Rezension: „Ehre“ von Elif Shafak
Ein Sohn bringt seine Mutter um. Um diese erschütternde Tat drehen sich die Geschichten und die Figuren in Elif Shafaks fesselndem Roman „Ehre“. Von Anfang an weiß der Leser, was geschehen ist - oder geschehen wird, denn der Text mäandert zwischen unterschiedlichen zeitlichen Ebenen und Perspektiven, die alle mit der Familie Toprak zusammenhängen. Da sind die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila, die in einem kleinen kurdischen Dorf aufwachsen und innig miteinander verbunden bleiben, auch nachdem Pembe mit ihrem Ehemann und ihren Kindern nach London auswandert. Da ist Esma, Pembes einzige Tochter, die in einem kulturellen Zwiespalt aufwächst und fest daran glaubt, zu etwas Großem bestimmt zu sein. Da ist Elias, der Mann ohne Wurzeln, für den Pembe so empfindet wie für niemanden zuvor. Und da ist Iskender, der älteste Sohn, der Augapfel seiner Mutter. Der Mörder.
Gerade die Unausweichlichkeit des Geschehens macht „Ehre“ so dramatisch und so packend. Der Leser lernt die unterschiedlichen Figuren intim kennen, ihre Ängste und Sehnsüchte, ihre Geheimnisse und Werte - und hat dabei stets die Tragödie vor Augen, die sie ereilen wird. Elif Shafak schildert dabei alle Blickwinkel mit der gleichen Sensibilität und Überzeugungskraft. Selbst Iskender, dem nicht einmal seine Geschwister vergeben können, rückt beim Lesen unbehaglich nahe. Seine Kapitel sind mit die eindringlichsten des Romans, denn ihn zu verstehen ist ein schwieriges, fast unmögliches Unterfangen - und doch schreckt die Autorin auch davor nicht zurück.
Die Geschichte ist clever erzählt - die einzelnen Kapitel sind so aufeinander abgestimmt, dass immer wieder neue Bruchstücke von Informationen offenbart werden, die das Gesamtbild verändern und etablierte Figuren in einem neuen Licht dastehen lassen. Und obwohl der Leser meint, den Ausgang von Anfang an zu kennen, wartet am Ende noch eine überraschende Wendung, die vielleicht nicht allen zusagen wird, aber die Geschichte geschickt in eine neue Richtung lenkt. „Ehre“ ist ein Roman über kulturelle Differenzen, Generationenwandel, das Erwachsenwerden, die Liebe und die Suche nach sich selbst - aber vor allem über eine Familie, deren Schicksal einem unerwartet nahe geht.