Tag 1796 / Ist es ein kranker, depressiver Gedanke zu denken, dies sei ein kranker, depressiver Gedanke?
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Tag 1796 / Ist es ein kranker, depressiver Gedanke zu denken, dies sei ein kranker, depressiver Gedanke?
Tag 1545 / Ob das mit der Laktoseintoleranz mein Hauptproblem sei
"Nee, meine Psyche." Das kommt mir noch ganz locker über die Lippen. Ob ich Tabletten nehme. Ich bin in Behandlung. Mehr wolle ich nicht sagen. Bei manchen sei es Alkohol, das sei heute anerkannter, könne man drüber sprechen... Während er seine Annahmen vorträgt oder seine Feststellungen, spüre ich wie ich verklemmter im Gesicht werde, steifer, frage mich, ob mich meine Betroffenheit entlarvt.
Ist das ein Rückfall, wenn ich denke: "Ist mir jetzt scheißegal, ob da Alkohol drin ist!" in dem Mittagsbuffet. Oder ist es kein Rückfall?
Lauter Tränenausbruch 20 Uhr. Ich verliere nicht nur die Toten, auch die Lebenden. Mutti, Leah, Frau Quork.
Gestern war der 28. Mai: Fünf Monate rauchfrei.
Tag 499 / Ein Geschenk? Für mich?
Ich hatte eine Menge vergessen. Dass andere auch viel Wirrwarr im Schädel, viel Kopfkino, viel Gedankenchaos haben. Ich hatte vergessen, dass Zugang zu mir selbst unendlich viel mehr wert ist als ein dickes Auto vor der Haustür. Hier treffe ich auf Menschen, die sich genau wie ich um den Frieden in diesem Land, in diesem Europa, im angrenzenden Asien sorgen. Menschen, die Nachrichten, all die Bilder und Videos, all die O-Töne und Beschreibungen genau so nüchtern wie ich aufnehmen und verarbeiten müssen. Es ist so schwer, die Ruhe zu bewahren, nicht in Angst und Panik zu verfallen. Aber ich bin nicht alleine mit der Art der Wahrnehmung, der Bewältigung. Ich hatte vergessen, dass es diese Menschen gibt, die genau so empfinden wie ich und dass ich sie jederzeit treffen kann.
Ich habe mein Zuhause verlassen und bin losgegangen mit einem Gefühl der Enttäuschung, mit einer oder sogar zwei Ablehnungserfahrungen. Kontaktabbruch, nachdem ich meinen Körper umhüllt von Reizwäsche, die ich nicht kaufte, nur anprobierte, digital versendete. Unbefriedigt, obwohl befriedigt. Trieb, Lust, Gier, Libido. Ich bin nicht abnorm - diese Bestätigung musste ich mir erst online recherchieren. (http://www.vice.com/de/read/perioden-sex-ist-der-beste-sex) Viele Frauen sind besonders geil, wenn sie ihre Tage haben. Da ist nichts ekelig dran. Ich habe mir vorm Losgehen erlaubt, mich den ganzen Abend wieder mit Sex zu beschäftigen. Das half mir, mich selbst zu überreden, die Füße vor die Tür zu setzen. Außerdem brauchte ich das gestern vergessene Katzenstreu und dachte inzwischen, die Häufigkeit der Konsumgedanken und Rückfallträume könnte auch mit meiner gesunkenen Meeting-Frequenz zu tun haben.
Ich habe mich geschminkt. So doll wie das ganze Jahr noch nicht. Entgegengesetztes Handeln. Blöd fühlen, schön machen.
