Tag 1736 / Seine Tochter hat gerade einen Entzug angetreten
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Tag 1736 / Seine Tochter hat gerade einen Entzug angetreten
Tag 584 / Nehm' Träume für bare Münze
Nachmittags radelnd auf der Skalitzer habe ich das Lied laut gesungen. Abends gehend auf der Lausitzer habe ich gedacht, es passt zu der Münze, die ich gerade in Empfang nahm. Eine bare, wahrhaftige, echte, reine, pure, bloße Münze. „18 Months“ eingeprägt. War das ein Traum, ein Wunsch? Als einen Versuch würde ich es ehrlicherweise bezeichnen, als eine Idee.
Letzte Gelegenheit für die Abholung des AA-Chips vor der / für die medizinisch-berufliche/n Reha. Die Trockenheits-Münze mitnehmen, dabeihaben können.
Eine AA-Rede habe ich gehalten. Wer da vorn steht, dankt AA. Dankt, dass es AA gibt. Ich dankte dafür, dass ich so angenommen wurde wie ich war - noch trinkend, nichts sagend in meinen ersten AA-Monaten. Dass ich angenommen wurde, wie ich bin - trocken, trocknend. Dankte, es in meinem Tempo machen zu dürfen. Und dankte indirekt der Kapieren-oder-Krepieren-Front, ohne die ich den Ernst nicht begriffen hätte. Danken würde ich da auch gern meiner Therapeutin und der Ärztin von früher. Denen habe ich aber schon bei meiner letzten Rede gedankt. Und ich berichte mindestens alle sechs bis acht Wochen, dass ich AA ohne deren und das Zureden der Suchtberaterin nicht besucht hätte. Über Therapeuten, Ärzte, Suchtberater sprechen, ist in vielen AA-Gruppen nicht so angesagt. Ich würde diesen drei Frauen gerne Denkmäler bauen. Oder zumindest mal riesige Blumensträuße schicken. Ohne die drei wäre ich nicht hier, inzwischen 19 Monate und drei Tage trocken. Das sind meine Lebensretterinnen. Die haben mich nicht aufgegeben. Die kannten mich 2014 trinkend. Die kennen viele Menschen trinkend, Suchtmittel konsumierend. Und die retten vielen das Leben. Nicht mit einer spektakulären Aktion, sondern mit vielen kleinen. Schritt für Schritt. Genau so wie auch die Abstinenz wächst.
Nachmittags radelnd auf der Skalitzer habe ich das Lied laut gesungen. Ein Liebeslied. An die Abstinenz, an die Abstinente gerichtet. Nach 72 Stunden wieder suchtdruckfrei. Seit 584 Tagen suchtmittelfrei. Nehm' Träume für bare Münze... Will jeden Moment genießen, Dauer ewiglich... Bin vor Freude außer mir... Betanke mich mit Leben...
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Herbert Grönemeyer Halt mich https://www.youtube.com/watch?v=ciMqbGztNzs&app=desktop
Tag 66 / Applaus, Applaus für meine Worte
Applaus bekomme ich sogar schon, bevor ich das erste Wort gesagt habe. Auf die Frage hin "Wer ist heute zwei Monate trocken?" erhebe ich mich. Von Applaus getragen gehe ich nach vorne, wo die AA-Chips verliehen werden. Das ist keine Show. Ich spiele keine Rolle. Das ist die Realität. Und ich bin ich. Ich bin seit zwei Monaten und ein paar Tagen trocken, und das reicht aus, um Beifall, Anerkennung und eine Umarmung zu bekommen. Dann sage ich: "Hallo, ich bin Agatha, und ich bin Alkoholikerin." "Hallo, Agatha" sprechen etwa zwei Dutzend im Chor. Eigentlich wäre das genug. Niemand muss dann noch mehr sagen. Die meisten aber sagen ein paar Worte, wenn sie den neuen Chip in der Hand halten, bevor sie sich wieder hinsetzen. Ich sage heute auch etwas, gucke dabei mal auf den Chip, mal an die Decke des Raumes, mal in einzelne, freundliche Gesichter, mal zu der Frau, die das Meeting leitet und zu der, die zu Beginn ihre Lebensgeschichte vorgestellt hatte. Ich bedanke mich bei der einen Frau für den sehr berührenden Bericht über ihr Leben. Die Tränen waren mir gekommen, als sie sprach, sagte ich. Und dass ich jetzt nicht schon wieder weinen möchte. Also erzähle ich von einer Situation am Sonntag in der Tram, als mich eine Frau dumm von der Seite anmachte. Und daran, dass ich ruhig geblieben bin, dass ich lächeln konnte und keinen Groll mit nach Hause genommen habe, merke und spüre ich langsam Fortschritte. Dass ich mehr Gelassenheit empfinden kann, dass mich solche Situationen nicht mehr wie früher aus der Bahn werfen. Zweimal bringe ich die anderen im Meeting zum Lachen. Ich weiß nicht mehr, was ich genau wie gesagt habe. Darum geht es auch gar nicht. Es ist unwichtig, was ich sage und wie ich es sage. Was zählt, ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Als ich wieder Platz genommen habe, werden noch 1-Monats- und 24-Stunden-Chips ausgegeben, und es wird wieder für jeden einzelnen mehrfach applaudiert. Am Ende des Meetings bekomme ich auch noch persönliche Glückwünsche, Händedrücken, Umarmungen und viel Lächeln geschenkt. "Ich höre dir immer so gerne zu, wenn du sprichst" sagt jemand. "Ich freue mich, wenn du hierher kommst und dir deine Chips abholst." "Du könntest bestimmt gut mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Du hast eine ganz tolle, angenehme Art zu sprechen." sagt jemand anderes. Wow! Der Tag 66 war ziemlich ätzend, bis ich um ca. 19.40 Uhr in diesem AA-Meeting aufschlug. Und dass ich so viele tolle Rückmeldungen bekomme, trägt mich zusammen mit dem Applaus durch die kommenden ätzenden, semi-ätzenden und okayen Tage bis zum nächsten Chip. Wo bekommt man Applaus dafür, dass man so ist wie man ist?