Tag 1123 / Mit drei Jahren heute die Dienstälteste vorne gewesen
Erschrocken, wie die aussehen.
Die jungen Leute.
Wie die alkoholische Deformation noch so deutlich erkennbar ist.
Wie drastisch auch Bewegungsabläufe, Mimik und Aussagen vom Alkohol beeinflusst sind. Lange nach dem letzten Schluck.
Ich sehe mich in denen.
Wie ich mich bewegt habe.
Wie aufgedunsen mein Gesicht war.
Wie krass sich eben tatsächlich "trocken" von "nüchtern" unterscheidet.
Und das ist kein "Hurra, ich bin so viel weiter als die!"
Das ist eher Kehle zudrückend.
Das ist Galle hochschießend.
Das trifft mich so massiv.
Als wär das hier die Vorstufe zum Tod,
wo nochmal aussortiert wird.
Du heute nicht.
Du, du und du ganz knapp entronnen.
Und irgendwie passt da das ganze Juhu-Gejohle gar nicht hin.
Es liefe alles so viel besser jetzt.
Totentanz
Verspotten von Sterbenskranken
Mich erinnert
An mich
Wie ich mich da hingeschleppt hab.
Tag 10
Tag 45
Tag 94
Tag 276
Immer diese bunten Trockenheitschips abgeholt.
Null Erinnerung, was ich gesagt hab.
Vage Erinnerung, was die zu mir sagten.
Zum Beispiel: "Wozu brauchste denn jetzt noch ne Reha?"
"Glückwunsch!"
"Wie lange?"
"Wie lange?"
Bestimmt acht Leute auch heute nach dem Meeting: "Wie lange?"
Ist das nicht scheißegal?!?
Während zwei ihren Ein-Monats-Chip holten und dann auch noch während jemand einen Chip für 24 trockene Stunden entgegennahm,
meine Tränen nicht mehr halten können.
Als ob das ein Spiel ist, wirkten die zum Teil.
Als ob man jetzt nachplappert.
Oder was sagt, um andere zum Lachen zu bringen.
Und genau so war ich auch. Genau so. Oder ähnlich.
Den Ernst der Lage erst viel später erkannt.
Mal bunte Chips sammeln.
Bisschen zu AA gehen.
Bisschen bloggen.
Oft den "Zwei-Jahres-Vertrag" vor Augen.
Mitnichten durchgängig ans Aufhören für immer gedacht.
Mich da hingeschleppt, weil selbst zwei Jahre unvorstellbar schien.
Ein ganzer Tag zur Qual wurde.
Handyspiele
Computerspiele
Nachmittagsschlaf
Zeit totschlafen, totspielen, halbtot, weil eben so viel von dieser Lebendigkeit, die jetzt wieder in mir ist, verfault war.
Lebenszellen vergiftet mit Zellgift.
Nervenkrank wegen des vielen Nervengifts.
Eben auf dem Rückweg meinen Schnürsenkel zubinden müssen.
Erinnert, wie ultrakrass schwer mir das fiel.
Ende der Saufzeit, Anfang der Trockenheit
Da war so gigantisch viel Bauch und Busen zwischen oben und unten.
Unten, wo die Schuhe waren.
Da war so viel Erstarrtheit, Gelähmtheit, Unbeweglichkeit auch in meinem Körper, nicht nur im Hirn.
Ich sage und blogge so oft: Mein Körper war noch nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.
Von wegen!
Warum sagen denn alle, wie sehr ich mich verändert habe? Ganz andere Frau. Jünger. Schlanker.
"Ihr Gesicht wirkt lebendiger."
Vielleicht heute erst ansatzweise verstehen, weil vergleichen können, was Frau Suchtberaterin oder Frau Therapeutin damit meinten.
Komplett fassungslos
Auf dem Hinweg Teenager mit Bierpullen in der U-Bahn.
Auf dem Rückweg Erwachsene mit Bier- und Proseccopullen.
Null Saufdruck
Fassungslos, weil über die Wirkung dieses üblen Sterbemittels, dieser Massenvernichtungswaffe, dieser harten Droge so viel Unwissenheit herrscht.
Ich wusste das nicht, in welchem Ausmaß der Alkohol mich bei lebendigem Leib zerstört. Ich wusste nicht, wie lange das nachhallt. Wie tief das geht. Wie sehr. Und wahrscheinlich weiß ich heute auch nur ein Zehntel. Und selbst dieses Zehntel an Wissen über die Zerstörungskraft des Alkohols macht mich sprachlos. Fassungslos. Hilflos.
Heute habe ich den für mich befremdlichen Drang, auf die Knie zu gehen.
Zu danken.
Weil ich nach einigen Monaten mit sporadischen AA-Besuchen aufhören konnte, weil das bis heute geklappt hat vom 7. März 2015 an, es aber eben absolut nicht absehbar, weil statistisch unwahrscheinlich war.
Das war ein in anderem Sinne ergreifendes, berührendes Meeting.
Das war: zurück zur Demut und Dankbarkeit
Das war: seidener Faden, dünnes Eis
Das war: Machtlosigkeit