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Cherie Dimaline: Die Traumdiebe
Der Kampf um Träume, Liebe und Hoffnung
„Wenn man einen Menschen oder ein Volk töten will, muss man nur seine Träume zerstören, so wie die Weißen es mit den Indianern machen: ihre Träume, ihre Magie, ihre Schutzgeister töten.“ (William S. Burroughs)
Wir befinden uns in einer postapokalyptischen Welt, irgendwann in der Zukunft: Nachdem der Mensch die Ausbeutung der weltweiten Ressourcen endgültig auf die Spitze getrieben hat, wird die Erde von zahlreichen Klimakatastrophen geplagt. Im Kampf ums Überleben, verlieren die meisten Menschen ihre Fähigkeit zu träumen, weshalb von nun an auch noch auf die letzte verbliebene Kostbarkeit Jagd gemacht wird: Das Träumen. Mit ihrem Roman Die Traumdiebe (erschienen am 9.3. 20 im Heyne-Verlag) legt Cherie Dimaline eine spannende Mischung aus Dystopie und Abenteuerroman vor, die sich in ihrem Schrecken, den sie beim Leser hervorzurufen vermag, durchaus mit Werken wie Ray Bradburys Fahrenheit 451 oder George Orwells 1984 vergleichen lässt. Dennoch ist das dystopische Element nur eine Seite dieser vielseitigen Erzählung. Es ist ebenso eine Geschichte über Liebe, Hoffnung und die Macht der Phantasie.
„Das Leben der Menschen hatte sich komplett verändert. Und sie wurden immer kränker, nur diesmal im Kopf. Sie hörten auf zu träumen. Und ein Mensch ohne Träume ist nichts weiter als eine Maschine mit kaputtem Messgerät.“
Die Fähigkeit zu träumen ist in der neuen Welt ebenso selten wie gefährlich. Das muss der junge Frenchie schmerzvoll erfahren, als seine gesamte Familie von den sogenannten Anwerbern in die ‚Schulen‘ des Landes gezerrt wird, wo ihnen ihre Träume in einer qualvollen Prozedur, die niemand zu überleben scheint, genommen werden. Von nun an schlägt Frenchie sich alleine durch die Wildnis Kanadas, bis er völlig entkräftet von Miigwans und seinen Mitstreitern gefunden wird, die ihn bei sich aufnehmen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind die Ureinwohner des Landes und haben als einzige nicht ihre Träume verloren, weshalb sie zunächst nichts anderes tun können, als so weit wie möglich vor den Anwerbern zu fliehen. Es beginnt ein ständiges Katz- und Mausspiel zwischen denjenigen, die noch eine Verehrung für die alten Traditionen und Legenden in sich tragen und denjenigen, die die ganze Welt ökonomisiert und damit zerstört haben. Es ist ein ungleicher Kampf, der viele Opfer fordert, der aber auch beweist, dass es sich lohnt, um diejenigen, die man liebt, zu kämpfen.
„Und ich erkannte, solange es noch Träumende gab, würde es uns niemals an Träumen mangeln. Ich erkannte auch, dass wir alles füreinander tun würden, für das Kommen und Gehen, für den größeren Traum, den wir gemeinsam teilten. Einfach alles.“
Die Autorin hat mit Frenchie und seinen Freunden eine Vielzahl unterschiedlichster Charaktere geschaffen, die jedoch alle eines gemeinsam haben: ihren Mut und ihre Opferbereitschaft. Jeder wäre bereit für den anderen zu sterben und dennoch könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Da ist zum einen die alte Minerva, die verwirrt erscheint und doch der wichtigste Schlüssel zu den alten Legenden ist, die dieser Erzählung so unglaublich viel Magie verleihen. Außerdem ist da der weise Miigwans, der die Gruppe voller Weitblick anführt. Und natürlich gibt es noch die rebellische Rose, in die Frenchie sich unsterblich verliebt. Die Frage ist: Wird ihre Liebe den extremen Bedingungen standhalten? Dimaline hat mit ihrer Erzählung über Gut und Böse einen Spannungsbogen geschaffen, der bis zur letzten Seite und sogar darüber hinaus bestehen bleibt. Zwar werden einige zentrale Fragen beantwortet und Handlungsstränge zu Ende erzählt, jedoch hat die Geschichte trotzdem ein relativ offenes Ende. Im Klappentext heißt es dazu, dass die Autorin bereits an einer Fortsetzung sowie an Filmadaption des Stoffes arbeite. Man darf also sehr gespannt sein, wie es mit diesen vielseitigen Charakteren weitergeht.
