Die beste Freundin (23)
Du. Und du. Und du. Und du.
Das hat wunderbar mit uns funktioniert in der achten Klasse, oder? Du, ich - wir beide waren die Neuen, und die Neuen rotten sich ja immer zusammen, weil sie dann gemeinsam einsam und dann also nicht mehr einsam sind. Wir gegen die anderen. Wir als Einheit. Wir, die erste Verbindung in einer neuen Welt. Und aus der Zweckgemeinschaft wird dann Freundschaft.
Eine gute Freundschaft. Eine sehr gute Freundschaft. Eine mit so einem Freundschaftsheft, wo so herrliche Dinge drinstehen wie „Du bist volle ölle in dem Bork verknallt, oder?“ (Stimmt!) oder „Ich lasse mir bald die Fingernägel machen!“ (Gottlob, hast Du das nicht getan!). Abends haben wir dann telefoniert. Stundenlang. Auch die mahnenden Worte unserer Eltern könnten uns nicht davon abhalten. Deine Nummer von damals kann ich noch immer auswendig.
Dann waren wir beste Freundinnen. Das haben wir gesagt. Und es wurde kompliziert. Denn jetzt war ja klar, dass Du mir alles zuerst erzählen MUSST und dass ich Dir alles zuerst alles erzählen MUSS, erst dann dürfen die anderen das erfahren. Dich muss ich als Erstes anrufen, mir musst Du immer zuerst zuhören. In der Schule sitzen nur wir nebeneinander. Auf Partys gehen wir nur gemeinsam. An Karneval entscheiden wir zusammen, welches Kostüm wir tragen. Du bist meine beste Freundin, und indem wir das festgelegt haben, haben wir auch diesen uralten unausgesprochenen Pakt geschlossen, den nur beste Freundinnen verstehen.
Diesen Pakt, der Dich zu meiner Nummer Eins und mich zu Deiner Nummer Eins macht.
Bloß, dass dieser Pakt immer vom Faktor zwei ausgeht. Drei ist immer eine zu viel. Noch mehr geht gar nicht. Aber so ist ja das Leben nicht. Nie hat frau nur eine Freundin. Die Idee dieser einen, unumgänglich wichtigsten Person in deinem sozialen Leben, kann wie jede Form der freiwilligen Selbstverpflichtung nur zum Scheitern führen - vor allem, wenn später ein Partner, eine romantische Beziehung dazukommt. Beste Freundinnen sind nur in den seltensten Fällen für die Ewigkeit.
Irgendwann hast Du dann gesagt, wir seien nicht mehr DIE besten Freundinnen. Aber ich sei eine beste Freundin. Eine von vielen. Mit Mädchen und Jungs zusammen. Das war einer der klügsten Sätze, die Du je zu mir gesagt hast. Und ich halte es seither genauso - bis heute.
Ich habe viele beste Freundinnen. Die eine, die immer schon da war, mein Leben lang, und es immer sein wird. Dich, die aus der Schule, die mit mir gemeinsam einsam war. Die Unkonventionelle, die ganz weit weg wohnt, und mich in allem so nimmt, wie ich bin. Die Durchgeknallte, die mir im Innersten ähnlicher ist als jeder andere. Die, die immer zuhört, auch wenn das, was ich sage, noch so abstrus ist. Ich habe Euch. Was brauche ich da die eine beste Freundin?
Laura Ihme






