
Im unteren Geschoss finden sich ansonsten weitere Installationen, die zwar zum Teil auch ganz gut gemacht sind, jedoch trotzdem weit von meinem VerstĂ€ndnis von Kunst oder Kultur abweichen. Ein Saunaofen, wieder Fernsehfilmchen, Kameras die FĂŒĂe der Besucher filmen, ⊠und ein Raum an dessen Wand in ErstklĂ€sslerschreibschrift in schwarzen Umrandungen weltklasse Pseudobuchtitel wie âTraumbenkirschenâstehen. Der Helfer/Mitarbeiter der im Raum steht bemerkt offenbar meine fragenden Blicke und mein UnverstĂ€ndnis und beginnt ein GesprĂ€ch. Da er ein Astra in der Hand hĂ€lt hat er direkt Sympathiepunkte und ich lasse mich auf die sarkastische Philosophierunde ein. Sinn macht es fĂŒr mich auch nachdem trotzdem nicht, aber ich bin beruhigt, dass das nicht nur mir so geht, sondern auch Menschen, die es eigentlich verstehen sollten, vielen Dank dafĂŒr unbekannter ErklĂ€rbar đ Entgegen aller Erwartungen der letzten 2 Stunden verlieĂ ich weniger mit einem KopfschĂŒtteln, sondern mehr mit einem LĂ€cheln das GelĂ€nde.
Kunst ist ein weiter Begriff und offenbar ist Kunst fĂŒr jeden auch irgendwie etwas anders und bedeutet einem unterschiedlich viel, löst Emotionen aus und bedarf einem gewissen EinfĂŒhlungsvermögen. Dinge die anderen die Welt bedeuten und voller Herzblut stecken lösen bei anderen absolutes UnverstĂ€ndnis hervor. So war es bei mir heute und ich bin mir sicher, dass es mehr als genug Menschen gibt die auch meine Welt, das Urbexen, die Fotografie, meine Liebe zum Morbiden und Seltsamen nicht verstehen. Es ist alles eine Frage des Blickwinkels. đ Jeder ist anders, jeder liebt und lebt anders und das ist auch gut so.
Wirklich loben muss ich an letzter Stelle trotz aller vorangegangener Kritik die unvergleichliche Behindertenfreundlichkeit. Das ist wirklich selten und sicherlich groĂartig fĂŒr einen körperlich eingeschrĂ€nkten Menschen auch ein solches GebĂ€ude mal von innen sehen zu können. Viele Rollstuhlfahrer haben dieses Angebot auch am heutigen Nachmittag genutzt. Wundervolle Sache, meinen gröĂten Respekt und Dank dafĂŒr, dass ihnen das ermöglicht wird.
800Der winzige Raum nebenan projezierte einen Film an die Decke. Soweit so unspektakĂŒlar. Spannender wurde es schon nebenan im Saal. Die (Zwischen)Decke wurde an vielen Seiten aufgerissen und die KabelkanĂ€le heraus gezerrt und wild umher gehangen. Das machte durchaus Eindruck und wurde auch direkt als Kunstwerk erkannt. Ganz gut gemacht bis zu dem Punkt als wir die Beschreibung dazu gelesen haben. Also Freunde der Sonne, mal ehrlich, nicht alles was man macht muss man begrĂŒnden, manchmal reicht es auch einfach, dass es geil aussieht, aber so einen Blödsinn dazu zu dichten⊠(Tipp der Redaktion: erst anschauen, dann grĂŒbeln/brainstormen und dann die Auflösung lesen đ ĂŒberragend und ĂŒberraschender als jede Game of Thrones Folge
 Kunst&Krempel Prepare to be underwhelmed! Es ist mal wieder soweit, wie schon letztes Jahr veranstalten die "Begehungen" ein Kunst- und Kulturfestival in Chemnitz.