Die Traumdiebe – Eine großartige Erzählung über Mut, Hoffnung, Selbstlosigkeit sowie die Kraft der Mythen und Träume.
Nicolás Giacobone: Das geschwärzte Notizbuch
„Seit fünf Jahren schon sehe ich keinen Sonnenaufgang mehr. Seit fünf Jahren schon sehe ich keinen Baum mehr. Seit fünf Jahren schon sehe ich keine Wolke mehr.“
Jeden Morgen zwischen sechs und sieben Uhr hält der Autor Pablo seine Gedanken in einem Notizbuch fest. Anschließend streicht er alles mit einem dicken schwarzen Stift wieder durch. Schon seit mehreren Jahren wird der begnadete Schriftsteller von dem Regisseur Santiago Salvatierra gefangen gehalten, damit er für ihn Drehbücher schreibt. Salvatierra ist nämlich von der Idee besessen, der beste Regisseur aller Zeiten zu werden und das Medium Film völlig neu zu erfinden. Nur leider kann er, wie so viele Regisseure, nicht schreiben, weshalb dies nun Pablo übernehmen muss. Was sich dann zwischen Pablo und Salvatierra entwickelt, ist eine seltsame Beziehung aus gegenseitiger Verachtung, teilweise sogar Hass und gleichzeitiger Abhängigkeit, die doch in eine fruchtbare Symbiose der beiden Künstler führt, aus der ein Meisterwerk entsteht.
„Zündende Ideen. Santiago zwingt diese Ideen gerne herbei; er ist überzeugt davon, dass man sie ausgraben kann. Aber die Ideen, die funktionieren, sind solche die ganz von selbst auftauchen, die sich unverhofft zeigen, ohne sich aufzudrängen. “
Liest man den Klappentext von Das geschwärzte Notizbuch, so vermutet man, dass es sich bei diesem Roman um einen Krimi oder Thriller handelt. Man erwartet Erniedrigungen, Grausamkeit und Fluchtversuche des Opfers. Doch nichts davon kommt vor. Pablo hat sich an seine Gefangenschaft gewöhnt und hegt keinerlei Fluchtgedanken. Vielmehr geht er auf eine seltsame Weise in seiner Kunst, die er unter diesen extremen Bedingungen schaffen muss, auf. Echte Krimifans kommen hier also nicht wirklich auf ihre Kosten, doch dieser Roman hat so vieles mehr zu bieten. Er erforscht nämlich auf eine faszinierende Weise das Verhältnis von Kunst und Moral und beleuchtet immer wieder neue Facetten der Frage: Wie weit darf Kunst gehen? Nicolás Giacobone, selbst erfolgreicher Drehbuchautor und Oscar-Preisträger, gibt mit Das geschwärzte Notizbuch außerdem einen interessanten Einblick in den künstlerischen Schaffensprozess, der von allerlei Ängsten und Zweifeln geprägt ist.
Das Buch überzeugt außerdem durch psychologisch ausgefeilte Figuren. Pablo, das eigentliche Genie und Erzähler des Romans, ist eher der ruhige, introvertierte Typ, erzählt in seinem Notizbuch aber doch immer mit viel Witz und einer gehörigen Portion Ironie, während Salvatierra als ein cholerischer und selbstgerechter Hochstapler dargestellt wird. Die Dreistigkeit, mit der sich der Regisseur Pablos Erfolge aneignet, ist so absurd, dass man als Leser mehr als einmal schmunzeln muss.
Das geschwärzte Notizbuch – ein ungewöhnlicher, reflektierter und teils auch philosophischer Roman, der sich außerhalb fester Genregrenzen bewegt.
