Da steht es also. Das Kreiskrankenhaus Motzenhausen rechts der Mecker. Sodann mein erster Arbeitsplatz. Der Ort, der mich vom Studenten zum Arzt machen soll. Mit etwas Muffensausen klettere ich von meinem Fahrrad. Vor dem Haupteingang mache ich noch einmal Halt, dann atme ich tief durch und betrete den Schlund der riesigen Kreatur, die mich da bei lebendigem Leibe zu verschlingen sucht.
Jetzt links, ins zweite UG, dann rechts, dann wieder rechts.
Die Umkleide ist wirklich nicht leicht zu finden. Ich fühle mich aber an den ersten Tag meines Pflegepraktikums erinnert. Damals, vor 5 1/2 Jahren. Ich noch jünger und ein ganzes stück dümmer als jetzt soll mir Arbeitskleidung in der Wäscherei eines großen berliner Krankenhauses besorgen. Ebenfalls im 2. UG. Damals brauche ich etwa eine Dreiviertelstunde und verlaufe mich im Keller so sehr, dass mich ein Mitarbeiter der Müllabfuhr zurück zur Pforte bringen muss.
Nicht so heute! Über fünf Jahre Studium bereiten mich optimal auf die Wegfindung im Betriebskeller eines Krankenhauses vor… Nicht. Ich schaffe es trotzdem und komme ohne Verspätung in die erste Frühbesprechung meines neuen Pjler-Lebens. Also schnell kompetent gucken, an die auf den ersten (und wie sich herausstellen sollte auch zweiten) Blick super freundliche Stationsärztin Frau Dr. Mrs. Sporty drangehängt und ab geht die Post!
Noch vor der Visite richte ich mir pflichtbewusst und übermotiviert mit Monk'scher Perfektion auf einem Tablett alles, was ich für die erste Runde Blutentnahmen brauche und mache mich auf den Weg.
KLOPF, KLOPF.
Ohne auf Antwort zu warten trete ich ein.
Einzelzimmer, denke ich. Schwerkranke Patientin. Muffige Luft. Die Venenflagge hängt auf Halbmast.
Ich stelle mich der ins Leere starrenden Frau Meyer vor und bereite mit halbwegs geschickten Handgriffen das mir völlig unbekannte Blutabnahmesystem darauf vor, sie zu stechen. Dabei fällt mir auf, dass es verdächtig still im Raum ist.
- "Frau Meyer?", frage ich vorsichtig und streichele sie am Arm. "Frau Meyer, guten Morgen! Ich bin zum Blutabnehmen da!"
Frau Meyer reagiert nicht. Ich rüttele an ihr, wobei mir neben der verdächtigen Stille eine ebenfalls sehr verdächtige Blässe und Kühle auffallen. Ich hebe die Bettdecke ein Stück weit und bemerke Totenflecken.
- "Ah", sage ich zu mir selbst und verwerfe das schon ausgepackte und zusammengebastelte Blutabnahmebesteck.
Ich rufe die Stationsärztin Frau Dr. Mrs. Sporty, welche mich mitleidig anschaut und einen trockenen Witz über das Ergebnis meiner ersten Blutentnahme auf Station macht. Frau Meyers für sie kein bisschen überraschendes Ableben wird mit Uhrzeit in der Akte vermerkt und wir machen uns mit ein paar bunten Umschlägen (Totenschein) und der Krankenakte auf zur in hohem Alter verstorbenen Frau Meyer.
- "Hast du schonmal eine Leichenschau gesehen?"
Ich nicke. Praktikum Rechtsmedizin. Innere und äußere Leichenschau in allen anschaulichen und olfaktorischen Details, inklusive der One-Man-Show eines ohnmächtig werdenden Jura-Studenten. Genial. Wir machen uns auf den Weg ins Abstellzimmer, wo wir Frau Meyer vor ihrer Reise ins Jenseits aufgrund der Bettennot zwischengeparkt haben.
Meine Gesichtszüge entgleisen, als Frau Dr. Mrs. Sporty an der Tür klopft und kurz wartet, bevor sie aufmacht. Sie sieht beim Eintreten meinen Blick, bemerkt die absurdität des Anklopfens und schließt schnell hinter sich die Tür. Kaum sind wir allein, brechen wir beide in schallendes Gelächter aus. Durchgehend grinsend und immer wieder lachend führen wir die Leichenschau durch und stellen einen natürlichen Tod nach langer innerer Krankheit fest.
Ich nehme mir für den Rest meines praktischen Jahres vor, in jeder Situation - und sei sie auch noch so düster - immer das Positive, lustige und fröhliche zu suchen. Wenn ich sogar dem Tod ins Gesicht lachen kann, was sollte mich erschrecken?
Ich würde es wohl rausfinden…