Carla Mann wurde am 23. September 1881 in Lübeck geboren. Schon mit 28 Jahren nahm sie sich das Leben.
Carla Mann - Ein Leben im Schatten der Brüder
von Melanie Thun
Sendedatum: 29.10.2012 22:45 Uhr
Carla Mann ist erst 28 Jahre alt, als sie das Leben nicht mehr aushält. Sie nimmt so viel Zyankali, das - so ihr Bruder Thomas später - ausgereicht hätte, um eine ganze Kompanie Soldaten zu töten. Im Film "Die Manns" wird Thomas' Tochter Elisabeth auch über ihre Tante befragt: "Was hat man Ihnen denn über Carla erzählt und ihr Ende?" / "Dass sie sehr verliebt war und es also aus Liebeskummer getan hätte. Aber von Carla gab es dann noch das Döschen, wo sie Gift drin gehabt hat." / "Das muss ja ein drastischer Tod gewesen sein mit Gurgeln und Gift und Schmerz?" - "Entsetzlich, entsetzlich. Ach Gott, ach Gott!" / "Was der Tod in ihrer Familie angerichtet hat, wie verstehen Sie das, so viele Tote?" Elisabeth Mann Borgese seufzt.
Der Literaturwissenschaftler Willi Jasper hat sich nun als erster mit dem Leben und Leiden von Carla Mann beschäftigt. Er hat sich auf Spurensuche begeben und Dokumente ausgegraben. So auch die letzte Notiz Carla Manns, die in französischer Sprache an ihren Verlobten gerichtet ist: "Ich liebe dich, ich habe dich an einem Abend betrogen, dennoch liebe ich dich."
Wer war diese Carla und warum hat sie sich umgebracht?
Carla Mann (2.v.r.) mit ihren Brüdern Heinrich (l.), Thomas (M.) und ihrer Schwester Julia um 1885.
Sie wächst als jüngere Schwester von Heinrich und Thomas Mann auf, ist als Kind oft krank und schwächlich. Ehe und Bürgertum sind nichts für sie. Sie will ein Leben in der Bohème, Künstlerin sein. Und so tingelt sie als Schauspielerin von einer Provinzbühne zur anderen. Ein anstrengendes Leben - fast ohne Erfolg und mit wenig Geld.
Ihr Bruder Thomas lehnt dieses Leben ab. Er spricht nur verächtlich von ihren Ambitionen, lästert über ihre Schauspielkünste. Ihrem Bruder Heinrich dagegen steht sie sehr nahe, vielleicht zu nahe. "Ganz offensichtlich hatte die Familie Angst, dass irgendwelche Inzest-Geheimnisse auf den Markt kommen", sagt Jasper. "Und offensichtlich war das Verhältnis zwischen Carla und ihrem älteren Bruder Heinrich sehr eng, sodass man so etwas nicht ausschließen kann. In seinen Novellen und in einigen Romanen findet man dazu mehr als in den Archiven natürlich."
Carla und ihr Bruder Heinrich
Heinrich ist für Carla die wichtigste Stütze, ihm vertraut sie alles an, schreibt ihm über ihr Leben, ihre zumeist unglücklichen Amouren. Und er? Er schlachtet das gnadenlos aus - für seine literarischen Werke.
"Heinrich hat sie angehalten, die Briefe so zu verfassen, dass er sie für seine Novelle verwenden kann", berichtet der Autor. "Das hat sie auch getan. Sie hat ihn regelrecht aufgefordert, dass er das benutzen solle, und anschließend hat sie dann aber auch wiederum in dieser Wechselwirkung so gelebt, wie einige Novelle-Heldinnen. Es gibt eine ganze Reihe von Vorbildern an Frauen, Musen von Künstlern, die ähnlich gestorben sind wie Carla."
Fünf Jahre vor ihrem Tod verlobt sich ihr Bruder Heinrich. Eine Katastrophenmeldung für Carla. Er entgleitet ihr immer mehr, braucht sie auch nicht mehr als literarische Vorlage.
Zyankali kurz vor der Hochzeit
Als sie im Theater in Mülhausen ein Engagement hat, lernt sie Arthur Gibo kennen. Sie verloben sich. Doch dann droht die Heirat zu platzen: Die Mutter ihres Verlobten hatte einfach gehofft, dass Carla mehr Geld mit in die Ehe bringt. Aber es kommt noch schlimmer: "Dann muss es zu diesem Skandal gekommen sein. Anders kann ich es mir nicht erklären. Es war nicht nur eine reine Finanzfrage, sondern die Distanzierung der Familie Gibo von Carla hatte wohl auch etwas damit zu tun, dass sie eventuell schwanger war - und zwar nicht von Gibo selbst - und dass man versuchte, sich von ihr zu distanzieren", vermutet Jasper.
