Konzert: Chelsea Wolfe, 14.08.2014, Exit 07
Zwei Wochen nach der Eröffnung des Congés Annulés geht es für mich und das Festival mit einem Konzert von Chelsea Wolfe in die zweite Runde. Bevor die derzeitige Großmeisterin der Düsternis die Bühne betritt darf mit Soleil Noir jedoch noch der regionale Nachwuchs ran. Die beginnen nicht wie angesagt um kurz nach halb zehn, sondern mit einer kleinen Verspätung. Zwei Gitarren, Effektgeräte und Drums, mehr musikalische Mittel hat die Band nicht mitgebracht; stattdessen gibt es aber allerlei technische Extras, die man einer Band dieser Größe nicht unbedingt zugetraut hätte. Einige Samples (unter anderem Bassspuren und Spoken Word Passagen) kommen vom Band, außerdem werden begleitende Visuals auf eine Leinwand projiziert. Diese optischen Begleiterscheinungen, unter anderem eine schwarz gekleidete Ballerina, Zahnräder und wirres Blinken, sind in Balken eingebettet, deren Bedeutung nicht restlos geklärt werden kann, die aber dennoch für eine angenehm finstere Atmosphäre sorgen. Es ist ein bisschen wie mit der Musik, die Soleil Noir spielen: erstaunlich ambitioniert, stimmungsvoll, am manchen Stellen ist aber noch Luft nach oben. Gerade der erste (wie alle anderen sehr lange) Song zeigt die Band manchmal etwas wackelig um den Takt herum agierend, was gerade bei den langsamen Passagen störend ist. Doch man steigert sich im Laufe des Sets, zeigt stilistisch mehrere Facetten zwischen Drone, Doom und Post Metal und weiß damit auf jeden Fall zu überzeugen, auch wenn man sich als Zuhörer gegen Ende ein klein wenig erschlagen fühlen darf.
Es folgt dann eine ziemlich lange Umbaupause, die mit der leichten Verspätung und der Überziehung des Soleil Noir Sets dazu führt, dass Chelsea Wolfe erst um eine Dreiviertelstunde später als geplant die Bühne betritt. Eigentlich betritt sowieso zunächst mal nicht sie, sondern ihre Band die Bühne und klinkt sich in eine dezent lärmendes Intro ein, dass den Auftritt einleiten darf und sich langsam in eine solide Tobsucht hinein steigert. Erst als Wolfe, wie immer in Schwarz gekleidet und erhaben blass, die Bühne betritt verstummt das Treiben und man beginnt damit, Stück für Stück "Movie Screen" zusammenzupuzzeln. Spätestens jetzt wird klar: die Tonprobleme, mit denen man bei bisherigen Konzerten zu kämpfen hatte, sind in Luxemburg kein Thema. Wundervoll eingespielt agiert die Band, die neben dem obligatorischen Ben Chisholm als Mädchen für alles und einem Drummer dieses Mal auf eine (zweite) Gitarre verzichtet und stattdessen einen Geiger integriert hat. Gerade zu den neueren Stücken passt das natürlich perfekt, hier sind die Streicher oft fest im Klangbild angelegt, doch auch bei anderen Passagen bis hin zu purem Lärm fügt er sich perfekt ein. Insgesamt handelt es sich an diesem Abend um den ausgereiftesten Auftritt, den ich bisher von Chelsea Wolfe erleben durfte. Die frühere Unsicherheit lässt sich kaum noch spüren, es hat sich eine gewisse Routine eingeschlichen, die die finstere Aura jedoch kaum beeinträchtigt. Darum ist man sowieso bemüht - die einzige Ansage die über ein abschließendes "Thank You" hinausgeht richtet sich an den Ton - und Lichtmenschen, er solle doch bitte das Licht dimmen (das zeitweise tatsächlich ein wenig unpassend außer Kontrolle geraten war). Es bleibt also bei der wohlbekannten Finsternis.
