Werd die Schuldgefühle einfach nicht los.
09.02.2017
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Werd die Schuldgefühle einfach nicht los.
09.02.2017
Was hast du nur mit mir angestellt?
@lostfounddead
Das Angestellten-Kollektiv
Heute hat mich seit langem mal wieder etwas inspiriert. Es war ein Interview, dass DIE ZEIT mit der Soziologin Alexandra Schauer geführt hat (vom 28.01.2023). Sie beschreibt darin sehr gut das Lebensgefühl unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Zumindest trifft es mein Lebensgefühl sehr gut. Die Welt fühlt sich verloren an. Es ist leichter, sich den Untergang der Welt vorzustellen als eine andere, eine bessere Gesellschaft. Das Ende der Geschichte ist erreicht. Das war vor 100 Jahren noch anders. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es die Arbeiterklasse. Sie stellte den Großteil der Bevölkerung dar. Sie einte die Arbeitsbedingungen in den Fabriken, der Aufstieg war linear und der Weg lag klar vor einem. Es gab ein Gefühl von Gemeinschaft. Und trotz aller Widrigkeiten und harten Arbeitsbedingungen gab es einen Fortschrittsoptimismus. Da war ein Kollektiv. Ein Arbeiter-Kollektiv.
Heutzutage ist der Großteil der Bevölkerung in einem Angestellten-Verhältnis. Doch gibt es deswegen ein Angestellten-Kollektiv? Fühlt man sich als Angestellte automatisch mit anderen Angestellten verbunden? Liegt der Weg, Karriereweg, Lebensweg, klar vor einem? Eint uns Angestellte ein Gemeinschaftsgefühl? Es wäre doch naheliegend. Aber ich fühle das nicht. Ich fühle vielleicht noch eine Verbindung zu meinen unmittelbaren Kollegen. Aber mehr aus einem gleichen Erleben des direkten Umfelds, nicht aus der Tatsache heraus, dass wir alle angestellt sind.
Und dabei machen wir Angestellte doch kollektiv die selben Erfahrungen. Zumindest wenn ich die Büro-Angestellten betrachte. Nur von denen kann ich sprechen, weil ich selbst eine Büro-Angestellte bin. Ich weiß nicht, ob Angestellte in anderen Bereichen die selben oder ähnliche Erfahrungen machen. Vielleicht findet sich in meinen Beschreibungen jemand wieder, auch wenn er nicht im Büro angestellt ist. Nun, ich will hier von dem reden, was ich selbst erfahre. Das Kollektiv der Büro-Angestellten.
Eine schöne Beobachtung aus dem Interview ist mir hängen geblieben, weil ich es in meinem Job gerade genauso erlebe: Von den Angestellten wird gefordert, dass sie sich permanent verändern und dann werden ihnen Probleme vorgesetzt, die sie möglichst kreativ lösen sollen. Das erlebe ich gerade. Mein Job ist es, Kunden zu überzeugen ein Produkt täglich zu nutzen. Doch ich kann den Kunden immer nur wieder davon vorschwärmen, wie toll das Produkt ist und dass sie es doch bitte, bitte wieder nutzen sollen. Doch dass das Produkt auch tatsächlich toll ist, das liegt nicht in meiner Hand. Darum kümmern sich andere Abteilungen. Was soll ich also tun? Ich soll Expertise in diese anderen Bereiche reintragen, den Kollegen dort auf die Finger schauen und hauen. Ich soll Versäumnisse in der Marktbearbeitung der letzten 10 Jahre ausbügeln. Niemand von den Oberen weiß, wie man das machen soll. Alle blicken ein wenig ratlos aus der Wäsche. Nein, niemand kennt die ultimative Lösung. Diese Stück für Stück aufzudecken obliegt mir und meinem Team. Uns Angestellten. Wir werden vor unlösbare Aufgaben gestellt, bekommen begrenzte Mittel zur Verfügung, Auswüchse an komplexen Prozessen, veraltete Technologien, festgefahrene Strukturen. Die Probleme, die da vor uns hingestellt werden, vor denen konnten unsere Vorgänger noch die Augen verschließen. Wir können das nicht mehr. Plötzlich sind sie essenziell für den Fortbestand der Firma. Die oberste Ebene schaut drauf, will, dass sich da was bewegt und zwar möglichst schnell. Es nervt. Macht uns nicht für eure Kurzsichtigkeit verantwortlich. Gesteht euch eure Fehlentscheidungen ein und helft uns das Chaos erst mal aufzuräumen, das ihr verursacht habt. Würde ich gerne sagen. Sage ich aber nicht. Oder vielleicht doch? Wäre vielleicht mal notwendig.