Nach einer letzten missglückten Aussprache mit ihrem Verlobten geht Carla die Treppe zu ihrem Zimmer hoch, schließt die Tür ab und schluckt Zyankali. Ihr Bruder Heinrich ist schockiert, gibt sich selbst auch die Schuld an ihrem Tod. Zunächst, wie Jasper sagt: "In der ersten Phase ging es ihm sehr schlecht, dann hat er sehr schnell fußgefasst und hat innerhalb kürzester Zeit ihr Leben und ihren Tod vermarktet, indem er das Theaterstück 'Schauspielerin' gemacht hat. In München gab es eine Aufführung, die für Eingeweihte sehr gespenstisch war, weil dort in der ersten Reihe beide Brüder saßen und ganz vehement Beifall klatschten bei all diesen tragischen Szenen. Sie haben offensichtlich beide versucht diese Szenen auch noch nach dem Tod, also in einem gewissen Nachspiel zu vermarkten."
Carla Mann - ein wahrlich tragisches Schicksal im Schatten der berühmten Brüder.
(Beitrag: Melanie Thun)
Carla Mann - Ein Leben im Schatten der Brüder | NDR.de - Kultur - Buch
Die verlorene Ehre der Carla Mann
Von Willi Jasper
Veröffentlicht am 06.12.2012
Wurde die Schwester von Thomas Mann Opfer seiner Fehde mit dem Philosophen Theodor Lessing?
Blättert man im unveröffentlichten Tagebuch des Philosophen, Kritikers und Publizisten Theodor Lessing, stellt man verblüfft fest, dass alle Notizen aus dem Jahr 1910 fehlen. Die Seiten sind herausgerissen. Was sollte da verheimlicht werden? Versucht man zu rekonstruieren, welche Affären und Dramen den Tagebuchschreiber im Jahr 1910 am stärksten beschäftigten und am tiefsten bewegten, dann stößt man auf seinen Streit mit Thomas Mann und den tragischen Tod dessen Schwester Carla, mit der er befreundet war.
Als Lessing im Januar 1910 den Kritiker Samuel Lublinski böse als eine „fettgewordene Synagoge“ und als „Literaturschwätzer“ karikierte, brachte er fast die ganze intellektuelle Zunft gegen sich auf. Ein Jude hatte es gewagt, die Arroganz eines Assimilierten vom jüdischen Standpunkt aus zu kritisieren. Das sei „zersetzend“ fand der einflussreiche Verleger Herwarth Walden, und Thomas Mann bot sich demonstrativ an, den verspotteten Kritiker vor den „antisemitischen Verleumdungen“ Lessings in Schutz zu nehmen. Die Unterzeichnung einer von verschiedenen Autoren initiierten Ehrenerklärung für Lublinski lehnte er als zu milde ab, da er gedachte, persönlich „dem unverschämten Zwerge gebührend übers Maul zu fahren“. Schon lange war Lessing, ähnlich wie der despektierliche Alfred Kerr, für Thomas Mann ein Ärgernis – jetzt schien die Gelegenheit günstig, ihn öffentlich abzustrafen.
Am 1. März 1910 erschien in „Das literarische Echo“ seine scharfe Attacke „Der Doktor Lessing“. Dabei wurde deutlich, dass Thomas Mann sich nicht in den internen Streit vom Nutzen und Nachteil jüdischer Assimilation in Deutschland einmischen wollte und konnte, sondern eher aus Eigennutz agierte. Der Autor der „Buddenbrooks“ schuldete Lublinski – wie er selbst eingestand – noch Dank dafür, dass der seinen Roman schon früh(1904) „gescheit gelobt“ und ihn selbst als epochalen Schriftsteller der Moderne gepriesen hatte. So erhielt Lublinski nun das Attest, ein „anständiger“ Ausnahmejude zu sein – während Lessing als ein „Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse“ diffamiert wurde, das sich „durchs Leben duckt“ und zudem „Zionist und Conférencier für Damen“ (eine Anspielung auf dessen Referententätigkeit in der Frauenbewegung) sei.