Auch die Setlist hält wenige Überraschungen parat: "Pain Is Beauty" und "Apokalypsis" dominieren, statt zwölf Song in einer Stunde gibt es dieses Mal 15 in 80 Minuten, der Ablauf ähnelt dem der Tour mit Russian Circles; einzige gravierende Änderung ist, dass "Feral Love" nicht eröffnet, sondern an zweiter Stelle steht. Außerdem fällt "Destruction Makes The World Burn Brighter" dieses Mal zu Gunsten von "Ancestors, The Ancient" aus, das überragende "The Waves Have Come" wartet noch auf eine Aufführung, stattdessen gibt es einige weitere Stücke von "Apokalypsis". Die Band wird dabei erneut jedem der gespielten Songs gerecht: "Kings" donnert metallisch, "Mer" tänzelt leichtfüßig voran, "House Of Metal" leidet ganz besonders mit dramatischer Geige und "Pale On Pale" beendet das Konzert so infernalisch, dass alle Beteiligten sich in einer Krachorgie verlieren, die von Chisholm koordiniert wird und die Brücke zum Beginn des Konzerts schlägt. Wie im letzten Jahr kehrt Wolfe anschließend zurück um "Lone" zu spielen, anschließend gibt es dieses Mal das Rudimentary Peni Cover "Echo", das in Karlsruhe ausfiel - hier springt dann auch die ganze Band ein, alles endet erneut im Lärm und dann ist der Abend wirklich vorbei.
Im Grunde muss man tatsächlich resümieren, dass es sich rein technisch gesehen wohl um das beste und reifste Konzert handelt, dass ich bisher von Chelsea Wolfe gesehen habe. Probleme gab es keine, Instrumentierung und Arrangements waren stimmig, Wolfe selbst war natürlich wie immer bisher über jeden Zweifel erhaben; die Setlist hätte vielleicht ein wenig abwechslungsreicher sein können, doch sei's drum. Insgesamt eine mehr als überzeugende Leistung; wären da nicht subjektive Kritikpunkte die den Abend für mich persönlich so sehr torpedierten, dass ich sie hier nicht unter den Tisch fallen lassen möchte, dennoch zu Gunsten der Bandleistung meinen subjektiven Eindruck erst ab hier schildern möchte.
In Wirklichkeit beginnt das Konzert mit nichts als blanker Furcht - der Furcht nämlich, kein Ticket mehr zu bekommen. Vorab wurde fälschlicherweise gemeldet das Konzert sei ausverkauft, und schon bei meinem letzten Congés Annulés Besuch hatte ich nur in allerletzter Sekunde das allerletzte Ticket ergattern können. Also machen wir uns, trotz offiziellem Konzertbeginn um 21:30 Uhr, schon deutlich früher auf den Weg, schließlich soll laut Internetpräsenz schon um 18:00 Uhr ein DJ Set starten und somit mutmaßlich auch der Verkauf an der Abendkasse. Mit leicht zittrigen Händen treffen mein Kompagnon und ich um halb acht in Luxemburg ein, hechten (zumindest gefühlt) zum Exit 07 nur um festzustellen, dass der DJ gerade erst langsam mit Auflegen beginnt, bisher nur irgendwie in das Konzert involvierte Menschen anwesend sind und der Verkauf an der Abendkasse noch nicht begonnen hat. Also vertreiben wir uns die Zeit zunächst mit einer (durchaus lohnenswerten) Ausstellung namens "3 Songs No Flash", die sich mit Konzertfotografie und der Luxemburger Club - und Festivalszene beschäftigt, nebenbei aber auch ein wenig durch die Wirren des Carré Rotondes führt. Nach einer halben Stunde ist man da aber auch durch, der Merch Stand ist fahrlässigerweise schon halb aufgebaut, aber noch unbeaufsichtigt, ebenso wie die Abendkasse. Ansage: ab halb neun kann man Tickets kaufen. Also warten wir, und während wir so warten zieht ein ordentliches Unwetter auf. Perfektes Chelsea Wolfe Wetter, denkt man sich da noch, und ist natürlich trotzdem froh, als man sich um neun Uhr endlich sein Ticket kaufen darf. Apropos kaufen: wir hätten auch gerne die limitierte Reissue des Chelsea Wolfe Debüts "The Grime And The Glow", leider wurden die letzten verfügbaren Exemplare am Abend vorher in Brüssel verkauft. Doch was will man machen, ab geht es in den Club zum - genau - Warten auf die Künstlerin, die gerade noch für eine lokale Pressefrau, die bereits ein veritables Fangirl Grinsen auf dem Gesicht hat, posiert. Erkenntnis: selbst Chelsea Wolfe ist also nicht von Natur aus so ätherisch - übellaunig, wie man es nach dem Genuss ihrer Musik vielleicht annehmen würde.
