Die Seele kalt, die Schmerzen alt...

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Die Seele kalt, die Schmerzen alt...
quarantine
pencils on paper, sketchbook page, 2020
Was da zum Vorschein kam, war ich selbst, das war es, was ich war. Also das in mir, was etwas wusste, was die anderen nicht wussten, das in mir, was ich niemals mit einem anderen Menschen teilen konnte. Und die Einsamkeit, die mir eigen war, erschien mir als etwas, woran ich mich seither geklammert hatte, da sie das einzige war, was ich hatte. Solange ich sie hatte, konnte mir keiner schaden, denn was sie eventuell beschädigten, war etwas anderes. Die Einsamkeit konnte mir keiner nehmen. Die Welt war ein Raum, in dem ich mich bewegte und in dem alles Mögliche passieren konnte, aber in dem Raum, den ich in meinem Inneren besaß, in dem, was ich wirklich war, blieb alles immer gleich. Darin lag meine ganze Stärke.
Karl Ove Knausgard: “Träumen”, S. 403
Warum fällt es dir so leicht? Du lächelst mir ins Gesicht, lachst, machst Scherze... Als wäre alles wie früher zwischen uns. Bevor wir uns so nahe gewesen sind. Als mache es dir überhaupt nichts aus den Grad der Intimität den wir teilen zu wechseln. Heute Morgen dachte ich erst du wolltest mich umarmen oder mir den Kopf tätscheln als ich mich wegen der hohen Regalwände aufgeregt habe. Du hast es dann doch nicht getan. Ich weiß auch nicht wie ich reagiert hätte. Hätte ich es zugelassen? Hätte ich mich abgewandt weil ich keine Zwischenlösung will? Entweder du übernimmst Verantwortung oder du übernimmst sie nicht. Und du kannst nicht mein volles Vertrauen genießen, wenn du nicht auch bereit bist die Verantwortung dafür zu tragen. Vielleicht möchte ich einfach sehen, dass es dir auch schwer fällt. Dass es dir etwas ausmacht. Dass du mich ein wenig vermisst. Uns vermisst. Dann hätte ich zumindest nicht das Gefühl so ersetzbar zu sein. So irrelevant.
State of mind
Irgendetwas ist verloren gegangen in mir drinnen. Und ich möchte nur mehr in mich hinein kriechen. In jedem Eck nachsehen. An allen möglichen und unmöglichen Stellen danach suchen. Die Welt ausblenden. Abstellen. Wegschieben. Nur einmal ganz allein für mich da sein. Für mich sein. Die Welt sein. Nicht auf ihr leben. In mir ist etwas verloren gegangen. Ich hoffe, es ist nirgendwo rausgefallen. Ich wüsste nicht, wo anfangen zu suchen.
Ich war blass als du mich fandest. Emotional ausgemergelt, verhungert.
Worte und Taten haben wie eisige Rasierklingen Spuren auf meiner Seele hinterlassen. Du hast mir gezeigt wie ich mich trotz Narben wohl fühlen kann. Mich schön finden kann. Aber fandest du mich trotz der Narben schön, oder hast du sie aus Bequemlichkeit übersehen? Dachtest sie verblassen mit der Zeit? Für mich verblassten sie, während sie für dich anscheinend in den Vordergrund traten. Wann haben unsere Sichtweisen gewechselt?
Dezemberabend
Kalter Dezemberregen der gegen die Scheibe schlägt.
Draußen ist es schon dunkel und der Himmel hat diesen Blauton, den du normalerweise nur in Gemälden findest. Eigentlich viel zu gesättigt für die Realität, viel zu intensiv, viel zu blau.
Deine Gedanken schweifen ab. Du erinnerst dich an einen früheren Dezemberabend. Einen Abend an dem dasselbe Blau im Himmel zu finden war. Und an dem es genauso kalt war wie jetzt. Und dennoch war dir damals warm.
Du erinnerst dich daran wie du spazieren gegangen bist und den Abend genossen hast. Aber es lag nicht am Abend. Oder am Blau des Abendhimmels. Es lag an deiner Begleitung.
Ihr habt viel zu lange gelacht und wart viel zu lange aus. Es war lange her dass du so gelacht hast wie an diesem Abend.
Du schmeckst noch den Kaffee und fühlst noch die Vorfreude die du damals spürtest. Du hast gedacht so könnte es ewig weitergehen.
Kalte Dezemberabende, gespickt mit Lachen und Kaffee und interessanten Gesprächen die dich warm hielten, trotz der Minustemperaturen.
Ist es nicht gegen die Natur, dass etwas im Winter aufblüht? Doch etwas blühte an diesem Abend auf. Keine Pflanze, sondern ein Gefühl was schon lange nicht mehr vorhanden war in dir. Hoffnung und Freude und Vertrauen in einen anderen Menschen. Urvertrauen. Und das an einem kaltem Dezemberabend.
Dann kam der Frühling, dann der Sommer, dann der Herbst und schließlich… ein weiterer Winter. Und dieses Gefühl, im Winter geboren und über das Jahr kultiviert und gepflegt, begann sich festzusetzen. Es war da, als wäre es schon ewig dagewesen, als wäre es nicht erst an diesem kalten Dezemberabend entstanden, als gehörte es in euer Leben. Als gehörte er in dein Leben.
Nun ist wieder Winter, zwei Jahre später. Und er und du sehen das Blau des Abendhimmels, dieses viel zu satte Blau, und könntet euch gemeinsam daran erinnern. Er bei ihm. Und du bei dir. An diesem kalten Dezemberabend.
Um dir zu sagen,
Ist es nicht verwirrend, dass ich dir dann stattdessen über meinen Tumblr schreibe? Um all das zu sagen, was ich nicht sagen kann? Obwohl ich weiß, dass du ihn nicht liest.
Um dir zu sagen, dass du ein verdammter, bockiger Sturkopf bist und du mir trotzdem fehlst? Um dir zu sagen, dass es mich nicht kümmern sollte ob es dir gut geht, es mich aber dennoch kümmert? Um dir zu sagen, dass ich es hasse wenn du mich so liebevoll wie früher anlächelst, ich es aber dennoch vermisse? Um dir zu sagen, dass ich dir nicht wie ein kleines Mädchen hinterherlaufe, ich es gedanklich aber tue?
Um dir zu sagen, dass du mir egal geworden bist und um dir zu sagen, dass das eben eine Lüge war?