Ohne Fleisch kein Preis – Bahnreisen, Europa 2019
Ich möchte von Nizza nach Lörrach reisen.
Das ist im 21. Jahrhundert nicht wahnsinnig schwierig, die Möglichkeiten sind schnell gefunden. Mit dem Flugzeug käme ich in einer guten Stunde von Nizza bis Basel, der Preis schwankt je nach Attraktivität der Abflugzeit so zwischen 40 und 160 Euro, buchbar mit wenigen Mausklicks. Oder ich nähme die Bahn, von Nizza nach Mailand, dann Zürich, dann Basel, dann Lörrach, um die zehn Stunden. Preis und Buchbarkeit unbekannt.
Ich vermeide überflüssige Flüge, wenn ich kann, und ich finde diesen Flug ausserordentlich überflüssig, deshalb will ich die Bahn nehmen.
Die Website der deutschen Bahn sucht mir zwar die Verbindung heraus, sagt dann aber, zum Buchen müsse man im Fleische an einem Bahnschalter vorsprechen. Na, bevor ich das tue, fliege ich lieber.
Ich versuche es bei der Schweizerischen Bundesbahn. Wieder kann ich die Verbindung anwählen, allerdings kann der Fahrpreis nicht ermittelt werden. Wenn ich bereit bin, verbindlich zu buchen, ohne den Preis zu kennen, kann ich das tun und werde die Fahrkarte per Post erhalten. Oder eine Telefonnummer anrufen, unter der ich den Preis erfragen kann. Ich rufe an, die Warteschleife dauert kaum zehn Minuten, und man kann mir tatsächlich den Fahrpreis nennen, 130 Franken, das hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Nunmehr buche ich die Fahrt im Internet, nicht ohne mich zu fragen, was ich tun werde, wenn die Rechnung dann doch auf 700 Franken lautet, ich habe ja nur die telefonische Auskunft. Und dass die Buchung ganz und gar verbindlich ist und niemals nicht geändert oder storniert werden kann, muss ich ausdrücklich akzeptieren.
Am folgenden Tag erhalte ich eine E-Mail: diese Verbindung sei leider doch nicht online buchbar, und ich solle nochmal anrufen. Der erste Anruf scheitert an den Öffnungszeiten der SBB-Telefonauskunft (9–18 Uhr), der zweite führt zum Ziel. Die SBB-Mitarbeiterin verspricht, die relevanten Informationen zusammenzusuchen und mich anschliessend zurückzurufen. Es dauert kaum eine halbe Stunde, dann kann ich telefonisch meine Fahrt buchen, und auch am Preis hat sich seit gestern nichts geändert (zum Bezahlen lese ich die Kreditkartennnummer vor). Am folgenden Tag schon soll das Billett bei mir eintreffen, und das tut es dann auch.
Keine Rants, lautet eine der wenigen Regeln für Techniktagebuch-Beiträge. Keine Angst, ich bin ganz ruhig, und es hat ja auch so weit funktioniert. Aber ein bisschen träumen wird man noch dürfen, dass eines Tages die Eisenbahnen in Europa zu einem zeitgemässen Organisationsgrad finden werden.