„Menschen sind furchtbar. Und ich bin da ja keine Ausnahme. Schmutzig. Laut. Auf Irrelevantes beschränkt. Gefangen. Wir sind furchtbar. Einige meiner schlimmsten Momente waren solche, ich denen ich meinem Ekel auf die Menschheit freie Bahn gelassen und dann realisiert habe, dass ich auch nur einer bin. Der größte Schmerz, einer der größten, ist das Existieren, das Bewusstsein, die Gewissheit, ein Mensch zu sein.“
Gynt stockt. Schluckt schwer. Er hat Tränen in seinen müden, resignierten Augen. Ich frage ihn, ob er weiterreden will. Er nickt. Wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Ich will nicht pathetisch klingen, so als würde ich alles Leid allein haben...“
Ich nicke verständnisvoll. Eine normale Reaktion von ihm. Aber Relativierung macht ja auch nichts besser.
„Ich will wirklich nicht so klingen, aber es tut weh. Es tut wirklich weh, ein Mensch zu sein. Furchtbar. Manchmal... viel zu oft, liege ich in meinem Bett und muss mich zusammenreißen, meinen Körper verkrampfen, um nicht lauthals loszuschreien. Ich habe das Gefühl, alles bricht auf mich ein. Die ganze Welt, das unsichtbare Gefüge stürzt ein und erdrückt mich. Ich möchte schreien und weinen. Dieses Menschsein. Diese Welt.“
Er wischt sich weitere Tränen weg. Ich muss schlucken. Hoffe, dass er es nicht merkt. Ich will ihm keine Psychopharmaka verschreiben, auch wenn er sich das vermutlich wünscht. Gynt ist jetzt erst das dritte Mal bei mir in der Praxis, aber ich bilde mir ein, dass ich sein Leiden wenigstens grob umreißen könnte.
„Mir tut das weh. Mir macht das alles Angst. Ich bin verunsichert und angeekelt. Es kostet soviel Kraft morgens aufzustehen und nicht an... sie wissen schon... zu denken.“
Ich nicke.
„Ich komme nicht darüber hinweg, dass ich ein Mensch bin, einer dieser Menschen. Mir ist so unwohl in meiner Haut.“
Gynt hört auf zu sprechen, seufzt schwer und ich sage ihm, dass wir gute Fortschritte machen und uns nächste Woche wiedersehen. Während er erst mein Behandlungszimmer, dann mein Büro verlässt, bin ich mir sicher, dass ich ihn nicht wiedersehen werde. Lebend.