Um die Jahrtausendwende
Tomatensalat
Ich bekomme ein neues Firmenhandy – irgendeins von Nokia, glaube ich. Man kann damit telefonieren, SMS schreiben, Snake spielen, was die aktuellen Modelle halt so können.
Beim Autofahren mit dem Handy zu telefonieren ist (in der Schweiz) zwar bereits verboten, wird jedoch weithin als Kavaliersdelikt angesehen, und alle Welt tut es. Ich auch, mit spärlich schlechtem Gewissen. Eine wirklich funktionierende Freisprechanlage ist ein echtes, für mich unerreichbares Statussymbol. Bluetooth steckt noch in den Kinderschuhen und nervt ohne Ende, daher sind teure, umständliche Halterungen und Verkabelungen nötig, die auch noch für jedes neue Handy und jedes neue Auto neu gemacht werden müssen. Daher bin ich elektrisiert, als ich in der Bedienungsanleitung meines neuen Telefons lese, es habe eine eingebaute Freisprechfunktion!
Ich schreite sogleich zur Tat und fange an, die neue Funktion in Betrieb zu nehmen. Man kann ein „Zauberwort“ vereinbaren, und wenn man es ausspricht, erwacht das Handy und ruft eine zuvor eingegebene Nummer an (da es ein Diensttelefon ist, wähle ich pflichtbewusst die Nummer der Firma). Ein Test ergibt, dass die Sache … na ja, noch verbesserungswürdig ist. Sprachqualität schlecht, Lautstärke niedrig, das Zauberwort wird schlecht erkannt. Ich lege enttäuscht das Handy im Auto beiseite und fahre zu meinem Kunden an den Genfersee, und abends wieder zurück.
Irgendwann auf dem Heimweg fange ich an zu singen. Ach, ich singe so oft so schöne Sachen beim Autofahren, aber an diesem Spätnachmittag im Sommer flüstert der Teufel mir ein, das Tomatensalat-Lied zu singen:
Man ahnt es bereits: am Abend werde ich feststellen, dass das Handy sich von meinem Gesang angesprochen fühlte (obwohl das Zauberwort keineswegs “Tomatensalat” lautet) und in der Firma angerufen hat. Wie ist das wohl abgelaufen? Meine Fantasie malt sich natürlich gleich aus: Die Kollegen haben meinen Gesang gehört, ihn auf Lautsprecher gelegt, und das ganze Büro lief zusammen und hielt sich die Bäuche vor Freude, dass Herr Otter sich hier ganz und gar zum Narren macht. Am besten, ich kaufe mir gleich eine Kappe mit drei Zipfeln und Glöckchen dran.
Aber als ich am nächsten Tag in die Firma komme, sagt niemand etwas dazu, und auch vorsichtige Nachfragen meinerseits fördern nichts zutage. Als ich viel später direkter und hartnäckiger frage, will sich niemand an den Vorfall erinnern. Das nährt in mir die Hoffnung, die Soundqualität sei so elendiglich schlecht gewesen, dass man nur undefinierbaren Lärm hörte und achselzuckend wieder auflegte. Aber wissen werde ich es nie.
(Tilman Otter)















