Zusammenfassung des Interviews mit Tanja Busse
Tanja Busse ist auf dem Land groß geworden, hat also den Strukturwandel der Landwirtschaft vor Ort miterlebt. Diese Erfahrung war für sie sehr prägend. Studierte fortan Journalistik und verdiente sich als freie Moderatorin und Buchautorin ihre Sporen. (Ich reite ohne Sporen!!) Gerade arbeitet sie an einem Buchmanuskript und recherchiert zum Thema „Agrarindustrielles System“. Ein Beispiel sind die hochleistungsfähigen Kühe, die herangezüchtet werden und schon nach zwei Jahren zum Schlachter gefahren werden müssen. Hiermit möchte sie die Fehler im System anprangern.
Bei ihrer Recherche geht sie gewissenhaft und journalistisch vor. Sie versucht jede Seite ausführlich zu beleuchten, verfolgt Foren und versucht so viele Meinungen wie möglich einzuholen. Das Buch soll im Frühjahr 2015 erscheinen.
1. Frage: Welchen Stellenwert hat die grüne Woche (zentrale Messe für Ernährung und Landwirtschaft) mittlerweile?
Die Gegner der Agrarindustrie machten sie größer. Sie ist gleichzeitig eine Versammlung von Gegnern der Massentierhaltung, Konsumenten und Bauern. Sie sieht hierin einen gesellschaftlichen Konflikt und Wendepunkt durch die Demos zur grünen Woche.
2. Frage: In Deutschland gibt es keine Massentierhaltung – Zitat Bauernverband – stimmt das?
Die Situation mag zwar in den USA um einiges schlimmer sein, doch besser macht es die Zustände in Deutschland noch lange nicht. Es findet inzwischen aber ein Dialog zwischen Bauern und Konsumenten statt. So installierten manche Bauern Kameras in ihren Ställen.
3. Frage: Welches öffentliche Image hat ein Landwirt heute aus deiner Sicht?
Sie hat viel Verständnis für die Situation der Bauern, da diese wirtschaftlich arbeiten müssen. Es stellt sich die Frage, ob der Bauernverband überhaupt die Interessen der Kleinbauern vertritt. Glücklicherweise nimmt die Öffentlichkeit diesen Konflikt war, z.B. durch den Milchpreisstreik. Die Bauern sind also nicht wirklich an Massentierhaltung schuld, da die Großkonzerne einen ökonomischen Druck auf die Kleinbauern ausüben.
4. Frage: Biobauern werden wieder konventionell. Wieso? Ist das ein Trend?
Es gibt tatsächlich Probleme für Bauern Absatzmärkte für ihre Bioprodukte zu finden. Großkonzerne importieren immer mehr Bioprodukte aus dem Ausland, wodurch die örtlichen Bauern im Regen stehen. Zwar ist die Nachfrage da, die Supermärkte allerdings nicht gewohnt kleine Mengen beim örtlichen Bauern zu bestellen. Die Vermarktungskette ist nicht gut gelöst. Marktversagen!
5. Frage: Ist Regio das neue Bio?
Das darf sich nicht ersetzen, viel eher muss es sich bedingen. Importe sind nämlich nicht wirklich bio, sondern bio müssten eigentlich immer so regional wie möglich sein. Eigentlich müsste es Hand in Hand gehen. Das Idealbild wäre ein ökologischer Kreislauf, der regional verwurzelt ist.
6. Ernährung und soziales – was ist passiert?
Hier muss man die kulturellen und historischen Hintergründe in Betracht ziehen. Deutschland hat erfahren, was es heißt, Hunger zu leiden. In zwei Weltkriegen litt die Bevölkerung an Hunger, was sich natürlich nicht wiederholen durfte. Bauern haben einiges getan, um Erträge zu erwirtschaften und die Politik des Wachstums wird seither fortgeführt. Die Ertragssteigerung ist jetzt wie Hochleistungssport. Immer mehr, mehr, mehr. Das führt zu bloßer Massenernährung und billigem Essen. Es gibt allerdings Gegenbewegungen: Tierrechtsbewegung, Menschen, die keine Billignahrung mehr essen wollen…
7. Frage: In den Supermärkten reichen die regionalen Produkte nicht aus. Wird es dadurch zu einer Rückentwicklung der Konsumenten kommen?
