"Je mehr die (objektive) Notwendigkeit der Arbeit sich nicht mehr darstellen lässt, desto mehr wird die Arbeit im Zuge ihrer universellen Präsenz heroisiert oder genossen, und dies geht so weit, dass sogar die Arbeitslosen und Kinder von der Arbeit besessen sind, insofern kein Zweifel aufkommt, dass man seine Arbeitskraft zur Sicherung des Lebensunterhaltes vermieten muss. Mit der Ubiquität einer Propaganda der Arbeit kommt es zur Kolonialisierung der Wochenenden, der späten Abende, ja sogar der Träume, bis die Bediensteten als sog. Human Capital nicht nur einen Job haben oder einen Job performen, sondern der Job selbst sind, wobei derlei Übereinstimmung von Job und Ego mit einem Genussakt zusammenfällt, was sich dem von Günther Anders als »Totalitarismus der Lust« bezeichneten Zustand annähert, der dann eintritt, wenn eben sämtliche Aktivitäten inklusive der »Arbeit« einen Anstrich von Genussakten erhalten."
Und Günther Anders schreibt: »Wahrhaftig, angst und bange kann einem werden, wenn man es sich klarmacht, daß auch jetzt, in diesem Moment, Hunderte von Millionen mit solcher Gymnastik beschäftigt sind, und daß diese Hunderte von Millionen sogar noch dankbar dafür sind, daß es ihnen, im Unterschied zu Millionen weniger Glücklichen: den Arbeitslosen, noch vergönnt ist, diese Gymnastik zu treiben; und daß sie verbissen das Recht auf diese Gymnastik als politisches Grundrecht proklamieren, in der Tat proklamieren müssen, weil sie ohne derart nichtige Gymnastik im Nichts stehen, oder – aber dieses ›Tun‹ ist nur eine Verbrämung von Nichtstun – vor dem Bildschirm sitzen würden; und weil sie gezwungen wären sich täglich durch den sich immer neu vor ihnen aufstauenden Zeitbrei durchzufressen.«Und ganz ähnlich schreiben Tiqqun: »Was MAN heute Arbeit nennt, bewertete MAN gestern als Freizeit – ›Videospiel-Tester‹ werden dafür bezahlt, den ganzen Tag lang zu spielen, ›Künstler‹ dafür, die Clowns der Öffentlichkeit zu sein; eine wachsende Masse von Unfähigen, die MAN Psychoanalytiker, Kartenleger, Coaches oder nur Psychologen nennt, werden fett dafür bezahlt sich das Lamento der anderen anzuhören …«