Tag 2628 / Haben es andere auch?
Mir geht’s monatelang gut, zumindest wochenlang. Und dann hab ich wieder so einen krassen Einbruch, also, so einen krassen Einbruch, dass ich denke, mit den Tabletten stimmt was nicht. Dass man daran was machen muss, das hatte ich zuletzt höchstens vor einem halben Jahr. Und dann fing es an mit dieser anderen Tablette.
Ja, das haben andere auch, das ist nicht ungewöhnlich, sagt der Pfleger.
Ich bin überfordert von diesen 15.000 Fotos auf meinem Handy! Ich muss immer alle vorher einzeln angucken, ob ich sie auch wirklich löschen möchte. Ich kann den obersten Abschnitt vom Bücherregal aufräumen. Die anderen aber nicht. Mich macht diese Unruhe wahnsinnig! Überall sind Haufen in meiner Wohnung! Ich komm nicht klar! Ich komme nicht durch! Wenn ich von A nach B gehe, stoß ich was runter.
In diesem jetzigen Job, da kann man sich gar nicht verstecken - vor allem nicht, wenn Morgenbesprechung ist mit so vielen Leuten. Ich hab gestaunt wie lange ich das gut konnte, wie selbstbewusst ich war. Wie soll ich denn morgen klare Sätze formulieren? Indem ich sie formuliere und nicht zu Hause bleibe und mich verstecke! Ich hab da eine wichtige Position. Die sollte ich wahrnehmen. Nicht einbrechen jetzt, nicht jetzt, Agatha.
Was blog ich noch vor wenigen Tagen?
Unter 2 dürfen sie mich nicht einstufen.
Machen sie trotzdem.
Und im ersten Moment finde ich das mega diskriminierend, kleinkariert, demotivierend.
Und ich sage laut: Ich habe keine Kraft mehr zum kämpfen.
Und ich denke, ich schreibe dem Integrationsfachdienst, der davon auch keine Ahnung hat und an einen Experten für Personalsachen im ÖD verweisen muss.
Ich denke, ich kontaktiere den Schwerbehindertenbeauftragten.
Und dann, während ich backe, erkenne ich die Chance darin: Dass es mir in Stufe 1 leichter fällt, Fehler zu machen, Fragen zu stellen, eher zu gehen, krank zu sein, Urlaub zu beantragen. Dass man auf jemanden in Stufe 1 eher verzichten kann als auf jemanden in Stufe 3 oder 4.
Der Stufe-1-Mensch muss weniger mitdenken.
Er bringt ja nichts mit.
Er führt nur aus.
Ich kann bloggen, backen, schwimmen.
Ich bin ja Anfängerin.
Wer weiß, ob ich mich bewähre.
So, das Problem ist, ich bin total vergiftet mit negativen Äußerungen, mit Dingen, über die ich mich aufrege. Und mir begegnen wenige Dinge, über die ich mich freue. Dinge, über die ich mich freue, wären gut, wenn die mir auch im Arbeitsalltag begegnen. Dinge, über die ich mich freue, kann auch eine saubere Wohnung sein, eine aufgeräumte Küche, ein Essen, was ich mir mache, ohne dass Dinge runter fallen oder ich erst drei Töpfe abwaschen muss. Ich könnte mich darüber freuen, auf meinem Balkon zu sitzen und dem Vogelzwitschern zu lauschen. Ich könnte mich darüber freuen, Fotos zu machen und mit diesen Fotos was zu machen. Ich könnte mich wieder daran freuen, an verschiedenen Orten in Berlin oder auch in Deutschland, in Europa AA-Meetings zu besuchen, könnte wieder darüber schreiben wie das da war. Ich könnte auch einfach ganz offen sagen, die Integration in den Arbeitsmarkt ist hier in diesem Punkt gescheitert.
Die Frage ist nicht, ob ich das kann, 30 Stunden, 39 Stunden, die Frage ist nicht, ob ich in einen Job einsteigen kann, von dem ich wirklich vorher Null Vorerfahrung hatte. Die Stufe 1 war begründet für die ersten zwei Wochen. Von da an bin ich drin gewesen. Mit meiner psychischen komischen Art bin ich in der Lage, mich superschnell in Dinge reinzuarbeiten. Ich bin aber auch superschnell an meiner Toleranzgrenze, Frustrationsgrenze angelangt. Und dann ist hier Ende, Gelände. Ich lass mir doch nicht irgendwelche Dinge unterjubeln, die ich unterschreibe, für die ich richtigzeichnen, obwohl ich gar keine Vorerfahrung habe, worauf ich achten soll.
Irgendwie ein bisschen schwierig.
Ich hab ich gesagt in dem Meeting, ich mach jetzt noch diesen Urlaub und dann höre ich auf. Und wenn das so bleibt und mein Bauch, der heute jetzt schon wieder total weh tut, ich kann noch nicht mal einen von meinen normalen BHs anziehen, so doll tut das weh!
