Das Thema des Maskierens kommt immer wieder in Bezug zum Autismus auf. Hierbei handelt es sich um eine Schutzstrategie, die Autisten für sich nutzen, damit ihr "anderssein" nicht oder zumindest weniger auffällt.
Als Kind habe ich schon gerne Dokumentationen geschaut, da ich Fernsehen extram spannend fand. Auch heute sehe ich gerne Dokumentationen, weil ich dabei etwas über Dinge in der Welt lernen kann. Wo andere mit den Augen rollen oder solche Dokus eher langweilig finden, sehe ich sie immer noch mit anderen Augen.
Für mich sind sie eine Art Tor, zu einem besseren Verständnis über die Welt, aber eben auch über sich selbst.
Warum das eine Rolle spielt?
Gerade weil ich mir meiner "andersartigkeit" als Kind schon bewusst war, mir aber niemand von der Erwachsenen helfen konnte (vermutlich, weil einfach das Wissen darüber nicht vorhanden war), musste ich mir eben selbst helfen, was eben auch über die Dokumentationen geschah.
Damals sah ich auch eine Dokumentation über Körpersprache und Hangesten, die ich wie ein Schwamm aufsog. Seit dem gestikuliere ich bspw. mit den Händen und es sieht völlig natürlich aus.
Auch andere körperliche Reaktionen habe ich mir im Laufe der Zeit angeeignet und zwar so gut, dass selbst ein geübtes Auge nur schwer den Unterschied erkennen mag.
Letztens sagte mir meine Therapeutin sinngemäß , dass wenn man nicht den ganzen Hintergrund, also die tieferen Gedanken und meine Vergangenheit kennen würde, man nie ahnen würde, dass ich Autist bin, weil bestimmte Reaktionen eben so natürlich wirken.
In autistischen Kreisen regt man sich gerne schnell über solche Aussagen auf, weil es impliziert, dass Autisten "ja irgendwie auszusehen hätten". Ich selbst bin da nicht so empfindlich, weil ich eben tiefer über solche Dinge nachdenke und nicht emotional losstürme.
Das was mir ihre Aussage gibt ist eher, dass ich so gut im maskieren bin, dass man es von außen nicht einmal mehr wahrnehmen kann und genau darin liegt eigentlich die Last und Traurigkeit.
Denn wenn dein Schutz- oder Überlebensmechanismus dich so stark dazu bringt, dass du in deinen körperlichen Handlungen kaum mehr auffällst, dann wird erst klar, wie lebensfeindlich deine Umgebung gewesen sein muss.
In meinem Fall habe ich anscheinend alles getan, damit ich hierbei so "normal" wie möglich auftrete.
Da ist man dann so gut in etwas, steht sozusagen auf dem ersten Platz, aber eigentlich ist genau der erste Platz der, der am traurigsten ist.
Vermutlich habe ich das einer gewissen Hochbegabung zu verdanken, dass ich so schnell solche Dinge übernehmen kann, so wie ich schnell Dialekte und Sprachen übernehmen kann, wenn ich mich in der jeweiligen Umgebung befinde. Da ist die Körpersprache eben nichts anderes.
Doch was viele nicht sehen, ist, dass das Maskieren einfach extrem viel Energie kostet. Dabei geht es jetzt gar nicht unbedingt um die Körpersprache an sich, sondern vielmehr um alles was mit dem Maskieren zusammenhängt.
Auf Arbeit so zu tun, als würden die Informationen der Kollegin über ihre Kinder einen interessieren. Smalltalk mit anderen auf Arbeit. So zu tun, als wäre die Welt nicht ein lauter und chaotischer Haufen, der einen in den Wahnsinn treibt und eben noch viel mehr.
Für mich ist bspw. das Arbeiten, also arbeiten gehen und den Willen eines anderen auszuführen, eine innere Qual, die mich täglich schreien lässt. Nicht nur, weil ich nicht an meinen Projekten arbeiten und über die Zeit, die eigentlich mir gehört, verfügen kann, sondern auch weil ich dort immer mit anderen Menschen umgehen muss, die für mich einfach völlig unlogisch sind und handeln.
Dieses innere Schreien, diese innere Qual fühlt sich für mich körperlich an, was sich mitunter durch eine dauerhafte Anspannung äußert. An einigen Tagen können daraus Spannungskopfschmerzen werden, an anderen tagen muss ich mich nach der Arbeit hinlegen und schlafen.
Hier zeigt sich meiner Ansicht nach auch die Behinderung (für die Leute, die Autismus vielleicht eher weniger als Behinderung ansehen).
Jemand, der nach einfacher Büroarbeit nach Hause kommt und sich schlafen legt, reguliert sein Energiesystem. Ich würde gerne nach Hause kommen und meine Freizeit nicht gleich damit verbringen zu schlafen, damit ich den Rest des Tages und am nächsten Tag wieder halbwegs funktioniere.
Früher dachte ich immer nur, weil mir das auch ähnlich gesagt wurde, dass ich faul wäre, weil ich zwischendurch diese Nickerchen machen würde. Das bin ich eben nicht, sondern es ist die Notwendigkeit der Energieregulation, die hier ausgeführt wird.
Wer erst verstanden hat, wie das Maskieren funktioniert, sich analysiert und versucht sein Maskieren abzulegen, wird erstaunt sein. Zumindest war das in meinem Fall so, da ich hier und da gemerkt habe, wie sehr ich eigentlich maskiere.
Das nach über 40 Jahren herauszufinden, ist schon ein ganzes Stück Arbeit.