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Gram
Tag 675 / Neujahrsempfang der mächtigsten Killer
Treffen sich die übelsten Gangster. Fragt der eine: "Und wie viele hast du dieses Jahr in Deutschland umgelegt, Crystal?"
"Vier! Immerhin vier!"
Hämisches Lachen.
"Und du?" "Zehn, fünfzehn werden es gewesen sein." antwortete Speedy und fragte Koka:
"Sag schon, hast du mehr als im Jahr davor hingerichtet?" "Nein, leider nicht. Dabei hatte ich mir so große Mühe gegeben. Aber immerhin sind die Zahlen meiner Ofer im dreistelligen Bereich."
"Dreistellig und dennoch nicht so viele wie ich gekillt habe!" protzte Hero.
"Ach, ihr Luschen! Ihr werdet es nie in meine Obergangsterliga schaffen! Über achtzigTAUSEND Tote im letzten Jahr. Darunter auch endlich wieder ein paar mehr Kinder und Jugendliche. Und immer mehr Frauen, ha, ha!" "Ihr müsst euch einfach besser verkleiden", sagte der Alkohol zum Kokain, Heroin, Amphetamin und zum Crystal Meth.
"Wow! Du bist echt der Größte!" "Ja, eigentlich bin ich noch viel größer!" "2016 achtzigTAUSEND in Deutschland, dreieinhalb MILLIONEN weltweit - doch sind es viel, viel mehr die auf mein Konto gehen. Die können es mir nur nicht nachweisen.
All die Unfälle mit Todesfolge unter meinem Einfluss, all die Schlägereien, die Suizide im Suff, all die Krebsarten, die ich erzeugen und beschleunigen kann, mein Effekt auf das Herz... Dass die zweithäufigste Krankenhausdiagnose auf meinen Missbrauch an den Menschen zurückzuführen ist, geben sie immerhin zu in Deutschland, aber die zweithäufigste Todesursache verwehren sie mir noch. Zumindest offiziell."
Tag 536 / Todesursache privat
Die Familie möchte sich zu den näheren Umständen des Todes nicht äußern, heißt es. Zu den Umständen des Todes eines Mannes, von dessen Existenz ich nichts wusste, bis sie plötzlich endete. Als "Star" auf seinem Berufsgebiet wird er beschrieben, als "Talent", "begnadet", "beliebt". In meiner Nachrichtenübersicht eines Suchmaschinengiganten stieß ich also auf die Information des frühen Todes und klickte mal einen der Artikel an. Als ich das erste Mal das Gesicht dieses kürzlich Verstorbenen sah, dachte ich unmittelbar: "Drogen. Der hat Drogen genommen. Überdosis." Aber zu den näheren Umständen möchte sich die Familie nicht äußern. Vielleicht auch zum Schutz der Kinder, die nun Halbweisen sind. Schützt man die nicht aber besser vor dem tödlichen Weg einer Sucht, wenn sie wissen, woran ihr Erzeuger verreckt ist? Also die Fine kann gut mit Alkohol umgehen. Die hat ihren Vater als Kind, als Jugendliche, als junge Erwachsene erlebt. Ihren Vater, der Alkoholiker war. Ich denke schon, dass sein So-Sein abschreckend wirkte. Ich habe an dem Tag der Todesnachricht "Name" und "Drogen" in eine Suchmaschine eingegeben. Als Ergebnis bekam ich eine lange Liste von Arbeiten dieses Künstlers, in denen Drogen als Stilmittel, als Teil von Inszenierungen eingesetzt wurden. Überdimensionale Joints, normalgroße Joints. Alkoholika in Gläsern. Alkoholika in Flaschen. In einem dieser Werke konsumiert sogar sein Kind Drogen - ein Kleinkind im Hochstuhl - zumindest lautet der Titel so ähnlich, zumindest erkenne ich die legale Droge Nikotin auf dem Bild. Sicherlich ist da ein bisschen Sensationsgier in mir, überhaupt Nachforschungen anzustellen, Belege für meine Drogentod-Hypothese zu suchen. Vielleicht ist da auch Neid auf einen gefeierten Self-made-Künstler. Doch da ist auch ein großes Stück Empörung.
Wie viele Sex-Drugs-Party-Kunstwerke und -Künstler brauchen wir denn? Inszenieren die das überhaupt oder portraitieren die ihre Realität, die mit den Augen des Otto-Normal-Konsumenten- und -Bürgers so wild, bunt, grell, aufregend, ja sogar erstrebenswert scheint? Schaffen nicht Künstlerinnen wie Sara Lewkowicz Arbeiten, die wesentlich revolutionärer, bewegender, einzigartiger sind? http://www.saranaomiphoto.com/Closer-To-Heaven/1 http://www.refinery29.de/2016/01/116974/sara-naomi-lewkowicz-fotoserie-drogensucht-heroin#slide Oder ist das wieder nur meine Sicht als arme, benachteiligte Süchtige, als Opfer, als Hyperkritische, die nicht die bahnbrechende Kunst in der Gähn-Provokation erkennt?