Wenn das so ist, dass ich dann anfange zu heulen, weil er keinen Termin für mich hat, mir der Sprechstundenmann wieder erzählt, dass alle Termine voll sind, wenn ich dann, anstatt mich daran zu erfreuen, dass andere Leute auch gerne schwimmen gehen, anstatt mich daran zu erfreuen, ärgere ich mich, dass die jetzt da waren oder die ein schöneres Foto machen oder ein doofes Foto.
Was mich am meisten krank macht, ist mein Denken, dass ich im Kopf alles bewerte, mich, alle anderen, alles. Ich kann ganz schlecht einfach sagen, auch schön oder nicht so schön, aber egal.
Also, das Krankgeschriebensein bekommt mir schon mal gar nicht!
Aber solche in so einer Tonality geschriebenen E-Mails mit Fett und gelb markiert, der Aufforderung um Bestätigung!
Was für ein Theater: Ich reiche beglaubigte Zeugnisse ein und ihr schickt eure Vermerke, was nur ein Vermerk ist und kein Erlass oder kein kein offizieller Brief, ihr verschickt das per E-Mail. Ich soll alles beglaubigen lassen von offizieller Stelle und bekomme auf Umweltpapier mit einer nicht mehr klebenden Haftnotiz in einer schon mal benutzten Klarsichthülle meinen Arbeitsvertrag.
Und jetzt bin ich wieder an dem Punkt wie ich im Oktober war, wo ich denke, die haben alle versagt, meine Familie, der Psychiater. Wie können die mich denn alle so rumlaufen lassen in so einem schlechten Wohnungszustand, Gemütszustand? Aber oberster Bundarbeitsplatz - das passt doch alles nicht!
Mein Nervenkostüm ist einfach durch und wenn dann das Handy nicht das macht, was ich möchte und wenn dann viele Dinge nicht funktionieren. Ich habe diesen Puffer nicht! Ich brauche Harmonie und nicht Druck. Ich brauche nicht neue Herausforderungen.
Warum regele ich nicht erstmal die kleinen Dinge gut? Abwaschen, regelmäßig putzen? Warum muss ich mir so einen Job suchen, oberster Bundarbeitsplatz?
Ich denke, meine Ärzte machen was falsch, weil Miriam Meckel von ihrer Depression geheilt ist, Kurt Krömer auch, dieses Modell auch, Nora Tschirner und wie sie alle heißen. Sie haben sie überwunden, die Depression. Und gleichzeitig muss ich mir sagen, Agatha, ist es das gleiche wie bei Krebs. Der kommt wieder, obwohl man denkt, alles richtig gemacht zu haben. Und ich bin mir schon bewusst, dass ich nicht alles richtig gemacht habe.
Die machen Bestrahlung, die machen Chemo, sie leben gesund, sie treten kürzer und trotzdem kommt der Krebs zurück! Ich gehe arbeiten, ich bleib trocken, ich bin mit meiner Katze, ich mute mir keine enttäuschen Sexdates mehr zu.
Gestern habe ich mich geboxt in die Beine. Heute ich möchte mir mit dem Messer an die Beine stechen. Ich hasse diesen Zustand!
Die andere zum Beispiel, diese Franka, die würde erst mal gar nicht so darauf reagieren, das greift die gar nicht so an in ihrer Substanz wie es mich angreift. Mir zieht es die Beine weg. Ich möchte alles hinschmeißen. Ich möchte den sagen: Das ist der Punkt, wo Leute sich umbringen.
Für mich sorgen heißt nicht, eine Arbeit zu machen mit so vielen Stunden und die mir so wenig Spaß macht.
Wenn ich keine Zufriedenheit in mir habe und nur im außen suche, was sie alles falsch machen, dann kann es mir nicht gut gehen. Ich suche jetzt schon wieder im außen, weil die mich falsch einstufen. Eigentlich kann ich überall rumschimpfen über alle, die alles falsch machen, meine Mutter macht alles falsch, der Arbeitgeber macht alles falsch, die Gesellschaft macht alles falsch, die Nachbarn machen alles falsch. Ich bin voll von Groll und Selbstmitleid.
Anstatt, dass ich dankbar bin für die Stelle von - jetzt passt mir die Stufe nicht. Aber wenn’s mir jetzt tatsächlich schon schlecht geht, wenn ich merke, fünf Kilo in zweieinhalb Monaten, dann kann ich jetzt noch zweieinhalb Monate warten und 105 wiegen oder ich verkürze das gleich.
Ich muss mir klar sein, wenn wir das Medikament erhöhen, dann werde ich auf jeden Fall noch ein bisschen aggressiver und hab vielleicht auch Arschanspannung. Aber ich glaube, jetzt habe ich gar nichts, bis auf knirsche viel nachts, merke manchmal, ich sitze nicht entspannt.
Psychosen werden auch durch Stress ausgelöst oder Depressionsschübe oder Verschlechterung der psychischen Erkrankung, Stress, Stress, Stress vermeiden - ich bin irgendwie im Dauerstress.
Gewichtszunahme, morgens Antriebsschwere, komische Gedanken, Geräuschempfindlichkeit, Tagesmüdigkeit, Radfahren, Tasche packen, alles fällt total schwer.