Tag 2663 / Irgendwie bin ich viel befreiter jetzt, nachdem ich sie mehrfach angegriffen habe
nachdem ich Arme und Finger umgedreht, nachdem ich an den Haaren gerauft, geschubst, ihren Koffer durcheinander gebracht, ihn in den Flur geschmissen. Ich müsste noch viel mehr richtig brutale Sachen machen, um all die Wut rauslassen zu können, die in mir entsteht durch ihr Handeln, durch ihre Grenzüberschreitung. Sie fragt mich, was sie machen soll. Ich sag’s ihr. Aber sie macht noch was anderes. Sie läuft in mein Schlafzimmer, mein heiliger Ort! und holt die Pfandflaschen raus. Und man könnte sagen, Eltern sind so, Eltern müssen immer irgendwas machen. Aber hier geht’s einfach um die letzten Fäden, die eine Beziehung zusammenhalten. Und sie schneidet sie durch, in dem sie übergriffig handelt, in dem sie nicht absprachefähig ist. Man kann dreimal sagen: Bitte kein Deo benutzen in meinem Wohnzimmer, aber sie hat auch nach dem 18. Mal immer noch Gründe, warum sie es jetzt doch benutzt. Die Katze ist ja nicht im Raum. Ja, vielleicht möchte ich aber keinen Deogeruch in meinem Wohnzimmer. Warum bist du so kleinlich? Das macht einsam. Nein, das macht selbstbewusst, wenn man seine Prinzipien durchzieht. Ich fühle mich heute besser als bei den anderen Verabschiedungen. Ich fühle mich irgendwie befreiter, dadurch, ihr diese negative Energie zurückzugeben. Ich fühle mich nicht im Unrecht. Und letztlich ist mir egal, ob jetzt alle Nachbarn denken, okay, deshalb sie so oder deshalb ist sie alleine oder krass, worüber die sich streiten oder man, ist die krank. Das ist mein Leben. Das sind meine Prinzipien. Und wenn ich Silvie sage, wir treffen uns um fünf, treffen wir uns um fünf. Und nicht, ach, geht nicht doch sieben oder acht, geht nicht doch übernächste Woche? Der Umgang mit einem Suchtkranken, da ist Abspracheregelneinhalten noch tausendmal wichtiger! Das ist das Lebenserhaltende. Ich hab diese Struktur. Ich hab die Regeln. Es gibt Anweisungen und Absprachen, an die man sich hält. Wenn ich jemandem bei der Arbeit sage: Gib mir mal die blaue Tinte, dann gibt der mir die blaue Tinte und nicht gelbe Tinte, nicht grüne Tinte und nicht noch viele Stifte dazu. Wieso? Was ist denn? Ich wollte dir was Gutes tun. Am liebsten hätte ich den Koffer vor die Tür geworfen, am liebsten hätte ich reingespuckt und reingepisst - das hab ich auch gesagt.
2015 saß sie mit mir in einer Suchtklinik im Angehörigenseminar, zwei Tage! Und da haben die Krankenschwester und der Arzt gesagt, dass meine Mutter und ich ein Verhältnis haben sollten, eher wie Freunde, dass wir schöne Sachen unternehmen sollen, aber dass meine Mutter aufhören soll mit dieser finanziellen und auch Handlungsunterstützung. Sie denkt, sie tut was Gutes. Sie versteht nicht, dass ich meine Dinge alleine regeln will und muss. Warum möchte ich eigentlich von jemandem, dessen Handeln ich so blöd finde, hören, dass ich das schaffe mit der Mutterschaft, dass ich das schaffe, eine Familie zu gründen? Das ist doch viel wertvoller, wenn meine ehemalige Frauenärztin, wenn Lisbeth, wenn Frau Rescue, mit das zutrauen und Zuversicht verbreiten. Ich traue mir das zu. Aber irgendwann mal ist diese Zuversicht gar nicht mehr da, irgendwann war verkrampftes Suchen, noch nicht mal Suche nach einem Partner, sondern Suche nach einer Befruchtung. Wen kann ich jetzt treffen, um schwanger zu werden? Anstatt: Wen kann ich treffen, um eine Beziehung aufzubauen, in der man Kinder haben wird, gemeinsam ich eine Familie gründen will?
Sie hat die Pflicht, mir Hoffnung zu machen, mir Wertschätzung zu geben, mich zu stärken, damit ich meinen Weg gehen kann - sowas ähnliches hab ich ihr gesagt. Sie hat die Pflicht als Mutter. Das gehört sich so. Das ist das Natürliche, dass Eltern ihre Kinder unterstützen, ihnen Kraft geben den Weg zu gehen und nicht Steine in den Weg legen. Ich möchte selbst Mutter werden und sie sagt: Ja, aber ich sehe, du hast keinen Partner. Das ist keine Hoffnung.














