Entschuldigung, darf ich mit Ihnen über den Tod sprechen? - Fragen einer Kommilitonin
Wer von euch kennt jemanden, der Krebs hatte oder hat?
Und wer von euch hätte der Person gerne geholfen?
Würdet ihr auch einer fremden Person helfen?
Als ich heute Morgen in der Vorlesung für Konzernrechnungslegung saß, dachte ich ganz bestimmt nicht an solche Fragen. Bis eine mir unbekannte Kommilitonin hereinspazierte und mir genau diese stellte.
Bei mir gingen sofort die Alarmglocken an; was sollte das? Was glaubt sie, was wir auf diese Fragen antworten würden?
Ich denke die zu erwartenden Antworten waren „Ja, ja und ja“. Weil das die ersten Antworten sind, die einem in den Kopf kommen. Ich gehe mal davon aus, dass jeder schon mal in irgendeiner Art und Weise in Kontakt mit einer erkrankten Person gekommen ist. Vielleicht war oder ist man sogar selbst betroffen. Jedoch ist es eine extrem intime und persönliche Frage, vor allem wenn gefragt wird, ob man mal jemanden KANNTE der Krebs HATTE.
Meiner Meinung nach eine nicht wirklich passende Einstiegsfrage.
Jedoch dann weiter zu fragen, ob man gern geholfen hätte und ein „JA“ als Antwort zu erwarten, übersteigt meiner Ansicht nach jegliche ethische Grenze.
Es ging um die Typisierung in der Deutschen Knochenmarkspenderdatei. Mir war schon seit der Bekanntmachung des Termins klar, dass ich hingehen werde. Bei Blutkrebs, mag es in einigen Fällen so sein, dass man durch eine Knochenmarkspende ein Leben retten kann. Bei anderen Krebsarten oder generell schweren Krankheiten ist das jedoch nicht so einfach mit dem Leben retten.
Ich denke, wäre diese Kommilitonin jemals selbst mit einer Situation konfrontiert worden, in der Sie einfach nicht helfen konnte, die sie ohnmächtig ertragen musste, hätte sie vielleicht zweimal über diese Fragen nachgedacht.
Ich würde ihr dennoch gerne ihre Fragen beantworten:
JA, ich kannte jemanden der Krebs hatte, meine Mutter. Da ich tatenlos zusehen musste, wie die Chemotherapie ihren Körper zerstörte, sie immer mehr Hilfe für die einfachsten Dinge brauchte und schlussendlich plötzlich und nach 2 Jahren Therapie starb, hätte ich ihr gerne geholfen.
JA, wäre es ihr dadurch besser gegangen und hätte ich ihren Tod verhindern können, hätte ich Ihr sogar meine Brüste gespendet.
Und JA, ich würde auch einer fremden Person helfen, weil ich weiß, welche physischen und psychischen Qualen ein Mensch mit dieser Krankheit durchmachen muss.
Ich wünsche niemandem, dass er solche Erfahrungen machen muss um zu verstehen, was ich meine. Krebs sollte sicherlich häufiger angesprochen und diskutiert werden. Vielen Menschen muss die Angst vor dieser Krankheit genommen, aber auch genügend Respekt und Sensibilität, vermittelt werden.
Es hat nichts mit Stärke zu tun, wenn man den Mut hat Themen anzusprechen. Stärke zu zeigen heißt auch sich mit Themen auseinanderzusetzen.
Der erste Schritt sich, in diesem Fall, mit Blutkrebs auseinander zu setzen ist jedoch definitiv sich typisieren zu lassen!