Lessing sah sich seinerseits zur Gegenattacke genötigt, in der er gezielt und bewusst gegen das „Weiblich-Weibische“ und „Unmännlich-Schwächliche“ an dem Schriftsteller namens Mann stichelte, „der wohl von der lieben Mama bei Wertheim in der Abteilung für feine kunstgewerbliche Raritäten billig und mit Geschmack alt-eingekauft“ worden sei. Tonart und Stoßrichtung der Erwiderung Lessings erinnern an die berühmt-berüchtigte Polemik Heinrich Heines gegen die „Mäßigungsästhetik“ seines Dichterkonkurrenten August von Platen. Platen hatte Heine mit unverhohlen antisemitischer Häme einen „getauften Juden“ und „Petrark des Laubhüttenfestes“ genannt. Heines Erwiderung, in der er die Homosexualität seines Gegners thematisierte, wurde zu einer öffentlichen Hinrichtung, die nur aus dem Grad der Getroffenheit zu verstehen war. Auch im Streit zwischen Lessing und Mann war der Grad der Getroffenheit auf beiden Seiten hoch.
Wenn es nach Lessing gegangen wäre, hätte man sich nicht mit dem publizistischen Waffengang begnügt – er forderte Thomas Mann zweimal zum realen Duell auf. Offen ist die Frage, warum Thomas Mann sich auf diesen Streit, der ihn anfangs gar nicht direkt betraf, so bereitwillig und aggressiv eingelassen hat. Seine eigene Erklärung gegenüber dem Bruder Heinrich, dass er „aus gequälter Untätigkeit“ – weil er mit dem „Felix Krull“ nicht weiterkam – gegen Lessing „losgeschlagen“ habe, klingt nicht sehr überzeugend. Sicherlich spielten die wechselseitigen Empfindlichkeiten – Judentum und Homosexualität – eine Rolle für die Eskalation. Doch um zu verstehen, warum vor allem Thomas Mann von Anfang an einen so aggressiven, auf Existenzvernichtung abzielenden, Ton anschlug, muss man tiefer in die persönlichen Vorgeschichten der Fehde eindringen.
Die Ursprünge der Animositäten reichen zurück in die Münchner Zeit vor und um die Jahrhundertwende: Sie haben etwas zu tun mit Buhlschaften, Konkurrenz und Eifersucht am Hofe der Pringsheim-Dynastie – und dem zwischenmenschlichen und literarischen Zwist innerhalb der Familie Mann. Im Streit zwischen Thomas Mann und Lessing ging es nicht zuletzt um ihre jeweiligen Beziehungen zu zwei Frauen: Katia und Carla Mann. Als Thomas Mann in der Lublinski-Kontroverse intervenierte, stellte Lessing sich in seiner Antwort als jüdischer Freund der jüdischen Familie Pringsheim vor und dementierte somit Thomas Mann, der bei seiner Einheirat „kein Judentum“ gespürt hatte, sondern „nichts als Kultur“. Gleichzeitig thematisierte er seine früheren Beziehungen zu Katia und Carla Mann.
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Nach zahlreichen persönlichen und schauspielerischen Enttäuschungen hatte für Carla Mann der Neuanfang im Herbst 1906 am Göttinger Theater hoffnungsvoll begonnen. Auch die Zeitung lobte ihre Auftritte: Wohlwollender Kritiker war der damals 33-jährige Theodor Lessing, der fortan eine wichtige Rolle für Carlas Entwicklung spielen sollte. Er bereitete sich als Doktor der Philosophie an der Universität Göttingen bei Edmund Husserl in einem Kolloquium über „Ausgewählte Probleme der Phänomenologie und Erkenntniskritik“ auf seine Habilitation vor. Nebenbei schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften und agitierte an verschiedenen gesellschaftlichen Fronten. Seine umtriebig-schillernde Existenz – außer Philosoph war er auch noch Dichter, Publizist, Sozialist, Umweltschützer, Agitator für die Frauenbefreiung und Jude – war im wilhelminischen Deutschland wohl etwas zu extravagant, um eine ordentliche akademische Karriere zu machen. Selbst der große philosophische Geist Husserl störte sich daran, dass sein Schüler nachts im „Café Hapke“ saß und dort nicht nur diskutierte, sondern auch reklamierte und schrieb. Bei Otto Hapke, dem Inhaber des Nachtcafés und Herausgeber einer Theaterzeitschrift, traf sich eine bunte Mischung aus Schauspielern, Journalisten, Studenten und Autoren. Dieses Literatencafé inmitten der verschlafenen Kleinstadt war ein Fixstern der Boheme, wo für eine kleine Gruppe junger Leute „die Göttinger Malaise für Stunden suspendiert schien“. Hier, im „Mittwochskreis“, der vor allem Lesungen gewidmet war, hatten sich im Oktober 1906 Carla und Lessing angefreundet. Manchmal traf man sich in privater Runde zu Gedichtvorträgen mit Eierlikör bei Carla in der Goßlerstraße 6.