Rob Hart: Der Store
Leistungsgesellschaft 2.0
„Wir leben in einem Zustand der Entropie. Wir kaufen Dinge, weil wir auseinanderfallen und weil etwas Neues uns das Gefühl vermittelt, wieder ganz zu sein. Nach diesem Gefühl sind wir süchtig, und dadurch hat Cloud uns in der Gewalt. […] Jahrelang haben wir Geschichten darüber gelesen, Bücher wie Schöne neue Welt und 1984 und Fight Club, […]aber die Botschaft haben wir ignoriert.“
Was wäre, wenn ein Großteil der gesamten Weltwirtschaft von einem einzigen Onlinestore dominiert werden würde? Wenn man da an den Versandriesen Amazon denkt, ist diese Vorstellung vielleicht gar nicht so abwegig. Doch was wäre, wenn dieser Shop eine Art Parallelgesellschaft schafft, indem er seine Millionen von Mitarbeiter auf einem gesonderten Campus unterbringt, der alles hat, was eine eigene Stadt braucht: medizinische Versorgung, Parks, Restaurants und andere Freizeitbeschäftigungsmöglichkeiten? Und was, wenn der Preis, den die Angestellten dafür zu bezahlen haben, die totale Kontrolle ist?
In seinem dystopischen Roman Der Store (erschienen am 2.9.19 bei Heyne)entwirft Rob Hart genau solch eine Gesellschaft und zeigt auf beängstigende Weise, wie der Wille um Fortschritt, der den Menschen eigentlich ein besseres, lebenswerteres Leben ermöglichen sollte, in eine repressive, bis ins kleinste Detail kontrollierte Gesellschaft münden kann, in der das Individuum nichts weiter ist als eine Maschine, die jederzeit Leistung zu erbringen hat. In seinem Romandebüt bringt Hart, der als politischer Journalist, Kommunikationsmanger für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet hat, den Leser durch politisches Feingefühl und kluge Dialoge dazu, darüber nachzudenken, in was für einer Welt wir leben wollen und wer die wahren Mächtigen unserer Konsumgesellschaft sind.
„Wir bieten alles von Unterhaltung über medizinische Versorgung und Wellness bis hin zu schulischen Einrichtungen. Wenn sie einmal hier sind, werden Sie nie wieder fortgehen wollen. Außerdem will ich, dass Sie sich hier zu Hause fühlen. Obwohl Ihre Sicherheit absolute Priorität für uns hat, werden Sie trotzdem nicht an jeder Ecke Überwachungskameras sehen. “
Ausgangspunkt der Handlung sind Paxton und Zinnia, die sich durch ihre Arbeit beim weltgrößten Onlinestore Cloud kennenlernen. Während Paxton, dessen eigenes Unternehmen durch Cloud in den Ruin getrieben wurde, einen Job beim Sicherheitsdienst ergattert hat, arbeitet Zinnia im Lager. Die beiden kommen sich näher, obwohl sie ganz unterschiedliche Absichten haben, was ihre Arbeit bei Cloud sowie ihre Zukunft betrifft. Doch beide sind von Beginn an ziemlich kritisch, was die Dauerüberwachung der Mitarbeiter und die seltsamen Machtstrukturen des Unternehmens betrifft und sie merken, dass in Cloud längst nicht alles so läuft wie es sollte: Drogen, Gewalt, Selbstmord und zwielichtige Machenschaften des Mangements stehen an der Tagesordnung. Wiederstand gibt es verdeckt sowohl aus den eigenen Reihen als auch von einigen mutigen Kämpfern, die sich dem Unternehmen von außen zu nähern versuchen. Doch weder Paxton noch Zinnia ahnen, wie weit Cloud wirklich geht, um seine Mitarbeiter und besonders sich selbst zu schützen.
