Tag 950 / Vermeintliche Trinkwunschkausalitäten
Ich lasse mir keine falsche Kausalität überstülpen.
Frust führt zu Suchtdruck ?
Das wär monokausal und viel zu einfach.
Wenn ich bei jedem Frust Suchtdruck entwickeln würde, käm ich aus nem Dauersaufdrang gar nicht mehr raus.
Ja, ich habe ne Menge Frust.
Alltagsfrust, den ich zum Teil mit DBT gelernt hab, auszubalancieren, es immer noch lerne.
Alltagsfrust wie Lärm in der Nachbarschaft, überfüllte Mülltonnen, verpasste U-Bahnen, ausverkauftes Dinkelbrot... solche Sachen.
Und ich, ich, deren Leben keine Komödie ist (Tag 929), ich habe auch eine Menge größeren Frust, wobei Frust ein bescheuertes Wort dafür ist.
Ich habe Probleme, Konflikte, Sorgen, Bedrängnisse.
all diese Antragsbewilligungswarterei seit 2015
Jobcenterärger
Mieterhöhung
Übergangsgeldwiderspruch
Familienmitglied oft sehr schwer krank. So krank, dass sehr viele Menschen zum Abholen ins Krankenhaus kommen müssen.
Absagen auf Bewerbungen
Liebeskummer
Unerfüllter Kinderwunsch
Streit
Frusterprobt bin ich.
Viele Bewältigungsstrategien habe ich.
Es kommt nicht bei jedem und noch nicht mal bei jedem krassen, großen Frust Suchtdruck auf.
Aber Suchtdruck kam auf, als das hier neu war, die Maßnahme.
Als ich meine Begrenztheit spürte, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Überforderung, Überreizung. (Tag 836, Tag 844, Tag 849)
Als ich endlich einen Praktikumsplatz haben wollte.
Als Frau Blubber und ich aneinander vorbei redeten.
Und jetzt hat auch was Neues begonnen und es kommt noch eine Menge mehr dazu.
Sucht ist so ein komplexes Thema.
Das ist eine Kette von Umständen und Auslösern bei mir.
Da steht Bier im Büro!!!
Zwei Tage lang zwei Flaschen!
Die reden über Gin-Networking-Veranstaltungen.
Die haben Aperol auf dem Foto.
Es passierte nicht ohne Grund, dass ich am Samstag den einen sagen hörte "keinen Alkohol in der Wohnung".
Nicht nur in den ersten Jahren.
Der hat keinen Alkohol in der Wohnung seit bald drei Jahrzehnten.
Da steht Bier im Büro und das soll nichts auslösen in mir, die falsche Verdächtigung aber sehr wohl?
! Freitag nach dem Betreuerersatzpfleger-Telefonat TROTZ Entlastung, Aussprechen, Ausheulen viel ans Trinken gedacht!
! Sonntag beim Blick in die gute Stube des Hauses gegenüber. Eine Flasche Wein auf dem Tisch. Was kann an einer Flasche Wein schon schlimm sein?!
! Dienstag in der Mittagspause all die Cocktail-Bier-Werbetafeln- Sonnenschirme-Leuchtreklame, die vollen Regale in den Kiosken, die Erinnerungen an Lokalbesuche, bei denen ich viel trank, da, das Fargo, zum Beispiel, wo ich den Ex-On-Off-Whatever unter den Tisch gesoffen hatte!
! Dienstag am Abend mir vorm Spiegel gesagt:
Komm geh los!
Das ist das Normale.
Das hält keiner aus.
Kauf dir was!
Erlaubnisgebende Gedanken.
Wer nicht so argumentieren kann wie ich, der wird sich falsche Trinkwunschkausalitäten überstülpen lassen müssen. Von Suchtmedizinern/ -therapeuten und von "einfachen" Leuten.
Ich bin hochgradig psychisch abhängig.
Das passiert alles in meinem Kopf.
Und das hat mit Sehen, Riechen, Hören viel zu tun.
Je mehr Menschen ich trinken sehe, desto normaler kommt mir das vor, desto erstrebenswerter manchmal.
Da stehen zwei Bier im Arbeitsraum. Die können zu zweit jeder eins trinken und dann weiter arbeiten oder später weiter ziehen, aber sie müssen nicht schnell mehrere hintereinander kippen, die scheinen nicht süchtig, die erleben keinen Kontrollverlust.
Es ist eine Summe von Faktoren, die sich zu meinem Suchtdruck formatieren, Metastasen hab ich das mal genannt (Tag 413).
Die Erinnerung, meine Gehirnautobahn, das jahrelang erlernte Verhalten - Feierabendritual: Alkoholtrinken, Wochenendritual: Alkoholtrinken.
Keine vier Wochen Arbeiten am Stück in Abstinenz sind um.
Und das sind ja auch keine vollen Wochen. Das sind vier Tage im Praktikumsbetrieb und immer nur sechs Stunden.
Und ich "schummele" da gewissermaßen: Ich bleibe fast nie ganze sechs Stunden.
Und ich erlaube mir das, weil ich weiß, wie schwer das ist -
Aus der Theorie, aus der Praxis.
Es schaffen nur wenige.
Sehr wenige.
Die meisten Alkoholiker schaffen es nicht.
Und ich spüre das ja. Ich bin durch.
5,5 Stunden, 5 Stunden 45 Minuten, mal nur 5 Stunden, mal 4,5 reicht.
Reicht dicke.
Du bist du, Agatha. (Tag 336)
Scheiss auf Höchstleistung.
Soooo doll weinen müssen.
Zwölf Taschentücher.
Oder mehr?
Sooooo doll, als ich erzähle, wie gerne ich deren unbeschwertes Leben hätte.
Wie sehr ich selbst nach zweieinhalb Jahren noch leide, wie eingeschränkt ich mich fühle.
Und das ist kein Widerspruch zu meiner Abstinenzphilosophie.
Ich mach das nicht nur, weil ich's muss, sondern auch, weil ich's will.
Aber vegane Ernährung ist freiwillig.
Verzicht auf Kohlenhydrate freiwillig.
Und frei wär ich auch sooo gern.
Sooo frei von Kausalitäten und Trinkwünschen und Erklärenmüssen.
Ich wurde gefragt, ob jemand das so versteht wie ich bin, wie ich mich fühle.
Nee, so richtig glaub ich nicht.