Meine Mama schreibt, manchmal entscheiden wir uns schon morgens, welchen Namen wir dem Tag geben, scheiß Tag zum Beispiel. Und dass es sowas wie einen Tagesgarten gibt, den wir pflegen können oder zerstören und wir manchmal auch in dem Tagesgarten von anderen rumwuseln und Gift säen oder aber Sonne schenken. Zu diesem Text habe ich letztes Jahr Socken bestickt, denn Socken anziehen ist eine Sache, die man zu Beginn des Tages mit als erstes macht. Wie Unterhosen. So muss man sich schon morgens bewusst werden wie man den Tag angeht und das heute zu schätzen. Jetzt habe ich zum ersten Mal die Socken aus der Bachelorkiste geholt, in meinen Schrank gepackt, bin morgens aufgestanden, habe die Sockenschublade aufgemacht und da war es – genau das, was ich bezwecken wollte, ich musste mich entscheiden, musste mich für etwas und gegen etwas entscheiden. Es war ein ganz bewusster Moment und ich habe etwas gefühlt. Das hat mich sehr froh gemacht, es hat genauso funktioniert wie ich mir das gewünscht habe. Dann habe ich mich für Wind und Goldregen entschieden, obwohl ich mich gar nicht danach gefühlt habe. Ich wollte irgendwie den Samen für was Gutes legen. Mindestens die Axt wäre aber ehrlicher gewesen.
Heute will ich mal mit euch über den Tag sprechen. Es hängt viel von eurer eigenen Einstellung ab, wie sich ein Tag entfalten darf. Ob er erblühen darf, also immerhin die Möglichkeit hat, oder ob er verkümmert und verfriert, knickt oder erstickt. Das erste Gefühl am Morgen kann ja schon sein: Scheiss Tag. Damit habt ihr dem Tag schon einen Namen gegeben. Der Same ist gelegt. Der Same vielleicht für eine Brennessel, oder eine No-Name-Pflanze. Wenn ihr den Samen für einen Giersch gelegt habt, da könnt ihr noch sehr lange was von haben, denn dessen Wurzeln lassen sich fast nicht wegkriegen. Ja klar, selbst wenn ihr den Tag wie eine wunderbare Pflanze, z.B. eine blaue Iris seht und sie zum Erblühen bringen wollt, kann auch an diesem Tag noch was passieren, dass diese Pflanze knickt, ihr die Blüte ausreisst oder sie verfriert. Es gibt warme Tage, die kalt enden, und es gibt kalte Tage, die warm enden. Da kann sich aus einem Disteltag eine wunderschöne Blüte entwickeln und auf einem Brennesseltag können Raupen sich entwickeln, die zu grandiosen Schmetterlingen werden. Es gab mal in den 70-ern einen Schlager, der euch mit Sicherheit nicht gefallen würde, aber der Text war so, oder so ähnlich: Junger Tag, ich frage dich, was ist dein Geschenk an mich. Das steht zwar so nicht in der Bibel, aber da steht: Heute ist der angenehme Tag, heute ist der Tag des Heils. Ihr seht und ich lerne auch immer noch daran, es ist nicht gut, einem Tag einen schlechten Namen zu geben. Besser ist es, ihm die Chance zum Erblühen zu geben. Kleinere Eisigkeiten kann er normalerweise vertragen, da verfriert nicht alles. Man kann die Pflanze auch schützen. Aber gut ist es auch, dass man den Tag des anderen schützt, mit warmem Wind beglückt und die Pflanzen des anderen stützt und nährt. Normalerweise ist das ein Geben und Nehmen. Und denkt auch daran: Ein anderer trägt nicht die Verantwortung für die Pflanzen, die in eurem Tages-Garten wachsen. Manche mögen den Samen für Giftpflanzen legen, aber ob der Same keimt, das liegt an euch, oder andere legen den Samen für bodendeckende Pflanzen, die euch ersticken, aber ob diese wachsen dürfen, das liegt an euch. Ihr seid selbst für euren Tagesgarten verantwortlich. Und wenn man lästige Pflanzen direkt ausreißt, dann können sie sich nicht verbreiten und so viel Raum einnehmen.