„Mein Mann muss jetzt kochen lernen. Wir sind in Österreich, da kochen auch Männer“, sagte eine Christin aus dem Iran, welche mir schmunzelnd bei Kaffee und Kuchen gegenüber saß. Leute aus der Kirche haben sich zusammengeschlossen und ein Cafe´ zur Integration von Flüchtlingen veranstaltet, ein so genanntes Pfarrcafe´, welches Sonntags nach der Messe nun das 2. Mal stattfand. Sowohl österreichische, als auch arabische Kuchen, Kekse und viele weitere Köstlichkeiten wurden von den Kirchengängern und den Flüchtlingen selbst zubereitet und mitgebracht. Bei schönstem Wetter und blühender Natur wurde draußen bei Heurigenbänken getratscht, gelacht und geschmaust. Auch bei geringeren Deutschkenntnissen der Neuankömmlinge versuchte man mit ihnen zu kommunizieren und auf lustige Weise sprachliche Kenntnisse zu vermitteln.
In der kleinen 3000 Einwohner Gemeinde mitten im Pielachtal, auch Dirndltal genannt sind ca. 40 Flüchtlinge untergebracht. Größtenteils sind es Familien mit 1 – 3 Kindern. Die Herkunft und Religion dieser Menschen unterscheidet sich von Familie zu Familie. Afghanen, Syrer und Iraner leben derzeit in Häusern untergebracht in der Gemeinde. Darunter Religionen wie Sikh, Islam und Christentum. Der Verein „Willkommen Mensch“ wurde 2015 von Menschen aus der Kirche gegründet. Durch diesen Zusammenschluss wurde es möglich freiwillige Helfer zu finden, welche bei der Integration und beim Deutsch lernen unterstützen wollen. Auch ein Spendenkonto wurde eröffnet, welches ermöglicht Materialien für den Deutschkurs zu besorgen und die Familien zu unterstützen. Zurzeit sind es 10 Personen, welche für die organisatorischen Belange zuständig sind. 3 Mal pro Woche werden Treffen zum Deutsch lernen in dem Schulgebäude und bei dem Roten Kreuz der Gemeinde organisiert. Montag, Donnerstag und Samstag stehen ihnen einige Menschen dieser Ortschaft für etwa 2 Stunden zur Verfügung. An einem Samstag durfte ich mir diese Deutschkurse ansehen. Im Schulhof warteten vor dem Kurs alle zusammen. Mit fröhlichen Gesichtern und aufgeschlossen kamen die Flüchtlinge auf die Lehrenden und mich zu, gaben uns die Hand und begrüßten uns mit einem freundlichen „Hallo“. In 3 Gruppen je nach Leistungsstand aufgeteilt sitzen ca. 7-10 Flüchtlinge pro Klasse und arbeiten mit den Lehrenden zusammen. Diese versuchen mit allen Mitteln einen möglichst angenehmen Unterricht zu gestalten und mit den lernwilligen Menschen so gut es geht zu sprechen und ihre Skills zu stärken. „I versuch so vü wie möglich mit erna über aktuelle Dinge zu reden, de sie interessieren.“, so einer der Freiwilligen.
Unter diesen sind sowohl Menschen mit Schulabschluss, Lehrabschluss oder akademischen Abschluss, als auch jene, welche noch nie in ihrem Leben die Möglichkeit hatten eine Schule zu besuchen. Laut zweier Afghanen ist der Schulbesuch in ihrer Heimat häufig nur in großen Städten möglich. Schwierigkeiten gibt es aber vor allem beim Erlernen der lateinischen Schrift, welche sich sehr stark von der arabischen unterscheidet. In der stärksten Gruppe (Gruppe 3) wird bereits gelesen, geschrieben, Hörbeispiele angehört und besprochen oder Gehörtes repetiert. Sie alle besitzen ein Lehrbuch und erledigen Hausaufgaben. Sie können Inhalte bereits lesen und verstehen. Es wird vor Allem Wert auf das richtige Einsetzen der Artikel gelegt. In Gruppe 2 werden Wörter und Zusammenhänge gelernt, so wie die Zeiten. Hier ist eine Person, welche Englisch spricht und somit hin und wieder die Funktion als Übersetzerin übernimmt. In dieser Gruppe ist das Sprachverständnis noch gering und es sind kaum Kenntnisse in diesem Bereich vorhanden. Das Ausfüllen von Übungsbeispielen klappte bei einigen jedoch bereits gut. In Gruppe 1 werden noch grundlegende Dinge wie Aussprache und kurze Sätze so wie Fragestellungen behandelt. Einige davon sind Analphabeten, weshalb es bei diesen Menschen einer intensiven Zusammenarbeit der Lehrenden und Lernenden bedarf. In dieser Gruppe erlernen die Flüchtlinge auch das lateinische Alphabet, da diese nur die persische Schrift beherrschen. Fragestellungen und Antworten werden immer wieder wiederholt und aufgeschrieben. Zusätzlich zu den Lerngruppen gibt es noch eine weitere 4. Gruppe zu betreuen. Die Kinder der im Deutschkurs sitzenden Erwachsenen im Alter von 3 – 13 Jahren werden ebenfalls zur selben Zeit von Freiwilligen beaufsichtigt. Spielerisch versucht man ihnen Deutsch zu lernen und eine kreative Freizeitgestaltung mit Indor- sowie Outdorspielen zu ermöglichen. Beziehungsarbeit ist im Verein ebenfalls wichtig. Die freiwilligen HelferInnen lehren nicht nur, sondern stehen den Flüchtlingen auch für alltägliche Dinge, wie Arztbesuche zur Seite. Im Gebäude des Roten Kreuzes gibt es außerdem eine Anlaufstelle an welcher sich die Flüchtlinge brauchbare Spenden abholen können, welche von vielen hilfsbereiten Einwohnern dort abgeliefert werden.
