Nun, es ist noch immer der 13.02.2014 und ich kämpfe mich mit meinem Baby und dem ganzen Gepäck durch menschenleere Strassen Stuttgart's. Irgendwann sehe ich, dass bei einer, nicht wirklich einladend wirkenden Kneipe, die Tür offen steht und die Kellnerin gerade, den Boden fegt.
Endlich beim Eingang ankommend, frage ich sie, ob sie schon geöffnet hat. In ihrem Gesicht konnte man förmlich das Mitleid, welches sie gerade mir gegenüber empfand, ablesen, als sie bejate, und uns einlud, hereinzukommen. Mit den ganzen Sachen, die ich mithatte, besetzte ich einen riesengroßen Tisch und fragte als erstes nach einer Toilette (nach einem Wickelraum zu fragen, wäre mir im Traum nicht eingefallen, in so einer heruntergekommenen Wirtschaft), gab der Kellnerin aber zu verstehen, dass ich vorhatte etwas zu bestellen und nicht nur die Toilette benutzen wollte...
Nachdem ich es irgendwie geschafft habe, meinem Baby, in dem viel zu engen Klo, die Windel zu wechseln, gingen wir wieder die Stufen hoch, die in die kleine Kneipe führten. Als die Kellnerin gehört hat, dass ich mit meiner Tochter eine der yugoslawischen Sprachen sprach, vertraute sie mir an, dass sie aus Croatien stamme und seit einigen Jahren da arbeite. Ich bestellte einen Kaffee für mich und eine Bockwurst mit Brötchen (etwas Besseres gab es da nicht) für meine Kleine.
Nachdem die Kälte unsere Knochen verlassen hatte, fragte ich nach dem Weg zum Hauptbahnhof da wir ja noch immer nach Karlsruhe mussten. Die Kellnerin hatte mich vorher gründlich über meine Pläne ausgefragt und hat mir dann den kürzesten Weg zum Hauptbahnhof erklärt. Zuerst mussten wir zur Strassenbahn gelangen, was sich als sehr schwierig erwies. Vor allem die Rolltreppen machten es mir zu schaffen, mit Baby in den Armen und drei Taschen. Wir fuhren an sieben Haltestellen vorbei, um endlich am Hauptbahnhof zu gelangen. Oje, der Bahnhof erwies sich als echter Spiessrutenlauf. All die langen Gänge, Gleise und wieder unzählige Rolltreppen. Gott sei Dank, sahen zwei Polizisten, wie ich den Weg zum richtigen Gleis zu meistern versuchte und kamen zu Hilfe.
Die Zugfahrt war richtig angenehm und warm. Draußen schneite es und die feuchten Schneeflocken verwandelten sich in Wasser sobald sie den Boden berührten.
Der Taxifahrer, mit dem wir zur Erst-Aufnahme-Einrichtung in Karlsruhe fuhren, haute mich natürlich übers Ohr obwohl ich darauf bestanden hatte, dass er den Taximeter einschaltet. Das sei nicht üblich hier, bei so kurzen Fahrten, erklärte er mir. Ich wusste es natürlich besser, war aber zu müde um mit ihm zu diskutieren. Ein Gespräch mit ihm zu führen erwies sich auch als äusserst schwierig, da er der deutschen Sprache nicht wirklich mächtig war.
Wir hatten Glück, dass wir in der Asylbewerber Erst-Aufnahme-Einrichtung zu der Zeit ankamen, wo nicht sehr viele andere Leute zugereist waren und so mussten wir auch nicht lange bei der Pforte warten. In der Zwischenzeit hatte es angefangen zu regnen und wir waren ganz durchnässt.
Vor uns an der Reihe waren ein paar Albaner, die mir erklärten, dass ich auf keinen Fall unsere Pässe abgeben solle. Wenn ich das täte, sei ich geliefert, denn dann würden sie mich sofort abschieben.
Meine Tochter schrie wie am Spiess und ich fühlte ihr Herz so stark gegen die kleine Brust hämmern. Sie hatte Angst! Sie war noch nie zuvor in so einem Menschengedränge gewesen und ausserdem war ihr viel zu kalt, da wir draussen warten mussten.
Als ich an die Reihe kam, mich beim Pförtner zu melden, sagte der zu mir: " Na, wo haben Sie das da aufgegabelt? ( Mit "das da" war meine Tochter gemeint. Ihr Vater ist Afro-Amerikaner und somit ist sie eher dunkelhäutig. ) Sie können rein, nachdem Sie das da, da draußen lassen!"
Ich sagte ihm, dass das da meine verängstigte Tochter sei und übergab ihm unsere Reisepässe. Ich dachte mir, ich bin hierher gekommen, weil ich vor etwas flüchten musste und ich will es auf ehrliche Art und Weise durchziehen. Ich dachte mir, dass mich Lügen nicht sehr weit bringen würden. Die Kommentare der anderen Wartenden, wie dämlich ich sei usw., überhörte ich einfach... Genauso wie den Kommentar des rassistischen Pförtners, der völlig fehl am Platz war, dass wir keine Flüchtlinge seien, weil wir ja Reisepässe besitzen...
Was ist dann bitte ein Mensch, der sein ganzes Dasein hinter sich lässt weil er vor etwas flüchtet, das sein Leben bedroht??? Ist er kein Flüchtling???
Ich war des Diskutierens müde und wollte nur in ein Gebäude reingelassen werden, wo ich meine Tochter beruhigen, Kleidung wechseln und füttern konnte und endlich erbarmte sich der Pförtner und übergab mir einen Zettel, auf dem stand, dass wir am nächsten Morgen, Punkt 07:00 Uhr be dem und dem Gebäude erscheinen sollten. Danach schickte er einen Mann zu uns, dem wir folgen sollten. Es ging in den dritten Stock und ich musste mein Gepäck vor dem Eingang stehen lassen, weil ich nicht alles tragen konnte. Meine Tochter weinte noch immer verängstigt. Wir bekamen eine Pferdedecke und Bettwäsche für eine Person. Danach wurden wir in ein Zimmer gebracht, das nicht mal 20 m² groß war aber in dem sich vier Eisen-Stockbetten befanden. Es war keine Menschenseele darin und so wirkten die Eisen Betten wie riesige Monstergestelle. Meine Kleine bekam noch mehr Angst und klammerte sich fester an mich und ich dachte mir, ihr Herz würde ihre Brust sprengen.
Auf mich wartete aber noch immer unser Gepäck, das raufgeholt werden musste.
Da sie nicht allein im Zimmer bleiben wollte, musste ich meine Tochter wieder drei Stockwerke runter tragen um dann mit der größten Tasche wieder rauf zu gehen. Ich stellte die Tasche neben unser Bett und kehrte zurück um die anderen zwei hoch zu bringen. Als ich wieder oben war, sah ich einen 13-14-jährigen Jungen aus unserem Zimmer rauskommen. Ich wusste nicht, wie die Dinge da abliefen und was er da zu suchen hatte...
Bald stellte ich jedoch fest, was er getan hatte. Er hatte meine Tasche geöffnet und mich um Sachen im Wert von 200 € erleichtert.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, meine Kleine zu beruhigen und die Tatsache, dass noch vier Frauen mit drei Kindern und eine hochschwangere Frau, die Nacht mit uns in dem kleinen Zimmer verbringen sollten, half mir überhaupt nicht dabei.
Endlich war gegen 03:00 Uhr morgens Ruhe eingekehrt und ich konnte mein Baby umarmen und meinen Gedanken freien Lauf lassen,