Lehrstücke | Woche 5 | HS 13
Martin Parr: Mehr Sammler als Jäger
Man nennt ihn Allroundenthusiast und Alltagschronist, man schimpft ihn zynisch und attestiert ihm dennoch einen bügelfaltenscharfen Blick und bissigen Humor: Gestatten, Martin Parr, Universitätsprofessor, Magnum-Fotograf und aufmerksam-kritischer Sammler.
Martin Parr sammelt. Er sammelt Klischees und «Schatten menschlicher Eigenarten». Schatten menschlicher Eigenarten, das sind bizarre Objekte, etwa Streichholzbriefe mit dem Foto gesuchter Terroristen, auf denen in grossen Lettern in Englisch und Arabisch geschrieben steht: «Du lieferst – Wir zahlen». Schatten sind aber auch Wecker, Aschenbecher, Zielscheiben, Skateboards und Toilettenpapier mit dem Gesicht von Margaret Thatcher, Usama Ibn Ladin oder Saddam Hussein.
Parrs Sammlung umfasst aber nicht nur Bizarres, Skurriles und manchmal Furchteinflössendes, sondern auch Liebenswürdiges, Fröhliches und Alltägliches, Teekannen oder Fingerhüte zum Beispiel. Er sammelt aber auch Eindrücke und lässt sie in grossformatigen Fotografien und bunten Ausstellungen zu Ausdrücken werden. Seine farbenprächtigen Aufnahmen sind Momentaufnahmen des Alltäglichen und zeigen, wie ungewöhnlich und einzigartig dieser Alltag sein kann.
Stehenbleiben, wo andere weitergehen
Manchmal kitschig, manchmal witzig: Die Ausstellung «Martin Parr – Souvenir» im Zürcher Museum für Gestaltung zeigt ein buntes Spektrum seines Schaffens, vom Erstlings-Farbwerk «Last Resort» aus den 1980er Jahren bis hin zu seiner neusten Serie «Think of Switzerland». Parr bereist die Welt und bleibt stehen, wo andere weiter gehen. Vor grellen Heiligenfiguren etwa in «Mexico» oder vor einem Schwimmbecken im schottischen Gourock, im Hintergrund bleischwer die See, die nicht nur das Becken sondern auch den Betrachter zu verschlingen versucht.
Auch an der Akropolis bleibt der Fotograf stehen, beobachtet in «Small World» aber nicht die alten Gemäuer, sondern das Phänomen Massentourismus. Martin Parr hält uns immer wieder Spiegel vor und zeigt, dass wir nicht perfekt sind. Ganz egal, wo wir uns bewegen. So nimmt er uns in «Luxury» mit auf die Reise durch die glitzernde Welt der Schönen und Reichen, wo wir schnell erkennen, dass auch sie nicht ohne Fehl ist. Tatsächlich lassen sich auch hier ganz gewöhnliche Fliegen auf noblen Hutkrempen nieder und sonnen sich ungeniert im Blitzlichtgewitter.
Zwischen Wahrheit, Klischee und Persiflage
Mit «Common Sense» persifliert er Kapitalismus und Konsum, reiht schrumpelige Hotdogwürstchen an eine tätowierte Männerbrust, an zarte Teetassen, an Spielkonsolen und konfrontiert uns mit uns selbst. «Think of Switzerland» schliesslich ist ein humorvolles Portrait der Schweiz, der Schweiz von Martin Parr allerdings. Und so finden wir hier eine Sammlung charmant aneinander gereihter Klischees, Vorurteile und Geschichten über die und aus der Schweiz, die so treffend und so überzeugend inszeniert sind, dass wir nicht mehr sicher sein können, was denn nun Wahrheit ist.
Martin Parr beweist mit «Souvenir» einen scharfen Blick auf die Welt, ganz besonders durch den Sucher seiner Kamera. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, kritischer Zeitzeuge und prägt mit seinem bissigen Humor nicht nur sein Werk, sondern auch die Interpretation der Welt.
Die Ausstellung «Martin Parr – Souvenir» ist bis zum 5. Januar 2014 im Museum für Gestaltung, Zürich, zu sehen.
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Richtmedium: NZZ am Sonntag
Rahmen: Semesterkurs an der Z.: «TA / TP»
Mentor: M.P.
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Kritische Beurteilung*
«Ausstellung kommt zu spät»: Das ist zwar nicht schulmeisterlich, funktioniert aber in diesem Fall, weil der Leser mit konkreten Beispielen und passenden Wort(schöpfung)en an Parr herangeführt wird.
«Ausstellung als Ausstellung sowie die Kuratorin werden nicht thematisiert»: Das ist richtig; gerade für ein Medium wie die NZZ am Sonntag hätten einige Zeilen auf die Ausstellung verwendet werden dürfen. Etwa die Reihenfolge der einzelnen Themen oder auch die Wandgestaltung etc. Ebenso wären einige Worte zu der Kuratorin interessant gewesen.
«Biografische Daten zu Martin Parr fehlen»: Auch das ist richtig, allerdings reicht ein Abschnitt im Sinne eines «about» für diese Rezension nicht aus. Der Fluss und die Tonalität würden gebrochen, was wiederum den Lesefluss erschwert. Wenn, dann müssten die biografischen Daten Parrs also mit den einzelnen Textstellen verwoben werden, etwa mit den Stationen seines Lebens und jenen, die in der Ausstellung gezeigt werden.
«Parataktisches Schreiben»: Eher ungewöhnlich für diese Textform, hier aber passend. Nicht zuletzt weil Parr selbst in Abschnitten und Takten dokumentiert.
«Sprachbilder»: Sprachbilder sind passend eingesetzt.
«Titel»: Ganz passabel, feuilletonistisch, könnte funktionieren. Allerdings ist es immer schwierig, Titel zu platzieren.
*Anmerkungen aus dem Unterricht und auch ein bisschen Selbstreflexion
