Nachdem der Soundmann eingetroffen ist und die Band aus ihrer angespannten Warterei erlöst, geht es um zwanzig vor zehn dann endlich mit Soleil Noir los. Die kreieren ein ungemein dichtes, wuchtiges Klangbild, das in seiner Düsternis erstaunlich perfekt zur Hauptband passt. Das Publikum ist nicht durchweg begeistert, doch das ist bei einer unbekannten Vorband nicht weiter erstaunlich. Trotzdem bin auch ich ein wenig froh, als Soleil Noir nach leichter Überziehung ihre Sachen packen und die Bühne verlassen. Die Umbaupause dauert dann jedoch ein wenig zu lange, so dass das Set von Chelsea Wolfe erst kurz vor elf mit besagtem Intro startet. Auftritt Publikum: statt zuzuhören wird lieber weiterhin gelabert. Egal denkt man sich da noch, ist ja "nur" der Anfang, und der ist ziemlich lang und ziemlich anstrengend. Doch spätestens als "Movie Screen" sich langsam aufbaut sollten die Leute doch mal ruhig sein können.
Auch wenn ich mich gerne und oft über das Publikum auf Konzerten beschwere: in der Regel kalkuliert man ja mit ein, dass auf Konzerten einer gewissen Größe viele Zaungäste sind, denen Fotos und/oder Gespräche wichtiger sind als der Auftritt an sich. Doch bei einer verhältnismäßig kleinen, spartengebundenen und wenig spaßigen Musikerin wie Chelsea Wolfe sollte man doch eigentlich damit rechnen, dass sich die Anzahl der Labertaschen in Grenzen hält. Das Publikum (das nebenbei bemerkt wie immer bunt aus Hipstern, Metallern, Goths sowie Durchschnittsbürgern zusammengemischt ist) hält an diesem Abend leider eine ganz besondere Überraschung bereit: selbst im Bereich vor der Bühne wird gelabert und gedrängelt, um den perfekten Platz für ein beschissenes Foto/Video zu erhalten. Direkt hinter uns stehen zwei Paarungen, die permanent wichtige Dialoge führen, notfalls auch beliebige Gitarrenmelodien intonieren müssen. Rechts vorne scheint eine Art Junggesselinnenabschied zu steigen, jedenfalls interessiert man sich dort auch nur peripher für die Musik. In den lauten Momenten fällt das nicht unbedingt auf, doch erst jetzt wird mir klar, wie viele leise Momente es bei Chelsea Wolfe eigentlich gibt. Kurz vor Schluss drängelt sich dann tatsächlich die Pressefrau vom Beginn des Abends genau durch die Mitte nach vorne, um gute Fotos mit ihrer fetten Kamera machen zu können; und weil das nicht reicht muss sie natürlich noch das Handy auspacken und ein paar Fotos aus erhöhter Position schießen. Da stellt man sich halt zu Beginn nach vorne, bestenfalls an den Rand, nicht direkt in die Mitte und macht dort seine Fotos, um niemanden zu stören, aber das wäre vielleicht zu einfach, zu dezent, zu freundlich, was auch immer. Danach muss sie natürlich dringend wieder nach hinten, ich stelle mich so dicht an die Leute um mich rum, dass ein weiteres Durchkommen verhindert werden sollte, was sie bei "Lone", einem verdammt noch mal sehr leisen Akustiksong, nicht daran hindert sich direkt hinter mich zu stellen und den Klang des Stücks mit dem Klicken ihrer Kamera zu sabotieren. An dieser Stelle kann ich mich kaum noch auf die Musik konzentrieren, zu viele Leute die mal eben Bier holen waren oder ganz dringend für ein verwackeltes Foto nach vorne müssen habe ich an diesem Abend an mir spüren müssen, zu viele dumme Gespräche mitgehört, zu wenig wegen meinem hibbeligen Vordermann gesehen - und das genau an dem Abend, an dem mich sonst nichts daran gehindert hätte, die Musik vollkommen zu genießen. Ziemlich angepisst verlassen wir nach "Echo" das Exit 07, der Regen draußen passt zu meiner Stimmung und untermalt die Fragen, die ich mir stelle: wer waren diese Leute? Wieso haben sie sich nicht auf ein Bier in der Kneipe getroffen? Wieso mussten sie ganz vorne stehen? Und warum konnten sie nicht einfach, einen verdammten Song lang ruhig sein? Fragen über Fragen, doch zumindest kann ich mich mit der todtraurigen Musik von Chelsea Wolfe trösten, deren Debüt nun übrigens per Post zu mir kommt, direkt aus Amerika mit einer Extraportion Porto.
Chelsea Wolfe optimiert ihr Auftreten an undankbarer Stelle für: alternative Goths/abgedriftete Metaller/finstere Freunde grenzenloser Musik
Weiterlesen: Konzert: Chelsea Wolfe, 02.05.2012, Kleines Exil
Meiner Zeit hinterher: Chelsea Wolfe/Unknown Rooms
Album: Chelsea Wolfe/Pain Is Beauty
Konzert: Chelsea Wolfe & Russian Circles, 31.10.2013, Jubez