Die Umstände des Todes und der Tod ereigneten sich bereits vor ein paar Tagen. Meine Empörung war erloschen. Das Thema tangierte mich nicht mehr. Es sterben wirklich ständig Menschen an Drogen, zu denen ich Alkohol zähle, an Drogen und Medikamenten - die Medikamente, von denen man abhängig wird wie Opiate, Opioide, Benzodiazepine, Barbiturate und so weiter. Es sterben auch wirklich ständig Künstler an Überdosen. Gewollt oder ungewollt. Prince zum Beispiel am Opiat Fentanyl. Maria Kwiatkowsky an Kokain intravenös. Frank Giering wohl nicht an einer Überdosis Alkohol, aber am jahrelangen regelmäßig-übermäßigem Alkoholkonsum. Heath Ledger auch an Medikamenten. Philip Seymour Hoffman an einer Heroin-Kokain-Amphetamin-Benzodiazepin-Mischung.
Doch heute werde ich unerwartet an den kürzlich, plötzlich verstorbenen Wahl-Berliner erinnert. In einer Selbsthilfegruppe erzählt jemand, ein Freund habe sich letzte Woche umgebracht. Der sei drauf gewesen. Und dieses Umbringen im Drauf-Zustand hätte die Person, die da sprach, auch versucht. Nüchtern, in einem Geisteszustand ohne aktuelle Einwirkung von bewusstseinsverändernden Substanzen, ohne Wochen und einige Monate diese Einwirkung zugelassen zu haben, sei die Person froh, noch zu leben. Suizidversuche im Rausch, im Verblassen des Rausches, Suizidversuche im de facto bewusstseinsveränderten Zustand sind auch nicht ungewöhnlich. Das Denken, das Fühlen und selbstverständlich die Handlungen, die daraus folgen, verändern sich nunmal im Konsum. Ein Freund und ein toller Künstler sei der gewesen, sagt die Person. Und ich denke: Ein Arschloch war das.
Zu Hause gebe ich noch einmal seinen Namen und den Vornamen der vorhin darüber sprechenden Person in ein Suchmaschinenfenster ein. Und dann erst war gewiss, dass der Tote von vorhin mein Toter vom Wochenende ist. Denn nun sah ich erneut andere Werke und wieder diese Sex-Drugs-Party-Inszenierungen, in denen sogar die Person, welche ihren Suizidversuch überlebte, Teil war, Protagonist war. Und dann bekam ich eine Mundwinkelverkrampfung, weil diese Zusammenhänge für mich bitter schmecken, weil ich einerseits echt angeekelt bin von Familienvätern, die mit sexistischer Kackscheiße die Aufzucht finanzieren und von Elternteilen, die sich edel-pornös inszenieren lassen. Als bitter empfinde ich auch, dass die eine Person jetzt im betreuten Wohnen lebt, getrennt von den Kindern, aber auf dem Clean-Weg ist und die andere Person getrennt von den Kindern, aber für immer. Was sind das für "tolle" Freundschaften, wilde Partys und coole Arbeitsprojekte, die so enden? Und irgendwie möchte ich mir ja gar nicht erlauben, froh zu sein - so wie die eine Person froh ist, noch zu leben. Und doch, ich bin froh, nie zur Berliner Partygesellschaft gehört zu haben, obwohl ich mich manchmal danach sehnte. Ich froh bin, dass ich an der Tür vom Berghain abgewiesen wurde und es aus Stolz dann nie wieder versuchte, ich bin froh, nie gebettelt zu haben, auf irgendwelchen Gästelisten zu stehen, ich bin froh, keine Pre- und After-Show-Partys zu kennen, ... Denn man verpasst nichts, wenn man da nicht rein kommt, wenn man da nicht hin geht, wenn man da nicht mitfeiert, man verpasst absolut nichts, aber die anderen, eine nicht unbeachtliche Gruppe von ihnen verpasst ihr eigenes Leben, weil es plötzlich und unerwartet noch vor der Mitte endet.
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Puhdys Wenn ein Mensch lebt https://www.youtube.com/watch?v=Kpv3JJ8bw6c
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Hoffmann – Durch die Überdosis in den Tod
Vor nicht allzu langer Zeit schockierte uns der Drogentod der britischen Soulsängerin Amy Winehouse. Die Liste ist lang: Chet Baker, Heath Ledger, Janis Joplin, Kurt Cobain, John Belushi, Whitney Houston, um nur einige zu nennen. “I’m so high that I might... http://dlvr.it/4zbXTp
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