Ich bin sehr auf Leistung getrimmt. Wenn etwas nicht funktioniert, schiebe ich es auf mein persönliches Versagen. Ich tue so viel dafür besser im Job zu werden. Ich habe eine Therapie gemacht, ich war beim Coaching, ich gehe zu jedem Seminar, was sich mir anbietet. Versuche mich im Netzwerken, halte die Augen und Ohren offen nach erfahreneren Angestellten, von denen ich was lernen kann. Ich trimme meinen Geist und meinen Körper darauf zu funktionieren. Ich stehe seit Neustem pünktlich mit dem Weckerklingeln auf. Kein Snoozen mehr. An Home Office-Tagen gehe ich nach dem Aufstehen Joggen. In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. So heißt es doch. Ich will mental gesund bleiben, denn ich stehe permanent am Abgrund. Laufen soll da helfen. Außerdem mache ich noch Yoga. Trainiere mich in Achtsamkeit. Damit ich vor lauter Arbeitsstress trotzdem glücklich und zufrieden bin. Und zwar mit genau dem, was gerade ist. Die Wohnung ist zu klein? Atme ein und aus. Wenigstens hast du ein Dach überm Kopf. Dein Job raubt dir den letzten Nerv? Atme ein und aus. Der Job finanziert dein Leben. Du fühlst dich verloren und wie im Hamsterrad? Atme ein und aus. Du bist doch gesegnet, bist jung und gesund. Wenn du unzufrieden bist, dann ändere etwas. Ach ja? Und was, bitteschön? Ein anderer Job, der mich genau wieder an die gleiche Stelle führt? Denn auch im neuen Job wäre ich Angestellte. Teil des Kollektivs.
Ich schweife ab. Was sind kollektive Erfahrungen von Angestellten? Also, Büro-Angestellten. Wie gesagt, nur deren Erfahrungen kann ich aus eigenen Erfahrungen benennen. Da sind also: Permanenter Veränderungsdruck, Forderung nach kreativen Lösungen für versäumte Probleme, Home Office, Meeting-Marathons, 9 to 5, Gespräche mit Kollegen über Wochenend- und Urlaubspläne, Gespräche mit Kollegen über vergangene Wochenend- und Urlaubserlebnisse. Arbeit vs. Freizeit. Sich gegenseitig beteuern, es sei nur ein Job. Den Vorgesetzten gegenüber beteuern, man gebe hundert Prozent.
Wer erkennt sich wieder? Gibt es mehr Angestellte, die das gleiche erleben? Gibt es gemeinsame Erfahrungen? Ein gemeinsames Bewusstsein über das Dasein als Angestellter? Gibt es ein Kollektiv?
Und wenn die Antwort auf all diese Fragen Ja lautet, sind wir zufrieden mit dem, wie es ist oder wollen wir was ändern? Wie könnte ein besseres (Arbeits-)Leben aussehen?
Schießt! Ich weiß genau zu schätzen, was sie mit diesem maßgeschneiderten Produkt angestellt haben #honda
Schießt! Ich weiß genau zu schätzen, was sie mit diesem maßgeschneiderten Produkt angestellt haben #honda
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Angestellt zu sein, heißt, für die Träume eines anderen zu arbeiten
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Muss ich noch mehr sagen? Eigentlich nicht.
Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob ich es bei Chris Guillebeau oder in einem anderen Blog/Buch gelesen habe (vielleicht weiß einer von euch Rat?):
Angestellt zu sein, heißt, für die Träume eines anderen zu arbeiten.
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