Hazel’s Fundstück: Negativkritik
In den letzten Tagen wurde in der Buchbubble diskutiert, wann Leser:innen den/die Autoren/-innen in negativen Rezensionen verlinken dürfen oder sollten. Ist es überhaupt angemessen, den/die Erschaffer:in eines Werkes zu verlinken und direkt mit der negativen Kritik zu konfrontieren? Was wird damit überhaupt bezweckt? Ich möchte mich im heutigen Fundstück mit diesem Thema befassen.
Gedanken zu Beginn: Literaturkritik vs. Rant
Wann gilt eine simple Meinungsäußerung als “rant” (engl. für Wutrede, Schimpftirade - auch: “leeres Geschwätz”) und wann als ernsthafte, respektvolle Kritik?
Grundsätzlich ist zu unterscheiden, was oder wer die schlechte Meinung verursacht: Ist es das Werk? Oder doch eher der/die Autor:in? Denkt eine:r schlecht über eine Geschichte, weil es subjektiv empfunden wird oder weil es anhand objektiver Maßstäbe so beurteilt wird? Diese vermeintlich simple Differenzierung zeigt bereits, wo es oft zu hapern scheint.
Freie Meinungsäußerung ist ein wertvolles Recht. Schließlich sind die Gedanken ja frei. Das ist auch bei der persönlichen Bewertung von Büchern so. Jede:r kann frei äußern, was einem nicht gefallen hat und warum. Eine Pflicht zur Begründung gibt es nicht. Denn jede:r ist frei zu entscheiden, ob ein “Das gefiel mir nicht” genügt oder ob ein “... weil ...” angefügt werden muss.
Demnach kann zu Beginn erst einmal festgelegt werden: ein klassischer rant gilt als “Verriss” und ist häufig gespickt mit persönlichen Ansichten, Werten und Einstellungen - typische “Meinungsmache” würde ich es u.U. auch nennen. Dagegen gilt Literaturkritik als seriös und ernsthaft. Etwas, bei dem sich der/die Verfasser:in solide Gedanken gemacht hat, die auf objektiven Argumenten basieren.
Dabei bietet die literarische Kritik durchaus auch eine Meinung, natürlich. Aber sie enthält eine, die zum argumentativen Diskutieren einlädt. Eine Literaturkritik ist nicht frei von persönlichen Urteilen. Aber sie werden mit gemeinhin nachvollziehbaren Argumenten hinterfragt und reflektiert, ins Verhältnis zum allgemein festgelegten Konsens gesetzt.
Eine ernsthafte Kritik bewertet meiner Ansicht nach außerdem das Werk für sich, unabhängig vom/von Autor:innen. Haben Literaturkritiker oder die durchschnittlichen Leser:innen nun das Recht oder gar eine Pflicht gegenüber Autoren/-innen, diese an ihren gedanklichen Ergüssen teilhaben zu lassen? Ich sage, nein.
Wann das Verlinken eines/einer Autor:in angemessen erscheint - und wann nicht
Als Autorin kann ich sagen, dass ich nicht gerne persönlich - wann der/die Sender:in es zeitlich bestimmt - zu negativen Bewertungen verlinkt werden möchte (bisher wurde ich von dieser Praxis dankbarerweise verschont). Und so wie mir geht es mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit vielen Autoren/-innen.
Schließlich möchte niemand bei sich zuhause überfallen werden. Erst wer von sich aus vor die Tür geht, riskiert aus freien Stücken, in eine Schusslinie zu geraten. Ist der Vergleich zu hart gegriffen? Ich denke nicht. Warum? Weil ein echter Verriss, ein rant, sich oft entweder ohnehin schon auf hauchdünnem Eis bewegt, was das Thema “konstruktive Kritik” angeht, oder ganz eindeutig und bewusst persönlich wird. Da geht es mitunter nicht um das Werk als solches, sondern um die persönlichen Ansichten und Meniungen des/der Autor:in. Und wer begibt sich schon gerne (überrumpelt, wohlbemerkt!) in eine solche “Kampfsituation”?!
Bedeutet dies, das Verlinken von Autoren/-innen ist grundsätzlich falsch, wenn ein Buch bewertet wird? Nein, aber (!) jede:r sollte für sich überlegen, welche Rolle er/sie einnehmen möchte, wenn ein solcher Link gesetzt wird oder der/die Autor:in direkt über die eigene Meinung in Kenntnis gesetzt wird.
