Tag 581 / Natural bleeding of my emotional wounds
Überidentifikation mit der F.10.2 Diagnose, mit dem Alkoholismus, schadet mir nicht.
Überidentifikation mit der Grenzlinie-Diagnose hingegen möglicherweise schon.
Vormittags habe ich so doll geweint wie bei den schlimmsten menschlichen Verlusten.
Dieses sehr laute Heulen und Schluchzen, nach Luft schnappen, würgen, zugeschnürter Hals, herausgerissenes Herz.
So wie damals, als Ossip und ich telefonisch die enge und lange Freundschaft auf Eis legten, wie damals, als Helge endlich, final, wahrhaftig Schluss machte, so wie damals, als Großmutter im Krankenhausbett lag, ihre Hand nicht mehr meine drückte, ihre Augen nicht mehr mein Gesicht ansahen, ihr Atem nicht mehr aus ihrem starren Körper strömte.
Konsumgedanken kamen mir mittags auf dem Balkon. Da dachte ich ans Saufen. An den Rotwein. Das Glas in meiner Hand. Wie mir das Zeug die Kehle runterläuft, wie ich schlucke und mich betäube.
Die Sehnsucht nach Wegballern, Hirnausschalten, Dichtmachen befiel mich nachmittags im Schlafzimmer. Da dachte ich an Tabletten. Die Ibuprofen, die Promethazin. Wie ich die Pillen schlucke und mich betäube. Nicht zu viele, aber spüren wollen würde ich schon was.
Der Druck, etwas nehmen zu müssen, diese Ablehnungserfahrung nach dem vormittäglichen Telefonstreit mit der Schwester, diese Verzweiflung, das Alleinsein, die Überforderung, das HierundJetzt nicht auszuhalten, quälte mich abends, als ich die U-Bahn-Station auf dem Weg zum AA-Meeting verließ. Auf den Stufen lag eine nur zu einem Viertel gerauchte selbstgedrehte Zigarette, die ich sofort für einen Joint hielt, den ich mir doch anzünden und reinziehen könnte. Betäuben, den Leidensdruck mal eine Weile nicht spüren, die Gefühle mal eine Weile überlagern.
Ich habe mich getraut, in diesem Meeting zu erzählen von dem Druck. Und der Druck entlud sich ein wenig in den vielen Tränen, die beim Sprechen aus mir strömten. Eine scheiß Krankheit ist das, dieser Alkoholismus. Die eine Gehirnhälfte weiß ja, dass ich mit dem Saufen nichts verbessern kann. Dass sich meine Gefühle gegenüber meiner Schwester durchs Trinken wahrscheinlich noch verschlimmern würden.
Und doch ist da dieser Druck. Das Verlangen. Die Gier. Der Wunsch. Die Sehnsucht.
Und doch sind da diese Scheißegal-LecktMichDoch-JetztErstrecht-EsReicht-IchPlatze-Gedanken.
Diese erlaubnisgebenden.
Diese vorgezogene Rechtfertigung des bevorstehenden Rückfalls.
Und das ist der Punkt, wo die Überidentifikation mit der Grenzlinie-Persönlichkeit mir schadet.
Denn auf der U-Bahn-Treppe sagte ich mir: Grenzlinie-Menschen würden jetzt.
Du bist doch so Grenzlinie.
Entspräche doch nur deinem Störungsbild.
Dann gehörste eben mehr zu den Grenzlinie-Leuten, die es schwerer haben, aus der Sucht auszusteigen. Zu denen, die es nicht schaffen.
Doppel-, Tripel-, Quadrupel-Diagnosen.
Du kannst gar nicht anders.
Es wird jeder verstehen.
Ich erzählte in dem Meeting von dem Druck und weinte. Alle waren so still, Ignatius hat zweimal "Schscht!" gemacht, als einige murmelten. Ich heulte so sehr und versuchte mich selbst zu rechtfertigen, zu beruhigen, ich machte sogar Pausen beim Sprechen. Diese Stille.
Aushalten, Annehmen der Realität, Annehmen, der Dinge, die ich nicht ändern kann.
Ich weiß, was zu tun ist, aber es fällt mir unendlich schwer.
"Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben, Trocken bleiben - Nüchtern leben..."
Als ich die Parallelstraße zu meiner hochging, sagte ich leise immer wieder den Titel meines Lieblings-AA-Buches.
Es ist scheißegal, ob andere mich für bescheuert halten. Ob andere meine Lippenbewegungen sehen. Ob andere hören, was ich sage.
Trocken bleiben - Nüchtern leben. Darum geht es für mich.
"Ich heiße Agatha und ich bin Alkoholikerin."
Und ich bleibe Alkoholikerin.
In dem Teil von Deutschland, den es nicht mehr gibt, war der 7. Oktober Nationalfeiertag, erzählte einer in dem Meeting, der heute einen fortgeschrittenen, zweistelligen Genesungsgeburtstag hat.
Ich heiße Agatha, bin Alkoholikerin und heute seit 19 Monaten trocken.
“Tears have a wisdom all their own. They come when a person has relaxed enough to let go and to work through his sorrow. They are a natural bleeding of an emotional wound, carrying the poison out of the system. Here lies the road to recovery.”
F. Alexander Magoun