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January 10, 2024
Bildverwaltung
1.
Roland Meyer ist ein Züricher Bild- und Medienwissenschaftler, das hält ihn nicht davon ab, Rechtswissenschaftler zu sein (dafür muss man ja auch nur etwas vom Recht wissen wollen und das dann wissenschaftlich tun).
Er hat ein Standardwerk zu den Objekten geschrieben, die operationalisieren und operationalisiert sind - und insoweit, dank und durch Operationalisierung, Bild sind. Dieses Objekte sind nicht an und für sich Bild, sie sind Bilder, weil sie Protokolle führen, die abbilden, Bilder geben 'und nehmen', also betrachten oder blicken lassen (und dabei Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit einrichten oder aber, wie Descola schreibt, Sichtbarkeit mit Unsichtbarkeit unterfüttern oder doublieren). Meyers Standardwerk befasst sich nicht mit allen Bildern, nicht mit allgemeiner Bildwissenschaft, dafür aber mit besonderen Bildnissen, also Portraits (das ist fantastischer Begriff mit einer fantastischen Geschichte, die vom Tragen getragen wird). Das Buch heißt Operative Portraits. In der attraktiven Schriftenreihe Digitale Bildkulturen hat er zu dem Thema das Büchlein Gesichtserkennung veröffentlicht.
Weil Meyer den Status des Mediums, des Objekts und des Bildes an Operationen/ Operationalisierung knüpft, damit an auch an Kulturtechniken, zähle ich ihn zu denen, die Kulturtechnikforschung betreiben. Wer nicht darauf reinfallen will, was Staatsrechtslehrer V. über Kulturtechnikforschung schreibt, der sollte auch Meyer lesen. Meyer macht Kulturtechnikforschung, indem er Operationen und Operationsketten beobachtet, die dann u.a. dazu führen, dass etwas zu einem Bild oder Bildnis wird. Das trifft sich. Der Körper eines Anwaltes vor Gericht, der kann zum Bild werden (vgl. Bildregeln 2009), diplomatische Schreiben können zum Bild werden (das zeigt Warburg auf den Staatstafeln), sogar Buchstaben und Begriffe können zum Bild werden. Eine Fassade oder ein Bau kann Bild werden, Landschaft kann Bild werden. Auch wenn Meyer sich nicht mit Anwälten vor Gericht, mit diplomatischen Schreiben oder Buchstaben beschäftigt, so doch mit Operationen der Bildgebung, das würde ich auch als Kulturtechnik der Bildgebung begreifen. Ein Bild besteht nicht nur aus Bild, das teilt das Bild mit dem Recht, das auch nicht nur aus Recht besteht - und darum sind Bilder und Rechte gute Gegenstände für Kulturtechnikforschung.
2.
Im Moment befasst Meyer sich u.a. mit einem Bildersturm in der Bildverwaltung unter der aktuellen amerikanischen Regierung. Das Foto von Christina Fuentes Montenegro ist von der AP, einer Presse- und Bildagentur, es ist bekannt geworden, weil es zu den Bildern gehört, weil es, Zitat Meyer und oh Shrek!, auf Websites des amerikanischen Militärs zur Löschung markiert wurde. Das legt der Bericht über diese Markierungen nahe, der mit genau diesem Foto illustriert wurde und in dessen Text steht, Porträts von der Soldatin (nicht dass dieses Portrait und nicht dass alle Portraits von dieser Soldatin) zu Löschung von Websites markiert wurden. Dass das ein Foto von AP ist, dessen Rechte also bei einer Kooperative und sog. Incorporated Assoziation liegt, macht es unwahrscheinlich, dass so ein Löschungsvermerk der amerikanischen Regierung auch auf private Unternehmen durchschlägt. Das Bild kann von einer Webseite genommen werden und doch im Archiv bleiben, sogar in Archiven des Militärs. AP hat allerdings schon eine belastete Geschichte, kollaborierte mit der Hitlerregierung und allen, die gerade regierten. Es kann also sein, dass solche Löschvermerke die Bilder nicht nur von den Webseiten löschen, sondern auch aus den Archiven, selbst wenn das unwahrscheinlich ist, weil private Unternehmer noch mit wechselnden Regierungen rechnen. Über die leicht zugänglichen Webseiten haben jene aber leichten Zugang zum Bild, die künstliche Intelligenz speisen und füttern. Zu den schon aus ökonomischen Interessen schwer zugänglichen Archive haben sie schwerer Zugang.
