Alles, was am Recht interessant ist, das sind Tische/Tafeln, Stühle und Kippsale. Alles was an der Kunst interessant ist, das sind Tische/ Tafeln, Stühle und Kippsale.
Im Max-Planck-Institut für Rechtstgeschichte und Rechtstheorie arbeite ich zu dem, was in römischen Institutionen ius und ars genannt wird. Ius hat etwas mit kosmos zu tun, man übersetzt das oft mit Ordnung oder gleich mit Recht, das ist (trivial gesagt) kompliziert. Ars übersetzt man oft mit Technik oder Verfahren (manche klammern dann gleich auch die Dynamik aus), auch das ist kompliziert. Wenn ius nicht ohnehin schon (wegen der Bezüge zu kosmos) mit Sortierung und Musterung übersetzt werden kann, dann kann spätestens Recht, das Technik oder Kunst als Verfahren ist, mit Sortierung und Musterung übersetzt werden.
Es sind dabei insbesondere die Verfahren und die Objekte, die etwas von ius und ars wissen lassen, die mich interessieren. Ich betreibe vielleicht auch (wer weiß?) Ideengeschichte, Begriffsgeschichte, Metapherngeschichte oder aber Geschichte des Wissens, alles das aber über Objekte und Verfahren, an und in denen es vorkommt, also eventuell als Nebenwirkung. Eine Anregung dafür kommt unter anderem von Edgar Wind, genauer gesagt von seiner Habilitation aus dem Jahr 1929 (Das Experiment und die Metaphysik. Die Auflösung der kosmologischen Antinomien), sie kommt von allen (also heute etwa Latour oder am MPI zuvor Cornelia Vismann), die über Objekte und Verfahren arbeiten.
Die Tische und Tafeln, von denen eben die Rede war, können Gesetzestafeln sei, Moses' Gesetzestafeln oder die Zwölf Tafeln zum Beispiel. Es können Tische ("Bars") bei Gericht, bei Vertragsschlüssen oder im Keller eines Institutes für forensische Medizin sein, also Tische, auf denen Leichen liegen und auf denen eine 'Gedärmeschau' stattfindet (wenn es der Wahrheitsfindung dient, warum nicht?).
Insbesondere interessieren mich beschichtete Tafeln, natürlich die römisch-rechtliche tabula picta, das, was man ein Tafelbild oder auch sparsam ein Bild nennt. Das Tafelbild ist im strengen Sinne ein mobiles Bild, man grenzt es vom Wandbild ab, das zu den Immobilien gehören soll. Aber insoweit interessieren mich beschichtetet Tafeln im Sinne von Operationsfeldern, auf denen etwas erscheint um wissbar zu sein, um übertragen um geteilt zu werden. Das können gleichzeitig Wände oder Regale, feste Schultafeln sein. Tische interessieren mich als Objekte, an denen Wissen geteilt und übertragen wird oder an denen etwas bereitet und 'wissbar' wird.
Tabellen, Schirme, Zettel, 'Operationsfelder': Auch das wären in dem Sinne Tische und Tafeln. Mehr noch: Mich interessiert ein Wissen, das aufgetischt wird und ein Wissen, das 'tafelt', also etwas verzehren oder verschlingen kann. Wissen interessiert mich nicht als Bestand, sondern als Vorgang und Verfahren. Nicht was man weiß, wie man etwas weiß, das ist meine erste Frage, danach kann man immer noch nach Inhalt und Bestand fragen. Im Forschungsschwerpunkt Bild- und Rechtswissenschaft oder Law and Imaging arbeite ich insofern gerade zu Geschichte und Theorie der Staatstafeln (deren Begriff bei Leibniz auftaucht) und zu einem konkreten Beispiel aus der Moderne, zu Aby Warburgs 'Staatstafeln' von 1929 (auf denen er sich mit Patti Lateranensi und er Gründung eines neuen römischen Staates beschäftigt).