„Zinnia fuhr mit dem Zeigefinge über das Display der Uhr. [….] Nachts aufladen. Sonst nicht abnehmen, weil es Gesundheitsdaten aufzeichnete, Türen öffnete, dein Rating registrierte, Arbeitsaufgaben übermittelte, Transaktionen abwickelte und wahrscheinlich noch hundert andere Dinge tat […]. Genauso gut hätte man Handschellen tragen können.“
Wie so ziemlich jede Dystopie beruht auch Der Store auf der totalen Kontrolle des Individuums und der daraus resultierenden maximalen Macht eines undurchsichtigen Systems. Anders als in George Orwells Roman 1984 manifestiert sich die Kontrolle jedoch nicht durch einen in Kameras allgegenwärtigen großen Bruder, sondern durch eine Armbanduhr, die jeder Mitarbeiter rund um die Uhr tragen muss und nur zum Schlafen ablegen darf. Es scheint fast, als sei Der Store in Hinsicht auf Überwachungsmöglichkeiten eine modernere Fassung von 1984. Mit technischem Fortschritt steigen nämlich auch die Möglichkeiten der Überwachung um ein Vielfaches. Während man 1984 vielleicht nicht mehr unbedingt als bedrohlich empfindet, weil ein Großteil der Orwellschen Überwachungstechniken für uns so alltäglich geworden sind, dass wir sie kaum mehr hinterfragen, stellt sich beim Lesen von Der Store ein tiefes Unbehagen ein. Smartwatches zum Beispiel gehören längst zum Alltag. Beim Lesen von Der Store wird den meisten Lesern vermutlich erst wirklich bewusst, welches Überwachungspotential in diesen kleinen Uhren steckt. Die meisten Menschen legen ihre Uhr vermutlich ähnlich wie Paxton und Zinnia nur zum Schlafen ab und es wäre für Menschen mit entsprechenden Kenntnissen ziemlich leicht, ihr gesamtes Leben zu überwachen. Fitnessapps kontrollieren unseren Gesundheitsstatus schon jetzt und dass sich auch der Aufenthaltsort sehr leicht herausfinden lässt, ist auch nichts Neues. Auf beeindruckende Weise macht Hart klar: Was sowohl technischen Fortschritt als auch das daraus resultierende Wirtschaftswachstum angeht, gibt es kein Zurück mehr. Ist eine Erfindung einmal gemacht, sind die gesellschaftlichen Folgen unter Umständen unabsehbar und katastrophal, auch wenn wie im Fall von Cloud eigentlich eine gute Absicht dahinter stand.
Der Store – erschreckend reale Dystopie, Liebesroman und rasanter Thriller in einem.
Lest weiter unter:
https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Store/Rob-Hart/Heyne/e554411.rhd
Stephen King: Das Institut
Weit mehr als Horror
Es gibt zwei Genres, die Stephen King besonders gut beherrscht: Horror und Krimi. Sein neuer Roman Das Institut (erschienen am 09.09.2019 bei Heyne)ist eine grandiose Mischung aus beidem. Auch dieses Mal entführt der preisgekrönte Autor seine Leser in eine Welt des Paranormalen, in der es mehr Schatten als Licht gibt und in der das Böse dieses Mal nicht von einer übernatürlichen Macht ausgeht, sondern vom Menschen selbst. Denn niemand vermag uns so sehr zu quälen wie ein Anhänger der eigenen Spezies…
„Sie bringen uns hierher. Sie machen Tests an uns. Sie spritzen uns weiß der Teufel was und machen dann weitere Tests. Manche Kids kommen in den Wassertank, alle müssen durch diesen gruseligen Augentest, bei dem man dauernd meint, jeden Moment umzukippen.“
Wie es in Kings Romanen häufig der Fall ist, werden auch in diesem Buch gekonnt verschiedene Erzählstränge miteinander verwoben. Schlüsselfigur ist der hochbegabte Luke Ellis, der sich mit seinen grade einmal 12 Jahren bereits an einigen renommierten Colleges bewirbt. Damit ist es allerdings vorbei, als Unbekannte in sein Haus eindringen, seine Eltern ermorden und ihn kidnappen. Als Luke aus der Betäubung erwacht, findet er sich in einem Zimmer wieder, das genauso aussieht, wie sein Zimmer zu Hause. Doch dort ist er natürlich nicht. Er befindet sich in einem streng geheimen Institut, das Kinder mit paranormalen Fähigkeiten beherbergt, mysteriöse Tests mit ihnen durchführt und ihre Kräfte so nutzen will. Schnell freundet Luke sich mit seinen Leidensgenossen Kalisha, Nick, George, Iris und Avery an. Doch nach und nach verschwinden seine Freunde in den ‚Hinterbau‘ des Gebäudes, in dem die Experimente, die man mit ihnen durchführt, noch qualvoller werden und aus dem noch nie jemand zurückgekehrt ist. Lukes Wunsch zu fliehen wird immer dringlicher, doch bisher ist noch niemand aus dem hochgesicherten Institut entkommen…
„Große Ereignisse werfen manchmal kleine Schatten voraus.“
King versteht es wirklich, seine Leser im Dunkeln tappen zu lassen. Beim Leser erregt er durch die detaillierte Beschreibung der (Folter-)Instrumente einen immer größeren Ekel und jagt ihm den einen oder anderen Schauder über den Rücken („Es erinnerte an einen Zahnarztstuhl, nur dass der hier Gurte und Schnallen an den Armlehnen hatte“). Zugleich bleibt die Spannung bis zum letzten Satz aufrecht erhalten und man weiß nicht, was es nun wirklich mit dem Institut auf sich hat. King erweist sich hier wieder einmal als ein Meister der Andeutungen. Gekonnt spielt er mit den Erwartungen seiner Leser, mit ihren Ängsten und Hoffnungen und ruft so neben Ekel und Abscheu noch eine ganze Reihe anderer Emotionen hervor. Man empfindet zunächst ein tiefes Mitleid mit den armen Kindern, die im Institut eingesperrt sind. Der Zusammenhalt unter ihnen ist in all der Grausamkeit, die sie umgibt, wirklich herzerwärmend und die Selbstaufgabe der Haushälterin zeigt, dass man selbst an den schlimmsten Orten der Erde noch hoffen darf. Nicht viele Autoren schaffen es, in einem Roman, der eindeutig in die Kategorie ‚Horror‘ einzuordnen ist, eine so klare wie wunderbare Botschaft über Freundschaft, Mut, Freiheit und Hoffnung zu vermitteln.