In seiner intellektuellen Boheme-Erscheinung entsprach Lessing jenem von Carla schwärmerisch verehrten Männerideal des „verfeinerten Juden“, dem sie sich, wie sie dem Bruder Heinrich gestand, stets „wehrlos“ ausgeliefert fühlte. So war es auch im Fall des Kunsthändlers Alfred Flechtheim oder des Schauspielers Leo Landau gewesen. Als sich die Wege von Carla Mann und Theodor Lessing kreuzten, hatten beide schwere Enttäuschungen hinter sich. Lessings Ehe mit Maria Stach von Goltzheim war zerbrochen, und Carla fühlte sich von ihrem Bruder Heinrich ver-lassen.
Von Lessings Wohnungsrequisiten blieb Carla vor allem „Balthasar“ in nachhaltiger Erinnerung. „Balthasar“ war der Schädel eines Skeletts, das Lessing als Medizinstudent von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, und der nun – wie Carlas Totenkopf „Nathanael“ – als stummer Ansprechpartner für Rezitationen dienen musste. Schauriger kann die Symbolik einer tragischen Schicksalsverwandtschaft nicht sein.
Den Kontakt zu Lessing hat Carla auch nach dem Wechsel an das Mülhausener Theater im Elsass nicht abgebrochen. Bis wenige Monate vor ihrem Tod korrespondierte sie mit ihm. „Lieber Herr Doktor“, schrieb Carla am 25.September 1907, „nun sind Ihr Buch und Ihr Brief wirklich zu mir gelangt, bis zu dem Mülhausener Sofa, das für die nächsten (finstren?) Monate mein Zuhause sein wird.“ Sie plaudern über Gesundheitsprobleme und Theaterklatsch, wobei deutlich wird, wie wichtig die wohlwollenden Göttinger Kritiken Lessings für Carlas Selbstbewusstsein waren. Sie wünscht sich weiteres Lob von ihm – denn, so ihre zwar ironisch formulierte, aber ernst gemeinte Frage: „Wer weiß, ob die Mülhausener Kritiker meine große Kunst genügend anerkennen?“ Carla ist aber auch an Lessings Meinung zu den jüngsten Veröffentlichungen ihrer Brüder interessiert. Sie teilt ihm ihre Abneigung gegenüber Heinrichs neuem Schlüsselroman „Zwischen den Rassen“ mit, fragt aber auch vorsichtig: „Haben Sie Tommys kleinen Artikel über das Judentum gelesen?“ Zur Kenntnis genommen hatte er ihn und darin eine Reihe der zeittypischen Vorurteile entdeckt. Geäußert hat er sich aber dazu erst drei Jahre später, in der öffentlichen Fehde mit Thomas Mann.
Lessing war wohl der Einzige, der Carla als Künstlerin mit den Brüdern verglichen und auf eine Ebene gestellt hat. Schon damals befand er sich in einer inneren Distanz zu Thomas Mann, während er den älteren Bruder höher schätzte. „Heinrich das reichere, Thomas das reinlichere Talent“, so sein süffisanter Kommentar in der „Göttinger Zeitung“. Zugleich lobt er das „reiche, tiefe und zarte Künstlertum Carla Manns“. Darin liege „noch als Anlage Etwas, was dem Werke beider Brüder fehlt; eine schöne Ruhe in sich selbst, jene weiche Härte, die sich nicht gegen die Menschen kehrt, sondern gegen vagierendes Wollen des eigenen Ich, jene Härte, die die Seele des Kämpfers vor dem Klagelied über sich selbst bewahrt“. Hellsichtig erkannte er aber auch früh die inneren Spannungen der Schauspielerin. Am 20.Oktober 1906 bemerkt er in seinem Tagebuch Carla Manns „sehr verfeinerte Intellektualität“ und „kühle Nervosität“; sie sei „schön, tot ohne Schlaf“.
