Der Ursprung von Scheiße
Es ist doch so.
Das Leben bietet viele Möglichkeiten und Situationen um Trübsal zu blasen, traurig und deprimiert zu sein. Wie viele Situationen begegnen einem im Alltag über die man sich aufregen und beschweren kann? Und das ist keine rhetorische Frage. Ich frage das ganz ernsthaft.
Ich meine ja, wir haben das Recht ab und zu in Melancholie abzutauchen. Ganz deep über unser Leben zu philosophieren. Was warum und wie falsch läuft. Welche schicksalhafte Fügung uns da hin gebracht hat, wo wir gerade sind. Manchmal brauchen wir das. Manchmal sitze ich wie heute an meinem Laptop, schreibe einen Text, mit melancholischem deep house auf den Ohren und denke. Denke viel zu viel, weil ich eine Frau bin. Oder ist das zu klischeehaft? Manchmal läßt sich das Leben und seine negativen Seiten aber auch ganz einfach zusammenfassen.
Ja, das Leben ist manchmal scheiße.
Ja, manchmal wissen wir nicht mehr wohin mit der ganzen Scheiße.
und
Ja, dann fragen wir uns, womit wir das eigentlich verdient haben und was unsere verkorkste Gesellschaft damit zu tun hat.
Ich meine, einer muss immer der Schuldige sein für die ganze Scheiße. Wenn es nicht die Gesellschaft ist, dann vielleicht die Werte unserer Generation oder einzelner Menschen oder manchmal ist auch Gott schuld. Meist dann, wenn kein anderer Verantwortlicher gefunden wurde. Für die Atheisten unter uns wird dann der Versuch die Scheiße-Quelle einzuordnen nicht Gott, Allah oder Buddah, sondern Schicksal genannt.
All das hat aber eine Gemeinsamkeit. Wir sind dem Ganzen in jedem Fall heillos ausgeliefert. WIR sind niemals der Ursprung der Scheiße. Das wäre in diesem Fall ja auch viel zu belastend. Immerhin geht’s uns ja eh schon scheiße. Es MUSS ja jemanden geben, der uns das alles wünscht, oder? Bei einer verkackten Klausur beispielsweise, spielen ja ganz viele Faktoren eine immense, nicht zu unterschätzende Rolle. Angefangen mit dem Termin der Klausur, der sowieso viel zu kurzfristig geplant ist und dann auch noch viel zu schnell heranrückt. Der Prof ist natürlich zusätzlich ein riesen Arschloch, der Studenten absichtlich durchfallen lässt, einfach weil er Spaß daran hat. Oder nein, der Prof, die Unipolitik und der Staat stecken unter einer Decke, weil ja allseits bekannt ist, dass es Gelder immer nur für Erstis gibt, egal wie lange sie durchhalten. Und ganz nebenbei, in der Abgrenzung stand auch was ganz anderes!
Man selbst hätte an der Situation nun wirklich nichts ändern können. Wir waren und sind dem einfach hilflos ausgeliefert. Wer hat denn schon eine Chance gegen die Dreifaltigkeit von Staat, Uni UND dem Prof??
Dieselbe Hilflosigkeit ergibt sich ja auch, wenn es um das äußere Erscheinungsbild geht. Es liegt auf der Hand, dass die Gesellschaft, mit ihrem dauerhaften Anspruch nach Perfektionismus und Leistung uns in diese Rolle zwängt. Wenn man nicht aussieht wie ein Model, hat man eben verkackt im Leben. Da lässt sich auch nichts dran ändern. Der Drops ist gelutscht. Klingt einfach oder? Also resignieren und rebellieren wir irgendwann und sagen uns es wäre absolut in Ordnung nicht den viel zu überzogenen Vorstellungen der Gesellschaft zu entsprechen. Wir sehen uns als eine Art Pioniere, die versuchen gegen den vermeintlichen Ursprung der Scheiße zu kämpfen. Anstatt vielleicht einfach mal in den Spiegel zu gucken und uns auf unseren Arsch zu setzen um unsere eigene Vorstellung von Perfekt gerecht zu werden. Denn im Grunde geht es doch darum mit sich selbst zufrieden zu sein, oder?! Ich denke das realistische Perfekt für jeden einzelnen von uns ist weiß Gott nicht auszusehen wie ein mit rosanem Pergament überzogenes Skelett. Wären wir also an dem Punkt, an dem wir unsere persönliche Idealvorstellung unserer äußeren Erscheinung längst erreicht hätten, würde es uns doch eigentlich gar nicht mehr interessieren, ob diese böse böse Gesellschaft uns in Formen zu pressen versucht.