„Ich weiß zwar nicht, was für eine fabelhafte Apparatur da in seinem Kopf vor sich hin werkelt […], aber wenn ich versuche, mir das bildlich vorzustellen, kommt mir eine riesige, glänzende Maschine in den Sinn, die mit lediglich zwei Prozent ihrer Kapazität läuft. Und weil es sich um eine menschliche Maschine handelt, fühlt Luke sich eben … hungrig.“
Auch in diesem Roman glänzt King wieder durch authentische, vielschichtige und komplexe Charaktere. Jede Person von Bedeutung ist mit einer umfassenden Vergangenheit ausgestattet, die das Handeln nicht bloß effekthaft, sondern auf einer psychologischen Ebene verständlich erscheinen lässt. Die verschiedenen Soziolekte der Figuren bringen den Leser mehr als einmal zum Schmunzeln.
Das Institut – ein Roman, der weit über das Genre ‚Horror‘ oder ‚Krimi‘ hinausgeht und der jede seiner 800 Seiten wert ist.
Lest weiter unter:
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Lorenz Stassen: Blutacker
Blutiger Adel
„Heute Morgen beim Frühstück hatte ich mich noch wie ein erfolgreicher Anwalt gefühlt, der auf der Karriereleiter auf dem Weg nach oben war. Jetzt wurde mir klar, dass nur eine einzige Sprosse brechen musste und ich abstürzen würde.“
Die Ermordung eines Paketboten, die Zwangsversteigerung eines Ackers, ein bisexueller Videokünstler der durch Bestechung nur knapp dem russischen Gefängnis entgeht, alter deutscher Adel und ein erfolgreicher Anwalt.
Schwer vorstellbar, dass das alles zusammenhängen soll. Doch in seinem neuen Thriller Blutacker beweist Lorenz Stassen, dass es so ist. Auf 350 Seiten gelingt es ihm, ein unentwirrbares Netz aus Lügen, Luxus, Mord und Korruption zu spinnen, aus dem es scheinbar kein Entkommen mehr gibt.
Dabei fing alles so perfekt und friedlich an: Für den Anwalt Nicholas Meller, den wir bereits aus Angstmörder kennen, geht es nämlich endlich bergauf. Sein beruflicher Erfolg ermöglicht ihm privaten Luxus und bringt ihn in Kontakt mit neuen zahlungskräftigen Mandanten. Gerade als er mit seiner Freundin Nina zusammengezogen ist, erreichen ihn jedoch beunruhigende Neuigkeiten: Ein Paketbote wurde ermordet aufgefunden und das einzige Paket, das fehlt, war an Meller adressiert. Doch viel Zeit sich Gedanken zu machen bleibt Meller nicht, denn er erhält einen ungewöhnlichen Auftrag von Georg Freiherr von Westendorff, einem Baron des alten deutschen Adels. Damit gerät Meller in ganz neue gesellschaftliche Kreise. Doch schon bald muss er jedoch feststellen, dass die Manieren hier alles andere als vornehm sind und jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Doch zum Auszusteigen ist es zu spät und Meller ist gefangen in einem gefährlichen Spiel um Macht, Geld und Prestige, wobei der Einsatz nicht weniger ist als sein Leben und das seiner Freundin…
Gekonnt lässt Stassen auch in diesem Thriller in ein scheinbar sorgloses Leben den Horror eindringen. Die besondere Stärke liegt hier in der Verborgenheit, mit der sich das Böse überall einschleicht. Während der erfolgreiche Anwalt noch Feste feiert und mit seinen Mandanten reichlich Champagner fließen lässt, zieht sich die Schlinge um seinen Hals bereits erbarmungslos zu. Leser und Protagonisten wissen bis zum Schluss nicht, wer eigentlich gut und wer böse ist, was ein maximales Maß an Spannung erzeugt. Die kurzen Kapitel, die selten länger als zehn Seiten sind, erzeugen Tempo, ohne dabei jedoch die Gestaltung der Protagonisten zu vernachlässigen.