Einigen der Familien gefällt das grüne Land mit den Bergen besonders gut, daher gehen sie oft spazieren und erkunden die Umgebung. Meistens abends, da es vor allem für die Frauen tagsüber durch das Tragen der Kopftücher zu heiß ist. Auch die Aufgeschlossenheit der Landmenschen schätzen sie sehr und die Gleichstellung zwischen Frau und Mann in der Gesellschaft wird von vielen ebenfalls bewundert. Manche haben auch außerhalb des Deutschkurses bereits Freundschaften geschlossen und treffen sich regelmäßig mit ihren österreichischen Freunden. Als Christin ist eine der Frauen froh in Österreich kein Kopftuch tragen zu müssen, was sie laut ihr im Iran gezwungenermaßen machen musste.
Eine andere Frau aus Syrien trägt ihr Kopftuch sogar freiwillig. Bis Ende ihres Studiums hat sie nie eines getragen bis sie sich dazu entschloss dieses täglich aufzusetzen. Ihr Mann überlässt ihr dabei die Entscheidung selbst. Er hat sie ohne Kopftuch kennengelernt und geheiratet. Bei diesem Ehepaar wurde ich während des Ramadans eingeladen, um mit ihnen gemeinsam zu Abend zu essen. In einer großen Siedlung lebt die Familie mit 2 Kindern im 1. Stock eines Familienhauses. Seit über einem Jahr leben sie bereits in Österreich. Freundlich wurden wir empfangen und saßen bis zum Sonnenuntergang in ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer beisammen, bis wir um 21:15 Uhr einen arabisch sprechenden Mann hörten. Diese Stimme erklang aus dem Handy des Familienvaters. Eine App, in welcher ein Mann ein Gebet vorspricht erinnert die Familie an Essens- und Gebetszeiten, da diese von der Sonnenlage abhängen und täglich variieren. 5 Mal pro Tag wird während des Ramadans gebetet und gegessen wird einmal spät abends und einmal mitten in der Nacht. Auf dem gedeckten Tisch befanden sich allerlei syrischer Speisen und Getränke. Reis, gefüllte Kartoffeln, verschiedene Saucen und überbackenes Fleisch. Während dem Essen gab es Kirschsaft und danach Schwarztee. Sie erzählten, dass es vor dem Essen im Ramadan üblich ist ca. 3 Datteln zu essen und danach 15 Minuten zu warten, damit sich der Körper nach der langen Pause ohne Nahrung und Flüssigkeit langsam an das Essen gewöhnen kann. Wenn der Hunger dann doch sehr groß ist, schafft man es, so wie wir nicht diese 15 Minuten abzuwarten. Während wir gemeinsam beim Tisch saßen haben sie einiges über ihren Alltag erzählt und es stellte sich heraus, dass in dieser Familie sowohl Frau, als auch Mann im Haushalt helfen und zusammen kochen, die Kinder morgens für die Schule vorbereiten und gemeinsam den Einkauf erledigen. Manchmal sogar öfter der Mann, als die Frau, erzählten sie mir lächelnd. Normalerweise lieben sie es abends Spaziergänge zu machen, da es vor allem für die kopftuchtragende Frau kühler und in Syrien zu dieser Zeit des Tages auf den Straßen sehr viel los ist. Läden haben geöffnet und man trifft die Menschen beim abendlichen bummeln. Hier am Land vermissen sie diese kulturelle Eigenschaft und haben manchmal das Gefühl, dass ab 20 Uhr alles schläft. Da ich weiß wie es ist, sich in einer Sprache zu unterhalten, die man kaum beherrscht, war ich umso mehr verwundert über den Ehrgeiz und die Bemühungen der Beiden sich auf Deutsch auszudrücken. Die beiden Kinder sprechen bereits fließend Deutsch. Eine Frau aus der Gemeinde, welche ebenfalls einen Kurs leitet, hat mich an diesem Tag zu der Flüchtlingsfamilie begleitet. Sie steht dieser bei Fragen und Anliegen zur Seite und versucht ihnen so gut es geht zu helfen. Mittlerweile haben sie ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut und sind regelmäßig in Kontakt. Um 23:30 Uhr verabschiedeten wir uns bei der Familie und verließen sie mit einem für diese späte Uhrzeit ungewohnt gesättigten Gefühl und mit unzähligen neuen Eindrücken.
Mit den Erfahrungen, welche ich gemacht habe, kann ich behaupten, dass der Deutschkurs langsam seine Früchte trägt und die Flüchtlinge am Land gut aufgehoben sind. Natürlich müssen sie sich erst an diese kulturellen Unterschiede, wie Esskultur, tägliche Rituale und sogar an das ungewöhnlich grüne Landschaftsbild gewöhnen.