Wann ist es (meiner Meinung nach) okay, Autoren/-innen die eigenen Ansichten zum Buch wissen zu lassen?
... wenn es der/die Lektor:in (oder sonstige verlegerisch involvierte Berufsgruppen) ist und der/die Autor:in auf deren fachliche Meinung angewiesen ist, um das Werk überarbeiten zu können, ehe es in den Verkauf kommt.
... wenn es ein/e Testleser:in ist, der/die abschließend das vor-veröffentlichte Werk zu Gesicht bekommt und bei dem der/die Autor:in ganz besonders auf eine ehrliche Einschätzung des Werkes angewiesen ist.
... wenn es sich um eine vorher klar abgesprochene Besprechung handelt, bei der der/die Autor:in sich VORHER bewusst ist, dass diese Besprechung/Literaturkritik natürlich auch negativ ausfallen kann.
In allen anderen Fällen (sprich: End-Leser:innen, Buchblogger:innen und Rezensenten/-innen) geht es NICHT darum, dem/der Autor/in zu erklären, warum das Buch mies sein soll.
Leser:innen sind in erster Linie eine Entscheidungshilfe für andere potentielle Leser:innen - nicht mehr, nicht weniger! Sie bestimmen (im Idealfall) nicht darüber, wann Autoren/-innen sich einer negativen Bewertung aussetzen müssen.
Dementsprechend ist es im Regelfall nicht in Ordnung, wenn Leser:innen ungefragt Autoren/-innen mit ihrer schlechten Meinung über ein Buch behelligen.
Das hat auch nichts mit Kritikfähigkeit von Autoren/-innen zu tun. Vielmehr hat es etwas mit menschlicher Rücksichtnahme und Respekt zu tun (manche nennen so eine Kombination auch Anstand, Taktgefühl oder Höflichkeit, you know). Wenn ich als Autor:in mich gewappnet fühle, einer negativen Wertung gegenüberzutreten, DANN mache ich das und lese die schlechten Meinungen bei z.B. Am*zon und Co (vorausgesetzt, es gibt welche, natürlich, hehe). Ich möchte als Schriftsteller:in sicher nicht vom sprichwörtlichen Hinz und Kunz mit ihrer Ansicht über die Welt “überfallen” werden - solch ein Verhalten ist einfacher Selbstschutz (neudeutsch: Selfcare).
Stellt euch nur mal vor, ein/e Leser:in ist dermaßen mies auf ein Buch zu sprechen, dass sie einen regelrechten Brandbrief absetzt. Der/die nichts ahnende Autor:in sieht sich der ungefilterten Kritik (bzw. Sicht der Dinge) entgegen. Wird ein/e Autor:in dann auch noch an einem generell schlechten Tag damit konfrontiert (weil er/sie ja gar keine andere Wahl hat, als es nichtsahnend um die Ohren geklatscht zu kriegen), kann das ungeahnte Auswirkungen haben (natürlich hoffen wir alle, dass der/die Betroffene drüberstehen kann, aber getroffen ist man selbstverständlich dennoch).
Fazit - gute Gründe und schlechte Gründe fürs Verlinken von Verfasser:innen
Ich habe das heutige Fundstück relativ spontan verfasst, weil ich die Diskussion ums Verlinken von Schriftsteller:innen auf Twitter mehr oder weniger mitbekommen habe. Ich bin der Meinung, der gesunde Menschenverstand, gepaart mit dem altbekannten Sprüchlein
“Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.”
sorgt bereits für höfliche Zurückhaltung bzw. angemessene Wortwahl, sobald sich das Gegenüber aufgrund der eigenen (ungefragten!) Meinungsäußerung verletzt oder gar gekränkt fühlen könnte. Insbesondere, wenn sich die Kritik nicht auf sachlichem Niveau bewegt, sondern emotional und persönlich (praktisch wie eine Waffe) geäußert wird.
Deshalb plädiere ich ganz klar dafür, sich VOR dem Abschicken von Texten aller Art zu fragen: Ist das, was ich in diesem Text von mir gebe, jetzt und in dieser Form dem Anlass angemessen?