Meyer vertritt die These, das sich ein Bias stabilisieren kann. Die KI-Modelle würden ohnehin schon so ein Bias aufweisen, sie sind quasi schon mit lauter Wegscheiden der Weltgeschichte gefüttert und mit lauter Persönlichkeitsidealen, die anders aussehen als Christina Fuentes Montenegro. Ein Bias stabilisiert sich eventuell stoisch, also wie Cicero das in den stoischen Paradoxien beschreibt, das wäre auch kontrafaktisch.
Im Rausch des Erfolges kümmert die Erfolgreichen im Übrigen wenig. Wenn die KI-Modelle weiter mit dem gefüttert werden, was sich im Internet findet, dann kann sich das Problem der KI-Modelle demnächst von selbst lösen. Das wäre vielleicht das, was Gunther Teubner treffend als Einheit der Unterscheidung von Autopoiesis und Selbstzerstörung beschreibt.
Kampf um das Recht
Alle Wissenschaft, die Bild- und Rechtswissenschaft ist, ist Beitrag zur Geschichte des Bilderstreites, schon weil diese Wissenschaft Bilder bestreitet, wie man das mit dem Haushalt eben so macht. Wem das Herz für Bilderstreit schlägt, dem dürfte es in diesem Sommer hüpfen oder hoppeln (also auf mindere Weise springen).
Es gibt zwei Veranstaltungen zum Kampf um das Recht. Das Mittwochsseminar fängt neu an (bei Null? From a scratch? Wie Kant? Wie Warburg? Lancierend? Gründlich? Reizend?) und widmet sein erstes Semester dem Kampf ums Recht. Man wird teilnehmen, teilweise wie bereits angekündigt und mit Kamera in der Kamera. Die Sommerakademie am MPI widmet sich in diesem Jahr auch dem Kampf um das Recht. Auch da wird man mit der Kamera in der Kamera teilnehmen.
Peter Szendy
Peter Szendy ist einer von denen, die zu einer Ökologie der Bilder schreiben. Das ist ein Bestreiten, das zum Bilderstreit gehört, auch wenn dieses Bestreiten anders läuft als in den Inventionen des byzantinischen Bilderstreites. Szendy schreibt über Bilder als Schichtungen und Schichten. Damit wird Szendy mir besonders interessant, weil ich die Unterscheidung zwischen juristischer Methode und juridischen Kulturtechniken nicht nur als archäologisch mögliche Verbindung von Rechtsgeschichte und Rechtstheorie sehe, sondern auch als Möglichkeit, in Differenzierungen immer auch Stratifikationen und Schichtungen mitzubedenken.
Überschriften
Der Flaggen welche Seite, die Flaggen welcher Seite? Welche Scharfmacherseite? Lesen Sie jetzt Seite 4 und 7.
Kombiniert sind die Titel etwas aporetisch, aber Blätter erlauben und entlauben alles. Darum sagt Helge Schneider, er würde keine Zeitung mehr lesen, stünde doch jeden Tag was anderes drin.
Phantomkonflikt ist, wenn die Scheiße vergangener Zeiten wieder aufsteigt, zwei Seiten sich anstarren und im Gegenüber ihr Monster erkennen. Dann gibt es die Aktivisten, die meinen, man müsse die Medien des Anderen verbieten und den Scharfmachern Flagge zeigen.