Zurück zum Papier: De-Digitalisierung im öffentlichen Dienst
Julia Bergmann: Wir sind ja im Grunde schon in einer Post-Googledoc-Zeit.
Kathrin Passig: He, Moment! Das hat mir keiner gesagt!
Julia Bergmann: Also für mich schon. Die Zeiten, wo man uns so ein bisschen hat spielen lassen in den öffentlichen Diensten, sind vorbei. Es gab so dieses ... keiner wusste so richtig, wie's geht, “ach, Sie machen da was, ja, wir haben das noch nicht so richtig unter Kontrolle, aber machen Sie mal” Also da konnte man sich noch relativ frei bewegen, weil es noch keine Verbote gab, keine Regeln ...
Georg Passig: Und jetzt heißt's: Keine Daten der Institution auf Servern außerhalb der Institution. Das ist bei uns auch die Regel. Ich nutz die Dropbox, seit es sie gibt, auf einen Tipp der Studierenden hin. Und natürlich darf man sie offiziell nicht nutzen, also hat die Hochschule nachgezogen und hat jetzt eine “FAU-Box”, die von Nürnberg oder so gemacht wird. Aber für Google Docs gibt's keinen brauchbaren Ersatz. Es gibt Etherpad, aber da müsste sich jemand um einen Server kümmern, das ist wieder mühsam. Also arbeite ich weiter mit Google Docs.
Julia Bergmann: Ich mach tatsächlich keine digitalen Schulungen mehr. Hessen hat mich ja verboten, der Datenschützer von Hessen hat mich verboten. Der hat nicht mal mit mir gesprochen. Ich hab gesagt “Sie haben das falsch verstanden, was wir da tun.” Der hat den Veranstalter zusammengepfiffen, das war eine Fachhochschule. Und ich hab gesagt, ich red gern mit dem, der hat Dinge nicht richtig verstanden. Der Veranstalter sagte auch: Wir haben mit allen unseren Teilnehmern gesprochen, wir haben immer gesagt: “Etwas wie Google Docs, und dann gucken Sie, wie's bei Ihnen ist, ob Sie Windows 365 bei sich haben” und so, die Produkte sind ja unterschiedlich, da sind ja ganz unterschiedliche Teilnehmer. Aber üben konnten wir an dem Tag nur an einem öffentlichen Tool, auf einem Probeaccount. Also standen diese Tools da drin in der Beschreibung. Das hat dieser hessische Datenschützer gelesen, war aber nicht bereit, mit mir zu kommunizieren. Der hat also jegliche Veranstaltung von mir zu diesem Thema bei dem Anbieter verboten. Das heißt, ich mache nur noch Design Thinking, ganz viele Post-its, ganz viel Papier und Flipcharts. Ich brauch nicht mal mehr einen Beamer für diese Schulungen. Ich verlasse das Digitale, weil es keinen Sinn mehr für mich macht, weil ich es nicht mehr machen kann.
Georg Passig: Wegen diesem “öffentlicher Dienst, keine Daten auf externen Servern”, aber der öffentliche Dienst hat keine passenden Server?
Julia Bergmann: So ist es. Ich mach jetzt Kanban, ich mach Design Thinking, ich mach nur noch Dinge, die physisch gehen. Das ist die De-Digitalisierung per se und das Gegenteil von dem, was unsere Regierung behauptet, tun zu wollen.
Georg Passig: Das ist bei uns schon auch so ähnlich. Man sagt, ich will Google Docs, und dann geben sie einem Microsoft Sharepoint. Das funktioniert halt einfach nicht. Dann testen's alle Kollegen, finden es scheiße und sagen “Was willst du denn mit deinem kollaborativen Zeug, ich schick wieder Worddokumente mit Kommentaren rum, das hat gut funktioniert.” Und irgendein armer Mensch sitzt am Ende da und muss die zehn Mails in ein Dokument zusammenführen.
Julia Bergmann: Genau. Das heißt, ich gebe nur noch Schulungen über “Was bedeutet moderne Bibliotheksarbeit”, mit ganz vielen Beispielen, da geht's viel um Räume, da geht's um user-centered design. Übrig bleiben also Themen wie Design Thinking, Kanban und Rechercheschulungen. Rechercheschulungen sind das, was ich seit Anbeginn mache, was nicht totzukriegen ist. Alle anderen Schulungen, die ich gemacht habe, Projektmanagement, Arbeitsorganisation ... ich hab ein Buch dazu geschrieben. Diese ganzen Kurse, die im Grunde mein Kerngeschäft waren über viele Jahre hinweg, finden nicht mehr statt. Weil das Thema tot ist. Da kann ich nicht mehr mit werben, das werd ich auch nicht mehr verkaufen. Ich rede auch nicht mehr über Bibliotheks-Apps – eine Zeitlang habe ich noch über Bibliotheks-Apps und digitale Angebote von Bibliotheken und so geredet. Ich rede über nichts mehr davon. Nur noch entfernt, ich sage “es gibt MOOCs, denkt über MOOCs nach ...” Das sind aber alles so Tipps aus der Ferne. Ich habe ganz viele Hands-on-“fass die Technik mal an, sie beißt dich nicht zurück”-Seminare gemacht – tot. Die finden nicht mehr statt. Nur noch Recherche.
Kathrin Passig: Und das ist wann ungefähr passiert?
Julia Bergmann: Vor zwei Jahren?
Georg Passig: Stimmt, das war bei uns auch der Übergang, wo dann die Richtlinie draußen war, dass man kein Google Docs verwenden darf und keine Dropbox und dass man die hauseigenen Mittel nutzen soll. Aber kräht kein Hahn danach, wenn man das nicht macht.
Julia Bergmann: Naja, aber ich kann das als Beraterin keiner Institution empfehlen.
Georg Passig: Du könntest ein Notebook mitbringen, auf dem ein Etherpad-Server läuft ...
Julia Bergmann: Aber warum sollen wir über Dinge reden, die die nicht benutzen können?
Georg Passig: Um ihnen klarzumachen, was es alles gibt, damit sie ihren Admins auf die Zehen treten können ...
Julia Bergmann: Das hab ich die Jahre davor gemacht. Aber es hat wie gesagt offensichtlich den gegenteiligen Effekt erzeugt. Ich mach's nicht mehr. Das ist für mich eine völlig verbrannte Region. Schulungsgebiete, die nicht mehr existieren.
Georg Passig: Vielleicht ist es nur die Delle im Hype Cycle. Dass es danach vielleicht besser wird und wir vielleicht doch irgendwoher wieder Tools kriegen, die funktionieren.
Julia Bergmann: Ich sehe zumindest nicht, dass diese Delle schnell vorbeigeht.
(Julia Bergmann, Georg Passig, aufgezeichnet und transkribiert von Kathrin Passig)