Stühle: Vom kurulischen Stuhl über den Thron bis zur Regierungsbank, vom Sitz eines Unternehmens bis zu sitzenden Deliquenten, vom Satz des Prätors bis zum Gesetz interessiert mich an Stühlen, was für Objekte das sind, welche Verfahren durch sie und dank ihrer laufen, um etwas vom Recht zu wissen, dieses Wissen zu übertragen und zu teilen. Wie man viellicht schon sieht: Wenn mich Gründe interssieren, dann auch, weil die Untergründe mitführen. Mich interssiert ein Wissen, das knietief imBodensatz der Gründe steht und schon darum Tafeln und Stühle braucht, um sein Wissen zu sortieren und zu mustern.
Kippsale, auch die kommen als Objekt vor, nicht unbedingt schick, nicht gradlinig, aber kippbar, klappbar, drehbar, wendig. Ein Globus oder eine Waage sind Objekte für Kippsale. Edgar Wind, oben auf einer Tafel (also in einem Bild), vor einem Klappstuhl, das ist eine wichtige Figur in meiner Forschung. der hatte auch eher Kippsale als ein Schicksal. Wind ist nicht nur wegen seiner Arbeiten zur Rechtsikonographie wichtig. Rechtstheorie ist nicht nur Theorie, die juristisch qualifiziert ist und darüber ein Wissen vom Recht produziert. Man kommt der Wahrheit nicht näher, wenn man nur wahre Theorien der Wahrheit berücksichtigt.
Man kommt dem Recht nicht näher, wenn man nur juristische Theorien des Rechts berücksichtigt. Man muss dem Recht ja gar nicht nicht näherkommen, aber das Gesagte gilt auch für das Distanzschaffen (Warburg) oder die Reflexion. Ein juristisches Lehrbuch, in dem nur Juristen auftauchen, sollte zuerst eins: verdächtig sein. Liest man Volljuristen oder Fachidioten, Fachjuristen oder Vollidioten? Liest man etwa gerade etwas von 'Galli Mathias' , wie Oswald de Andrade im Manifesto Antropófago einen Rechtstheoretiker nennt?
Autonomie ist ein feierliches Wort, das ist gut, schön und wahr, aber trauen sollte man dem nicht, denn sie kommt mit übersetzter Heteronomie daher. Comi-O (de Andrade). Das Recht ist zu wichtig, um es allein den Juristen zu überlassen. Wind weiß was vom Recht, er will was vom Recht wissen. Der ist Cassirer-Schüler, er ist durch die Bibliothek Warburg gegangen . Nicht nur seine Arbeiten zur Rechtsikonographie, der berühmte Aufsatz zum kriminellen Gott oder die Arbeiten zu Art and Anarchy sind juridische Beiträge, auch schon seine oben erwähnte Habilitation von 1929, die einer Theorie des Experimentes gilt. Wenn ars ein Verfahren ist, dann kann ein wichtiges Mittel sein, nicht auf die Eigenkraft des Wissens, auf seine Autonomie, seine Rekursionen, Reflexionen, seine Selbstreferenzen zu setzen. Man kann auch, wie das insbesondere Viktor Shklovsky in den zwanziger Jahren vorschlägt, auf die Verfremdung, eine Verstellung setzen. Ars als Verfahren, Verfremdung und Verstellung ist dann weder reine Willkür oder das ungebundene Delirium einer Einbildungskraft, die sich souverän oder absolut glaubt. Verfahren, Verfremdung und Verstellung ist auch nicht unbedingt der Verfall einer Stelle und ihrer Entbergung, wie teilweise Heidegger in Auseinandersetzung mit weströmischen Wahrheiten andeutet. Kunst als Verfahren ist nicht Kunst im Kunstsystem. Kunst als Verfahren ist auch Freisetzung der Assoziation im Durchgang durch Anderes, in der Umwegigkeit technischer Verfahren. Man könnte das Verfahren insoweit sogar als diplomatisches Verfahren verstehen, es involviert das Wissen in seine Außenseiten, die Außenseiten ins Wissen. Das ist multiplizit. Etwas abstrakt kann es klingen. Das wäre Wissen, das klappt, wie ein Stuhl. Man kann Wind als Rechtstheorie lesen, sogar als Theorie experimentellen Rechts.
So was mache ich am MPI, Abteilung Multidisziplinäre Rechtstheorie.