Ich sitze da und glaube, selbstbewusster aufzutreten als noch im letzten Jahr. Es tut gut, gesehen zu werden. Nickendes Grüßen, lächelndes Grüßen, sogar Grüßen mit erhobener Hand. Agatha, ob du es nun willst oder nicht: Du gehörst dazu! Du gehörst zu den Anonymen Alkoholikern in Berlin! Und die grüßen dich, weil die auch gegrüßt wurden, heute, vor einem Jahr, vor 20 Jahren. Und die grüßen dich, weil die wissen, dass das gut tut. Dir und jedem anderen Alkoholiker, jedem Menschen. Du bist raus gekommen aus deinem Versteck und für das stille Grüßen (Das Meeting hat ja schon angefangen.) hat es sich doch schon gelohnt. Die grüßen dich, weil dich bestimmt mindestens einer oder zwei von ihnen mögen. Du bist mögenswert! Ohne Reizwäsche, ohne alle Sexspiele mitzumachen. Du bist mögenswert so wie du bist.
Und ich nehme noch viel mehr mit, als gesehen, wiedererkannt, gegrüßt, gemocht zu werden. Auch da wird über Sex gesprochen. Trieb, Lust, Gier, Libido. Und erst als ich hier höre, dass es denen auch so ging und geht, dass das alles ok ist, erst als ich höre, dass andere trockene Alkoholiker auch bisweilen überwältigt sind, überrollt werden von all den Gefühlen, die in Trockenheit zur ungedämpften Strahlkraft erwachen, kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass ich keiner Suchtverlagerung nachgehe, dass das für mich als Suchtkranke nicht gefährlich ist. Ich hatte vergessen: "Ich darf alles außer trinken." Da sitzen Männer und Frauen, unter denen sich doch manchmal Paare bilden. Vielleicht bin ich ja auch irgendwann mal die Hälfte eines AA-Pärchens. Da sitzen sie, die ein erstrebenswertes Leben führen. Arbeit, Ehe, Zufriedenheit.
Ich habe mich verbunden. Dazu musste ich losgehen. Ich habe in der Pause mit zwei Menschen gesprochen. Aufgenommen worden, wie auch schon einige Male zuvor. Es gab dieses NA-Meeting, weiter weg, was mir inhaltlich total viel gegeben hat. Aber da ist nur ein einziges Mal eine auf mich zugekommen. Die waren alle so für sich. Vielleicht auch, weil ich mich da nie öffnen, nie sprechen konnte. Aber hier, heute, bei AA, Alte, Junge, Frauen, Männer, unter ihnen auch attraktive Männer, sympathische Männer, Männer, die voll in Ordnung sind, bei denen ich auch denke “Könnten wir nicht… Wenn auch erstmal nur…”.
Ich hatte vergessen, worum es in meinem ersten Jahr der Trockenheit vor allem ging. Anderen zu beweisen, dass ich das kann. Der Suchtberaterin, bevor sie den Antrag auf Entwöhnungstherapie abschickte. Der Ärztin hier. Den Ärzten dann da. Atemalkoholkontrollen. Urinkontrollen. Blutkontrollen. Der Rentenversicherung die Trockenheit beweisen. Der Krankenkasse vielleicht auch. Das erste Jahr der Abstinenz war wohl vor allem der Pflichtteil. Jetzt beginnt die Kür.
Ich fühle mich so plemplem. Ich als trockene Alkoholikerin habe ständig wieder diese “Achso-Ja-Genau-”-Momente. Wenn ich zwischendurch nicht das Zugehörigkeitsgefühl, die Erkenntnis, da geht es anderen genauso wie mir - mit den Trieben, mit den Nachrichten, mit der Familie, mit dem Leben, mit den Konsumgedanken, mit dem ersten und dem zweiten Jahr der Abstinenz - verlieren würde, dann wäre es auch nicht so ein Geschenk, das heute wiederzugewinnen.
Und ein Geschenk, das hatte ich nämlich auch vergessen, ein Geschenk ist, wenn man trocken bleiben kann. Nicht mehr trinken zu müssen, ist ein Geschenk.
Sei nicht immer so im Nörgel-Modus, Agatha. Freu dich doch auch mal wieder ab und zu an dem Geschenk.