Heute wie 1928 ist Albert Londres Bericht über die Schreckensherrschaft in den französischen Kolonien in Afrika schier unerträglich. Heute entspringt das Gefühl dem kolonialistischen Unterdrückungssystem, 1928 hingegen dem Überbringer der Nachricht. Der, erstmals in der Tageszeitung „Le petit Parisien“ abgedruckte Text liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor und zeichnet das Bild einer brutal und systematischen Schreckensherrschaft.
Der französische Journalist und Schriftsteller Albert Londres zeichnet ein erschütterndes Bild: Die vermeintlichen Segnungen der Zivilisation erweisen sich als brutales Zwangssystem mit Arbeits-, Wehrdienst und Kopfsteuer. Die weißen Kommandanten entpuppen sich als geldgierige und sadistische Wesen, deren Willkürherrschaft mit der Peitsche und anderen unmenschlichen Mitteln durchgesetzt wird. Die Menschen werden hier zum Objekt, über das frei verfügt werden kann. Die unmenschlichen Umstände von Projekten wie etwa der Bau der Kongo-Ozean-Bahn, fordern Tausende Tode unter der Bevölkerung. Trotz der formellen Aufhebung des Sklaventums werden Menschen als Sklaven gehalten, verkauft, zugrunde gerichtet und in Massengräbern verscharrt. Die Weißen Besatzer erheben sich zu Göttern und zeigen bildhaft die Ursprünge des systematischen Rassismus westlicher Gesellschaften. Das alles schildert Londres vollkommen sachlich, doch mit drastischen Worten.
Londres schilder seine Erfahrungen vollkommen sachlich, doch wird in seiner Wortwahl deutlich, das auch er Teil der Besatzermacht ist. Unfähigkeit, Korruption, Unmenschlichkeit und mörderische Ausbeutung. Zur menschenverachtenden Gleichgültigkeit der Unternehmer, Kommandanten und Amtsträger kommt der Sadismus ihrer Handlanger. Die Vorarbeiter, die Unteroffiziere, die Aufseher in den Straflagern sind überwiegend Menschenschinder. Niemand hindert sie. Denn man meint, sie zu brauchen. Recht und Gesetz sind weitgehend außer Kraft gesetzt. Ein Europäer, dem Londres unterwegs begegnet, stellt noch das spärliche Gerichtswesen in Frage: „Wie soll man feststellen, dass jemand einen N***r getötet hat? Jeder N***r wird über kurz oder lang sozusagen ,getötet‘, denn er schuftet, bis er sich nicht mehr aufrecht halten kann.“ Frankreich, das Land Voltaires und Rousseaus, hat in seinen Kolonien ein System tödlicher Zwangsarbeit eingeführt, eine staatlich geförderte Sklaverei.
Um das koloniale Erbe der Friedensnobelpreisträger Europa zu verstehen, ist dieses Buch unverzichtbar. Es gibt einen Einblick in die Abgründe europäischer Außenpolitik und zeigt die Notwendigkeit, auch die koloniale Vergangenheit der Deutsche systematisch aufzuarbeiten. Eine klare Kauf- und Leseempfehlung.
Albert Londres. Afrika, in Ketten. Reportagen aus den Kolonien. Aus dem Französischen von Petra Ball und Yvan Goll. Mit einem Nachwort von Irene Albers und Wolfgang Struck, erschienen bei Die andere Bibliothek. 376 Seiten. 44 [D] inkl. MwSt.