Mit Meller hat Stassen einen durch und durch sympathischen und authentischen Hauptprotagonisten geschafften. Trotz beruflichen Erfolgs ist der Anwalt bodenständig geblieben und bemüht sich, stets richtig zu handeln. Er überzeugt auch als liebender und besorgter Freund, der immer ein offenes Ohr hat. Man wünscht sich, ihm noch in vielen weiteren Romanen zu begegnen.
Blutacker - ein temporeicher Thriller, der beweist, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.
BookOla.de - Rezensionen, Rezension, Bücher, Hobbyautoren, Schriftsteller, kurzgeschichten, Geschichten, Abenteuer, Spiele, Familienspiele,
Joe Hill zeigt uns auf jeden Fall, dass er sich nicht auf seines Vaters Lorbeeren ausruht und auch keinen Vertrauensvorschuß braucht. Mit King Sorrow hat er eine Fantasy-Horror-Geschichte geschaffen, auf die man sich durchaus einlassen kann und auch sollte. Alles fängt für die 6 Collegefreunde noch recht typisch an: Partys, Alkohol, Drogen und viel Spaß. Aber auch der Ärger mit diversen nicht so netten Altersgenossen wird am Anfang dem geneigten Leser nähergebracht. Und die Schilderungen der Unbillen des gar nicht so einfachen Collegelebens werden von Joe Hill sehr eindringlich geschildert. Manchmal kommt es einem etwas ausschweifend vor, macht aber im Nachhinein durchaus Sinn, um das Leben bis zur Beschwörung, den Pakt mit King Sorrow, zu verstehen.
Vergeltung – Robert Harris
Klappentext: November 1944. Das Deutsche Reich steht vor der Niederlage. In einer Großoffensive setzt es seine modernste Waffe ein – die V2. Tausende dieser ballistischen Raketen mit schwerem Sprengkopf werden auf England abgeschossen. Radar und Aufklärer können sie nicht orten – wie aus dem Nichts stürzen sie mit Überschallgeschwindigkeit auf London herab. Der Ingenieur Rudi Graf hat mit seinem Freund Wernher von Braun einst davon geträumt, einmal eine Rakete zum Mond zu schicken. Jetzt findet er sich im besetzten Holland wieder, wo er die technische Aufsicht über die Abschüsse hat. Vom Krieg ist er längst desillusioniert. Inzwischen ermittelt gar ein NS-Führungsoffizier wegen Sabotageverdacht gegen ihn. Kay Caton-Walsh, Offizierin im Frauenhilfsdienst der britischen Luftwaffe, entkommt einem V2-Einschlag nur knapp. Als kurz darauf 160 Menschen von einer der Raketen getötet werden, vor allem Frauen und Kinder, meldet sie sich freiwillig zu einer lebensgefährlichen Mission. Zusammen mit Kameradinnen wird sie im befreiten Belgien abgesetzt. Dort sollen sie die mobilen Startplätze ausfindig machen und zerstören. Das Schicksal wird Kay und Rudi schließlich aufeinandertreffen lassen. Rezension: Robert Harris und ich, ist ja erst seit einem Buch eine Liebe. Anfangs habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch zu lesen, und dann hatte ich doch kalte Füße bekommen. Ich hatte vor diesem Thema Angst. Also die V2 und mal wieder Hitler-Deutschland. Auf der einen Seite ein faszinierendes Thema, auf der anderen Seite ein „Hach, schon wieder?“. Aber irgendwie lugte das Buch immer wieder hervor und schließlich fing ich es an. Und ja, Robert Harris schafft es, mich zu begeistern. Dies liegt an diesen zwei Seiten des Krieges und der Kriegsgegner. Da ist auf der deutschen Seite der Raketen Wissenschaftler Rudi Graf, ein Freund von Wernher von Braun. Man bekommt so das Gefühl, er war ein Idealist. Er wollte einfach nur Raketen erforschen und irgendwie glaube ich, war dies, auch der Grund weswegen sich Wernher von Braun verbogen und mit den Wölfen geheult hat. Durch die plastische Erzählweise