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Bohren & der Club of Gore - Constant Fear
13.12.2020
Schweiß und Tränen führen stets zur Erkenntnis: Eine Schlagbohrmaschine ist kein Bohrhammer
Es ist Sonntagmittag und plötzlich herrscht infernaler Lärm in unserem Wohnzimmer, dass einem beinahe die feinen Ostfriesenteetässchen aus den Fingern flutschen. Huch? Dem akustischen Anschein nach ist das eine Schlagbohrmaschine, die mit einiger Kraft gegen eine Betondecke gedrückt wird. Da der Lärm so schnell nicht aufhört, vermutlich vergeblich. Werkzeugkenner, die aus ihren Niederlagen gelernt haben, wissen sofort warum, für die anderen eine kurze Erklärung: Eine Schlagbohrmaschine überträgt in schneller Folge viele kleine Schläge auf den im Bohrfutter fest eingespannten Bohrer und erzeugt damit eher eine Art Vibration, deren Schlagenergie erstens begrenzt ist und zweitens direkt vom Anpressdruck auf das Bohrloch abhängt. Die erzeugt dieses charakteristische Geräusch, das sich durch den gesamten Wohnblock ausbreitet und erleichtert das Vorankommen in leichtem Mauerwerk, ist gegen härtere Materialien wie dem Beton unserer Geschossdecken aber chancenlos. Übertrieben plakativ ausgedrückt, käme man hier mit einer elektrischen Zahnbürste auch nicht wesentlich weniger weit. Wer einmal in einer solchen Bohrsituation war, kennt die damit verbundene Frustration nur allzu gut: Man muss irgendwann unverrichteter Dinge aufgeben und es war auch noch auf Muskelkater erzeugende Weise anstrengend. Lehrgeld.
Die Lösung in solchen ausweglosen Heimwerkerei-Lagen heißt Bohrhammer, wird landläufig viel zu oft mit der Schlagbohrmaschine in einen Topf geworfen und funktioniert dabei eigentlich ganz anders: Beim Bohrhammer schlägt ein Schlagwerk in nicht allzu schneller Folge, aber dafür mit einer ansehnlichen Schlagenergie von hinten gegen den in dieser Richtung beweglich eingespannten Bohrer, der vom Bohrfutter nur gedreht und gegen Herausfallen gesichert wird. Wenn man sich die Form der Aufnahmen der sogenannten SDS-Bohrer genauer ansieht oder mal darüber nachgedacht hat, wieso der Bohrer eigentlich so locker im Futter sitzt, ist der Unterschied eigentlich recht offensichtlich. Nennenswerter Druck auf die Bohrstelle ist hier zu vermeiden, um den freien Schlag nicht zu stören. Das sorgt für einen bemerkenswerten Aha-Effekt bei der ersten Benutzung, weil selbst in für Schlagbohrmaschinen unzugängliche Materialien völlig mühelos hineingebohrt werden kann: Ansetzen, vorsichtig losdrehen, nicht wegrutschen und schon gleitet man förmlich in die Stahlbetondecke, die sich zuvor gegenüber der Schlagbohrmaschine noch so fest wie Diamant gegeben hat. Hätte man das mal früher gewusst.
Einen ähnlichen Aha-Effekt kann man übrigens herbeiführen, wenn man eine festsitzende Radmutter beim Radwechsel am Auto hat, die man auch unter Einsatz aller Kraft, langen Hebeln, Schmerzen und Verzweiflungstränen nicht gelöst bekommt und dann ohne Kraftaufwand ganz entspannt mit einem akkubetriebenen Schlagschrauber nach zwei Sekunden in der Hand hält. Pro-Tipp: Billige Nüsse aus dem ersten Werkzeugkasten der ersten Studentenbude fallen unter dem dabei anliegen Drehmoment recht eindrucksvoll auseinander (bei meinem Modell immerhin mit 400 Nm mehr als der Dieselmotor im Auto daneben so auf die Kurbelwelle einwirken kann). Man kann sich die zweite Fahrt zum Baumarkt mit der halbfertigen Sommer-Winter-Mischbereifung also ersparen, wenn man zum Schlagschrauber direkt auch noch passende stabile Nüsse dazukauft.
Ich biete also dem Nachbarn in der Messengergruppe, von denen wir mit den meisten direkten Nachbarn welche unterhalten, meinen Bohrhammer an. Damit wieder Ruhe einkehren kann und weil meine empathische Seite mich mitleiden lässt. Die Nachricht liest er leider erst, nachdem seine Frau ihm weitere zwecklose Versuche am Sonntag untersagt hat. Als er zwei Tage später auf mein Angebot zurückkommt, erlebt auch er den bereits erwähnten Aha-Effekt und bekommt das Loch in der Kellerdecke so flott gebohrt, dass ich von seinen Arbeiten gar nichts mitbekomme. Das ist mir recht, denn jetzt am Dienstag hätte mich ausgedehnter Bohrlärm bei der Durchführung meines Seminars aus dem Home-Office dann doch etwas belästigt.
Erwachsene sagen einem das ja immer, aber es stimmt tatsächlich: Mit ungeeignetem Werkzeug wird jede Tätigkeit zur Qual. Also erst kurz einlesen (und/oder nachdenken), dann zur Tat schreiten, nicht anders herum.
P.S. So ein Schlagschrauber fühlt sich an wie pure Magie, weil er 400 Nm aufbringt, ohne dass man die mit der Hand gegenhalten muss. Tatsächlich bringt er die aber so kurz und dafür in so schneller Folge auf, dass sich nur ein absolut minimales Gegendrehmoment ergibt. Faszinierend. Dafür klingt es aber auch so, als würde das Ding jeden Moment explodieren. Also nichts für ruhige Sonntage, wenn man nicht der Typ sein will, der in den Pool pisst. Andererseits: Aus leidiger Erfahrung weiß ich, wie durchdringend Billardkugeln ganze Sommernächte lang durch geöffnete Dachfenster klackern können und wie effektiv Rasenmähen das Einschlafen von Kleinkindern verhindert, da hätte ich vermutlich noch ein paar sonntägliche Reifenwechsel zur allgemeinen Aufmunterung der Nachbarschaft gut.
P.P.S. Es ist erstaunlich, wie viel man in so einem Doppelhaus, dessen Hälften Dämmmaterial zwischen sich haben, von solchem Bohrlärm mitbekommt. Anscheinend reicht die gemeinsame Styroporfassadenverkleidung, das gemeinsame Dach und vermutlich vor allem die gemeinsame Bodenplatte hierfür aus.
P.P.P.S. Florian Illies stellte in seiner Anleitung zum Unschuldigsein folgende Behauptung auf, die eigentlich überhaupt nicht stimmt (das Geräusch schwillt anders als etwa Schlagbohrmaschinenvibes erst diesen so charakteristischen kurzen Moment lang an), aber doch so schön dahergesagt ist, dass sie mir nach all den Jahren in Erinnerung geblieben ist: “Noch schöner ist das Entleeren von Altglascontainern, das in der Plötzlichkeit des Lärms alle anderen Lärmarten in den Schatten stellt.”
(Gregor Meyer)
the town by pippins.
LP cover — Bohren & Der Club Of Gore 'Black Earth' album re-model proposal — Ongoing series — 2017
I'm done
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