Eier (35)
Was ist weiß-gelb und schmeckt nicht?
Ein deutsches Hotel, Nordseeküste, genauer: Ostfriesland, der deutscheste Teil da oben. Die Tische gedeckt, die Kanne Kaffee kommt auf Nachfrage, Schwarzbrot, Graubrot, Müsli, Obstsalat, Orangensaft, alles am Buffet. Der Deutsche liebt Buffets. Überall: kleinkarierte Hemden, kurze kleinkarierte Hemden, kurze kleinkarierte Hemden in Hosen, am besten in Funktionshosen, denen ein Teil per Reißverschluss abgezippt werden kann, Brillen, Gürtel, Messer und Gabel. Alles perfekt. Okay, es könnte wärmer sein, und regnen müsste es auch nicht, aber Nordkorea mit seinen dämlichen Bomben ist weit weg, ganz weit weg, und auch dieser Schulz, der immer will, dass jetzt Wahlkampf ist. Hier drinnen regiert nur eins: das Ei.
Eiersalat, Rührei, Spiegelei, hartgekochtes Ei, weichgekochtes Ei, mittelhartgekochtes Ei. Überall Eier. Omelette auch, klar. Alle stürzen sich darauf, pflastern sich den Magen damit zu, als gäbe es nichts Vernünftiges mehr zu essen. Nichts, was nicht so streng riecht, nicht so unappetitlich glibbert und nicht so fürchterlich schmeckt. Der Deutsche ohne Eier ist ein Problem, der Deutsche ohne Eier hat gewaltige Probleme. Vor allem, wenn er sie nicht rechtzeitig am Hotelbuffet mit dem richtigen Garpunkt serviert bekommt. Was soll das?
Vor ein paar Wochen, da hat dieser Schulz auch schon gewollt, dass jetzt Wahlkampf ist, geisterte der Fipronil-Skandal durch die Gegend. Irgendein Pflanzenschutzmittel ist an die Eier in unseren Supermärkten gekommen, es war wirklich schrecklich. Schuld waren die Holländer oder Bulgaren oder sonst wer, auf keinen Fall aber die Deutschen. Wie kommt eigentlich Pflanzenschutzmittel durch die harte Schale? Egal.
Heute spricht natürlich kein Mensch mehr von Fipronil, höchstens, um sich darüber lustig zu machen, dass wir ja ohnehin mit Pferdelasagnen und Ehec-Gurken verseucht werden. Wahrscheinlich von irgendeiner geheimen Macht, die die Bevölkerungszahl auf Erden regulieren will. Oder von Xavier Naidoo. Wenn wir eins gelernt haben in dieser eierlosen Zeit: Du darfst dem Deutschen alles nehmen, aber niemals sein Frühstücksei.
Henning Rasche