fühlt man sich nach Pennemünde oder Scheveningen versetzt, von wo aus die V2 nach London abgeschossen wurde. Ich hatte den Eindruck, dass es sich genau so im November 1944 angefühlt haben muss. Ich meine auch angefühlt! Es ist teilweise extrem dicht erzählt, also mit der SS, den Offizieren, die Einsamkeit, wie auf einmal eine Rakete nicht richtig hochgeht und die ganze Mannschaft dabei ums Leben kam. Ich habe mich auf der deutschen Seite so gefühlt, wie damals als ich das erste Mal das Boot gesehen habe. Die ganze Stimmung war einfach zum einen Düster, aber auch voller Spannung. Auf der anderen Seite ist da Kay Caton-Walsh, eine Offizierin, die bei der WAAF ist. Die WAAF ist eine Abteilung für Frauen in der Royal Air Force. Ich meine dies nun nicht böse oder herablassend, also ganz ehrlich, diese Kay hätte ich gerne mal kennengelernt. Klar, sie ist fiktiv, aber ich glaube, als Offizierin bei der WAAF musste man schon tough sein. Sie ist ein sehr interessanter Charakter. Eine V2 schlägt in das Haus nebenan ein, während sie mit ihrer Affäre ein Wochenende verbringen wollte. Sie hat durch viel Glück das ganze fast unverletzt überstanden, während er direkt ins Krankenhaus muss. Sie macht sich wieder auf nach Medmenham, wo ihr Stützpunkt ist. Dort ist sie für die Luftbildauswertung zuständig. Einen Tag später begegnet sie im Verteidigungsministerium in London wieder ihrer Affäre und auch deren Frau. Sie will daraufhin nach Belgien, und zwar soll dort eine Einheit Frauen die Startplätze der V2 ausrechnen. Da ihre Affäre sie wohl auch loswerden will, wird sie da auch hinversetzt, und zwar nach Mechelen. Und auch dort ist immer wieder für Spannung gesorgt. Man hat immer wieder das Gefühl es, passiert noch etwas. Es ist so, dass ich immer wieder den Eindruck hatte, es könnte sich genau so zugetragen haben. Klar ist es fiktiv, aber Fiktion kann sich ja genau so anfühlen und intensiv sein, als würde man über die Straßen von Mechelen huschen, oder Raketen abschießen, wie man es Scheveningen gemacht hat. Man leidet mit den Zwangsarbeitern, aber auch mit der Bevölkerung in Belgien und so einen gewissen Mangel spürt man auch immer wieder bei den Deutschen wie auch bei den Engländern. Es fühlt es sich wie Krieg an, auch wenn es keine Gefechte sind, aber es hat verdammt viele Facetten und man fiebert mit beiden Seiten mit. Mit beiden Seiten meine ich den deutschen Wissenschaftler Graf sowie die Offizierin Kay Caton-Walsh. Für mich ein Roman, der unter die Haut geht, ohne brutal zu werden, mit Figuren, die einem Nahe gehen. Es sind immer wieder so Andeutungen, die in meinem Kopf einen besonderen Film haben stattfinden lassen. Ich kannte die WAAF vorher nicht und je mehr ich über sie gelesen habe, desto interessanter wurden sie. Ich glaube, da gibt es noch viel in der Geschichte der Kriege, dass man merkt, Frauen sind genauso intelligent wie Männer und manche viel besser als Männer. Auch ist es klasse, dass beide Seiten zu Wort kommen und es nicht so geht: die bösen Deutschen und die tollen Engländer. Es ist wie überall, es gibt solche und solche. Für mich waren es tolle Stunden mit einem wirklich guten Roman. Titel: VergeltungAutor/In: Harris, RobertISBN: 978-3-453-44144-6Verlag: Heyne VerlagPreis: 11,00 €Erscheinungsdatum: 02. November 2020 Bei einem unserer Partner bestellen: Bei Osiander.de bestellen. Bei Genialokal.de bestellen. Bei Buch24.de bestellen. Bei Thalia.de bestellen. Die Buchhandlung Freiheitsplatz.de unterstützen! Die Büchergilde FFM unterstützen! Read the full article