Wenn er später auf dem Höhepunkt des Streites mit Thomas Mann abfällig von Carlas „resignierter Chaiselogueexistenz“, von ihrem „müdem, späten Künstlertum“ sprach, das er vergeblich „zu stacheln“ versucht habe, dann waren das die Worte eines Enttäuschten. Carla hatte sich zuvor unter dem massiven Druck der vom Bruder verordneten Familiendisziplin von ihrem Göttinger Freund „distanzieren“ müssen. Als man sie wenige Wochen später auch noch durch intrigante Denunziationen von ihrem elsässischen Verlobten Arthur Gibo trennen wollte, nahm sie sich, nur 28-jährig, mit Zyankali das Leben. Wieder war es der Bruder Thomas, der auch in dieser Tragik einen Verstoß gegen das Gesetz der Familienehre konstatierte: „Sie hatte nicht das Gefühl unseres gemeinsamen Schicksals“, erklärte er kalt. Und selbst noch im Jahr 1933, als sein früherer Gegner Theodor Lessing von nationalsozialistischen Attentätern ermordet wurde, vermochte der Nobelpreisträger kein Mitgefühl aufzubringen: „Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir.“
Der Autor ist Verfasser der Biografie „Carla Mann. Das tragische Leben im Schatten der Brüder“ (Propyläen).
Die verlorene Ehre der Carla Mann - WELT
Im Schatten der Gebrüder Mann
Die Aufmerksamkeit der Biografen für die Familie Mann hält unvermindert an. Nun gibt es auch eine Biografie über Clara Mann, die jüngste Schwester von Heinrich und Thomas, die sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm.
Von Wilfried F. Schoeller | 22.04.2013
Vermutlich bildet die Familie Mann samt ihrer Angehörigen den triumphalen Schreiberclan in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler, Mystagogen und vor allem der Biografen für sie hält unvermindert an. Sogar Erika wie Elisabeth und Monika Mann wurden lebensgeschichtlich plastifiziert. Eine aber fehlte bisher, obwohl sie im Zentrum der ebenso repräsentativen wie prekären Motivwelt des Clans agierte: Carla Mann, die jüngste Schwester von Heinrich und Thomas, 1881 geboren und geendet im Juli 1910 nach eigenem Entschluss durch eine Dosis Zyankali im Alter von 28 Jahren. Sie lebte wie ihre Brüder in der Spannung von Künstlertum und Bürgerlichkeit, Sehnsucht nach einer inneren Verfassung, die sich Thomas Mann mit seiner Heirat gab, und einem Bohemedasein, dem Heinrich Mann lange frönte. Sie trug Konflikte aus, die den beiden Brüdern zum Ruhm verhalfen, besser: Carla Mann wurde von diesen Konflikten zugrunde gelebt.
Der Kulturwissenschaftler Willy Jasper, der unter anderem zwei biografische Studien über Heinrich Mann vorgelegt hat, nahm sich ihrer an und zeichnet aus den nicht gerade überreichlich sprudelnden Quellen ein sehr lesenswertes und aufschlussreiches Porträt. Er schreibt:
„Es ging um patriarchalische Vorherrschaft und ödipale Verstrickungen, um eine dramatische Beziehungsgeschichte der Generationen, Geschwister und Geschlechter, die mit den Katastrophen der Zeitalter verknüpft war.“
Carla war ein Neben-Ich der beiden Brüder, und sie legte ebenso Hand an sich wie ihre ältere Schwester, die sich ins bürgerliche Lager gerettet hatte, die Bankiersgattin Julia Löhr, 17 Jahre später. Thomas Mann äußerte nach Carla Manns Tod harte Worte des Unverständnisses wie dann 1949 nach dem Selbstmord seines Sohnes Klaus. Heinrich Mann dagegen übernahm eine Mitschuld am Schicksal seiner Schwester.
Willy Jasper erzählt, wie wenig Chancen sich ihr boten: Nur durch eine bürgerliche Partie oder einen einträglichen Beruf hätte sie sich von ihrer finanziellen Abhängigkeit befreien können. Aber für beides war sie nicht geschaffen; sie wählte die Kunst. Sie sprach am Münchner Hoftheater vor – und wurde angenommen. Eine zehnjährige Odyssee verschlug sie auf Bühnen vor allem der Provinz. Die Orte, an denen sie engagiert war, hießen beispielsweise Zittau, Braunschweig, Kassel, Reichenberg in Böhmen, Königshütte, Flensburg und zuletzt Mühlhausen im Elsass.