Nehmen wir ein anderes, schwierigeres Beispiel. Das Maximum an Scheiße in unserem Leben ist wohl erreicht, wenn eine uns nahe stehende Person verstirbt. Trauer ist natürlich ein absoluter legitimer Prozess nach so einem Schicksalsschlag. Und in diesem Fall ist es wohl auch immer schwer, weil man einfach keinen Schuldigen für dieses Dilemma finden kann, auch wenn man auch hier wieder gerne würde, weil es vieles einfach einfacher macht. Aber auch in diesem Fall bringt die Suche nach einem Schuldigen für das ganze Leid und den Schmerz nicht mehr als nur noch mehr Schmerz und Leid. Denn fragt man nach dem „Warum?“ bekommt man einfach keine Antwort. Und so ist es ein Einfaches die Schuld für sein verkorkstes Leben Gott oder dem Schicksal in die Schuhe zu schieben. Zusätzlich hat man jetzt das Privileg in jeder Situation einen Sonderstatus zu haben, weil ja immerhin jedem bewusst ist, dass man nach so einem Schicksalsschlag nicht mehr der Selbe ist. Auch hat man quasi permanent das Recht sich als Opfer zu sehen. Man kann ja immerhin nichts dafür, dass einem so viel Scheiße passiert ist. Im Gegenteil; man kann diese Situation nun herrlich nutzen um nicht nur mitleidige Blicke, sondern auch die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen. Es wurde einem ja buchstäblich der Boden unter den Füßen weg gezogen, ganz ohne eigenen Einfluss. Und das bleibt auch so.
Ab jetzt hat man freie Bahn. Man hat das unausgesprochene Privileg deprimierende Gedichte über das Schicksal zu schreiben, sich zurück zu ziehen. Sein Leben als beendet zu erklären. Und jeder versteht das. Vielleicht wird einem in der Zeit ja auch klar, dass man bereits vorher so unglaublich falsch gelebt hat. Das man den Menschen, die man liebt, das nicht oft genug gesagt hat. Und dass das einfach daran liegt, dass wir hier in Deutschland leben. Hier zeigt man seine Gefühle eben nicht offen. Oder ist es doch unsere Generation Y, die lieber hinterfragt als zu handeln? Die abwägt statt zu riskieren? Wer genau war dafür verantwortlich, dass ich bisher so gelebt habe, wie ich gelebt habe?
Wer ist verantwortlich dafür, dass mein Leben so viele Möglichkeiten und Situationen bietet um Trübsal zu blasen, traurig und deprimiert zu sein? Wer ist verantwortlich für all die Situationen die mir im Alltag begegnen über die ich mich aufregen und beschweren kann? Und das ist keine rhetorische Frage. Ich frage das ganz ernsthaft.
Und da kommt der Punkt an dem ich einfach mal auf den Tisch hauen muss!
Wer diese Fragen mit einer anderen Antwort als „me, myself and I“ beantwortet, mach sich das Leben zu auf den ersten Blick zu einfach und auf den zweiten Blick viel zu schwer. Leute bitte, tut mir endlich den Gefallen und fangt an Verantwortung für euer Leben zu übernehmen. Erst dann ist es auch wirklich lebenswert. Erst dann wird einem klar, dass man selbst der Ursprung von Scheiße ist. Gleichzeitig ist man selbst aber auch der Ursprung von etwas Großartigem, was sich ein erfülltes Leben nennt.
Selbst der größte Haufen von Scheiße kann weggekehrt werden mit der Schippe der Lebensfreude und der Dankbarkeit. Und wenn das Wegkehren mal länger dauern sollte oder nicht zu 100 Prozent zu beseitigen ist, macht man es am besten wie damals im Kinderzimmer wenn es ums Aufräumen ging; man bittet jemanden um Hilfe oder man legt einfach einen Teppich drüber und nennt es in dem Fall „Erfahrung“.