Nein, beziehungsweise gibt es beide Bewegungen. Kann man also nicht so sagen.
8. Frage: Wie kommt der hohe Preis der Bio-Produkte zustande?
Der normale Bauer wird durch Subventionen geschützt, muss für Schäden an der Umwelt nicht zahlen, er verursacht externe Kosten, die auf die Allgemeinheit (Trinkwasseraufbereitung) und auf zukünftige Generationen (Verlust der Bio-Diversität) abgewälzt werden. Bio-Bauern nehmen auf die Natur Rücksicht und bekommen kaum zusätzliche Unterstützung. Der Preisdruck der großen Supermarktketten tut sein Übriges dazu.
9. Frage: Warum hat Ihr Buch den Titel Ernährungsdiktatur? Wir können doch frei wählen, was wir essen und was nicht.
Mal "ich", mal "sie" - wie ist denn nun die Perspektive. "Sie" ist mir lieber, weil es ja nicht mein Wortlaut ist, sondern eine Zusammenfassung über mich : ) Was ich zeigen wollte: Wir haben eine riesige Auswahl an Lebensmitteln. Beispielsweise gibt es im Regal 50 verschiedene Müslisorten. Wirft man jedoch einen genauen Blick darauf, merkt man: Es ist immer dasselbe nur in anderer Form und anderen Farbstoffen. Eine Vielzahl an Produkten wird lediglich suggeriert, ist allerdings nicht tatsächlich vorhanden. Diese Auswahl wird dann auch nur von zwei großen Herstellern dominiert, weshalb ich Ernährungsdiktatur ganz passend fand.
10. Frage: Inwieweit beuten Supermärkte den Trend zum Bio-Produkt aus?
Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt schon Leute in den Supermarktketten, die gerne etwas ändern würden. Allerdings befindet sich der Markt unter großem Preisdruck, weshalb echte Veränderungen schwierig werden. REWE hat zum Beispiel ein Nachhaltigkeitsprogramm. Viele möchten beispielsweise eine gesetzliche Vorlage zu Thema Bio-Standards und Tierschutz an die sich alle halten müssen.
11. Frage: Wie schützt sich der Kunde am besten vor Betrug?
Man muss sich zwingend selbst informieren. Selbst bei den Unternehmen nachfragen, sorgt für Aufmerksamkeit, die sie zum Umdenken bewegen könnten.
12. Frage: Was ist das Institut für Welternährung?
Das befindet sich gerade im Aufbau. Es ist eine Institution, in der sich Menschen treffen, die an dieser Thematik arbeiten und am regen Austausch interessiert sind. An der Webseite wird gerade gebastelt. An der Finanzierung wird gearbeitet und alsbald sollen auch eigene Forschungen vorangetrieben werden. Jeder kann dort Mitglied werden.
13. Frage: Man darf sich als Journalist nicht mit einer Sache gemein machen, auch wenn es eine gute Sache ist. Stimmen sie dem zu?
Ein wichtiger Punkt, der mich auch sehr beschäftigt. Mit der Moderation der Demo "Wir haben es satt" gegen die Agrarindustrie anlässlich der grünen Woche habe ich mich mit einer Sache gemein gemacht. Als Ergebnis von Recherchen, die mich zu dem Schluss kommen lassen haben, dass wir dringend eine andere Agrarpolitik brauchen. Als Buchautorin kann ich das machen. Schwierig wird das, wenn man einerseits als Autorin eine dezidierte Position vertritt, andererseits als Moderatorin einer Sendung objektiv sein muss. Da muss man gut aufpassen. Der journalistische Ansatz sollte allerdings immer sein, objektiv an eine Sache heranzugehen (wobei objektiv ein erkenntnistheoretisch fragwürdiger Begriff ist), immer beide Seiten zu sprechen und immer nachzuhaken.