Rettung in letzter Sekunde?
Ich steh‘ auf einem Felsvorsprung an einem Abgrund – vor mir der Horizont. Ich starre in die Ferne, lasse Gedanken durch meinen Kopf fliegen. Oft stand ich schon an diesem Ort, diesem Abgrund. Doch noch nie so nah wie jetzt. Ich schließe meine Augen, lege meinen Kopf in den Nacken und breite meine Arme aus. Alle Gedanken drehen sich nur noch darum, wie es ist schwerelos zu sein; wie es ist, diesen Abgrund hinunter zu fallen; unten aufzukommen und nichts mehr zu spüren, weil mein Geist meinen Körper verlässt.
Als ich mich immer näher dem Abgrund nähere und mich fallen lassen will, spüre ich, wie eine Hand nach mir greift und mich an meinem Shirt zurück zieht. Ich falle zu Boden, verliere mein Bewusstsein. Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich eine Person über mir – erst verschwommen, dann klarer werdend. Es warst du. Mein Kopf ist auf deinen Knien abgestützt und ich spüre wie du mir durch mein Gesicht streichst. Du hast Tränen im Gesicht, ich höre deine Stimme etwas sagen, aber kann es nicht wirklich verstehen. Ich nehm‘ all meine Kraft zusammen und greife mit meiner Hand nach deiner – zumindest versuche ich es. Du scheinst meine Absicht zu merken, nimmst meine Hand und hälst sie fest. Ich erkenne ein leichtes Lächeln in deinem Gesicht, merke wie es dich erleichtert, dass ich reagiere und mein Bewusstsein wiedererlangt habe.
Du hast mich gerettet, vor meinem Tod, vor mir selbst – mal wieder. Nur war ich nie so nah am Abgrund, am Tod, wie dieses mal. Und du warst wieder da, hast mich zurückgezogen. Wie soll ich dir für all das danken, wie kann ich es ansatzweise wieder gut machen? Wahrscheinlich müsste ich das nicht, weil du es für selbstverständlich hälst, aber für mich ist es das nicht.
Ich sehe, wie immer wieder Leute an uns vorbeilaufen, einen kurzen Blick auf uns werfen, aber weitergehen – doch eine junge Frau hält an. Sie kniet sich zu uns, fragt, ob sie helfen könne. Sie legt ihre Jacke über meinen Körper und tauscht den Platz mit dir. Du kniest nun neben mir, immer noch mit meiner Hand in deiner. Du legst deinen Kopf auf meine Brust. Mittlerweile reicht meine Kraft wieder um mit meiner anderen Hand über deinen Kopf zu streichen. Du hast deine Augen geschlossen, scheinst meinem Herzschlag zu horchen.
Es vergehen noch einige Minuten in denen du mit deinem Kopf auf meiner Brust liegst. Die Helferin fragt mich, ob alles okay sei und ob ich versuchen wolle aufzustehen. Ich stimme nickend zu. Du hebst deinen Kopf von meiner Brust, stehst auf – immer noch hälst du meine Hand. Du hilfst mir meinen Körper aufzurichten. Die Helferin nimmt meine andere Hand und fragt ob ich bereit sei. Ich stimme wieder nickend zu und ihr zwei zieht vorsichtig an meinen Armen. Langsam beginne ich mich auf meine Füße zu stellen und wieder auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Ihr stützt mich bei meinen Schritten, bis ich es schaffe meine Schritte allein zu gehen. Ich merke, wie du deine Hand von meiner lösen möchtest, doch ich halte sie weiter fest. Du schaust mich. „Bitte, lass mich nicht mehr los“, flüstere ich ihr mit noch schwacher Stimme zu. Du lächelst, umfasst meine Hand wieder fester und wir gehen meinen – oder besser gesagt unseren Weg gemeinsam weiter, weit entfernt vom Abgrund; mit der Hoffnung, dass ich nie wieder dort stehe.















