Tag 1434 / Was ich bisher fand, war nicht das Gesuchte
Auf der Straße ins Handy geschrieben: Ich komme nicht aus faul, ich komme aus krank, du arrogante Trulla! Was haben Sie denn gemacht seit dem Ende der LTA-Maßnahme? Eine Frechheit! Ich suche Arbeit, du Scheißehirn! Und wegen Leuten wie dir, die in Konzernen Arbeiten, die sich Vielfalt und Toleranz auf die Fahne schreiben, ohne zu verstehen, was das bedeutet, funktioniert das nicht. Frau X. ist so wertvoll! Ohne sie wäre ich jetzt in diesem Moment nicht so selbstbewusst, dass ich mir vornehme: Ich entschuldige mich nicht mehr für Zeiten der Arbeitslosigkeit, für Zeiten der Krankheit, für... "Zukunft der Arbeit" - Guckt es euch an. So wie ihr? Niemals mehr. "Timeout statt Burnout" steht auf dem Plakat da. Drei Tage später, eine S-Bahn-Station weiter: wieder ein Gespräch. "Alm, aber sexy" sagt die Schokoreklame. Ich muss lächeln und bekomme Lust auf Schoko. Aber in Deutschland ist es einfacher, ein Bier zu bekommen als eine Tafel Schokolade.
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Im Café ins Notizbuch geschrieben: Das ist es nicht, ist es auch nicht. Macht aber nichts. War wertschätzender als die letzten beiden. Anerkennung bekommen dafür, wie präzise ich das Aufgabengebiet erfasst habe, dass ich sogar weiß, welches CMS die nutzen. Im Excel-Test voll verkackt. Wieder gemerkt, wenn man behauptet, das zu können, müsste man Übungsaufgaben regelmäßig machen. Es wird erst der Job der richtige sein, für den ich nicht / kaum üben muss, wo mir alles liegt. Mittwoch vielleicht.
In diesem Café gewesen vor fünf Jahren, als ich mein Gesicht nach dem Lichte strecken wollte. Ambulante Entgiftung. Bei Kaffee und reichlich belegten, warmgemachten Riesenstullen Zeit totschlagen, Zeit retten, zwischen Therapie-, Untersuchungs-, Kontroll-, Anwesenheitspflichteinheiten. Nichts mit mir anzufangen gewusst. Für ein paar Tage Häkeln begonnen. Spätestens als Mutti sagte, ich häkele falsch, es wieder eingestellt. Was soll man abends machen, wenn man sonst immer gesoffen hat? Was soll man tagsüber machen, wenn sich die Gedanken nur ums Saufen drehen? Ich wusste das nicht.
Die Enttäuschung einer abgebrochenen Entgiftung wiegt für die Angehörigen schwerer als für den Alkoholiker. Zumindest habe ich in meiner Erinnerung an 2014 keine Enttäuschung über mich selbst abgespeichert. Das war kein klares Denken, keine nüchterne Entscheidung: "Dann trinke ich jetzt wieder." Als ich schräg gegenüber das erste Mal in meinem Leben eine Alkoholentzugsbehandlung, diese ambulante Entgiftung antrat, war dieses Café eines von Thürmann. Inzwischen heißt es Schäfer's und gehört zu Edeka. "Viel besser die Konditionen jetzt!" sagt die Angestellte auf meine Nachfrage hin. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, besser bezahlt... Bei dem Job eben hätte ich schlechtere Konditionen. Kein mobiles Arbeiten. Überfülltes Büro. "wird stressig", "wird stressig" - sie sagte das mehrmals. "Auf jeden Fall Vollzeit." Auf jeden Fall ohne mich. Im WC-Raum gedacht: So möchte ich nicht mehr arbeiten. Nicht ("nur"), so kann ich nicht... Ich will es nicht. Ich will keine Beziehung mit einem unzuverlässigen Luftschlosskonstrukteur und ich will keinen Arbeitsplatz, der Innovationen verkauft, aber nicht lebt, der außen sozial tut und innen diskriminiert, der Respekt predigt und würdelos verbal zutritt.
Auf jeden Fall war ich mehr ich. So wie ich es im Blogeintrag von Tag 1397 schrieb. Mich nicht zu sehr verstellen. Mut zum Anderssein. Nagellack, der nicht zur Lippenfarbe passt. Strickjacke, die absolut nicht blazermäßig ist. Traue mich wieder aufs Spielfeld. Vielleicht sogar motivierter als jemand, der die letzten fünf Jahre durchgearbeitet hat. Irgendwann könnte ich eine derer sein, die sich als externe Freie auf Ausschreibungen bewirbt, die ich in der Position verwalten sollte. Auf jeden Fall was dazu gelernt. Und sehr müde, obwohl es gar nicht so lange ging. Die Bewerberin nach mir war sehr alt. Ich hatte Gänsehaut beim Warten vorm Gespräch wie beim Friseur, wenn alles sehr schön ist. Aber die Konditionen sind halt STRESS. Arbeit und ich passen nur noch unter ganz speziellen Umständen zusammen. "Ich will euer Leben nicht", an den Refrain des Lieds von der Band Basis gedacht. Neben "Hymn" (Tag 973) und "Strangelove" im Café das Motto des Tages gehört: "I still haven't found what I'm looking for".