Ihre Ausstattung hatten die Damen selbst zu besorgen. Wenn elterliches Vermögen nicht ausreichend zur Verfügung stand, mussten den jungen Künstlerinnen Gönner, sprich: Liebhaber weiterhelfen. Willy Jasper hält sich mit der Schilderung entsprechender Affären zurück, er wahrt Distanz, aber auch ihr Fall ist eindeutig, sie hatte keine andere Wahl. Carla Mann war am Ende ihres wechselvollen Bühnendaseins entmutigt, sie hatte ihre Selbstachtung verloren und überlegte gar, sich in einem Tingeltangel von Philadelphia zu verdingen.
Einige Größen der deutschen Geistesgeschichte haben ihren Weg gekreuzt. Sie war in enger Verbindung mit dem Kunsthändler und Dandy Alfred Flechtheim sowie mit dem jüdischen Philosophen Theodor Lessing, der über sie auch einige wohlwollende Theaterkritiken geschrieben hat. Sie bevorzugte erotisch einen Typus, dem sie gleichsam automatisch verfiel, wenn er auftauchte:
„Es ist einfach der Jude, der verfeinerte natürlich, mit schönen Händen, sehr breitem Mund, schweren Augenlidern, glattrasiert, und ganz ausgefüllt mit Literatur. Wenn dieser kommt und mich liebt, und er liebt mich immer, so bin ich wehrlos.“
Die stärkste Wirkung auf sie übte jedoch der Bruder Heinrich Mann aus. Sie bot ihm ihre dramatischen Episoden und Intrigen auf der Bühne als Stoff für seine Novellen und Romane an – und er machte reichlich Gebrauch davon. Einige Prosastücke enthalten geradezu ein Stichwortregister ihrer Existenz: das Spiel der Nerven, narzisstischer Stolz, Einsamkeit erotische Abenteuer, aber auch Lebensferne und hinter allem das Spielertum hier wie dort. Kurz nach der Jahrhundertwende bestand die engste Verbindung zwischen den beiden. Heinrich Manns Münchner Schlüsselroman „Die Jagd nach Liebe“ von 1903 taucht die Beziehung zwischen Bruder und Schwester in das skandalöse Zwielicht einer inzestuösen Nähe. Doch dieser Enthüllung in der Fiktion entspricht kein Beweis in der Lebenswirklichkeit: Zeugnisse und Dokumente fehlen. Bruder Thomas widerte, wie er schrieb, „die schlaffe Brunst in Permanenz, dieser fortwährende Fleischgeruch“ in diesem Roman an. Seit 1905 zog sich Heinrich Mann, unter dem Eindruck seiner Geliebten Inès Schmied von Carla etwas zurück; er präferierte nun auch in seiner Literatur einen anderen Frauentypus.
Seine Schwester hatte ihm literarisch genützt, in ihren letzten Prüfungen war sie allein. Sie wiederum sonderte sich, ihr Scheitern auf der Bühne vor Augen und als „Gefallene“ geltend, von der Mutter und ihrem Bruder Thomas ab, war nicht einmal auf seiner Hochzeit zugegen.
Sie probte den Rückweg ins bürgerliche Dasein, verlobte sich mit dem Industriellensohn Arthur Gibo, einer seltsam konturenlosen Figur, hatte wohl auch noch eine Affäre mit einem Arzt. Dann der Selbstmord, ohne Abschiedsbrief, ohne Erklärung. Eine offizielle Version sprach von einem Schlaganfall. Kein Obduktionsprotokoll hat sich erhalten, kein Nachlass von ihrer Hand gefunden, ihr Tagebuch ist verschwunden. Die Familie hat gründliche Arbeit geleistet, um das letzte Geheimnis ihres Lebens zu bewahren. Heinrich Mann schrieb 1910 das dreiaktige Stück „Schauspielerin“ und das Konvolut der Aufzeichnungen dazu, die in die Fiktion münden, ergeben das am meisten aufschlussreiche Material.
Willy Jasper legt den Schluss nahe, dass dieser frühe Tod einen Schlüssel enthält für die nachfolgenden Katastrophen, die sich in diesem Clan ereigneten. Seelenkälte und literarischer Vampirismus der schreibenden Brüder haben für ihn in Carla ein Opfer gefunden. Eine dramatische Biografie, das Material sorgsam aufgearbeitet, jedwede Kolportage vermieden – das Buch von Willy Jasper ist für alle Jünger des Mann-Clans unverzichtbar.
Willi Jasper: „Carla Mann. Das tragische Leben im Schatten der Brüder“, Propyläen
Im Schatten der Gebrüder Mann















