März 2017
Den Text vor lauter Arbor nicht
Zusammen mit Kolleginnen schreibe ich einen Forschungsartikel. Eine wissenschaftliche Zeitschrift akzeptiert ihn. Als mich ein paar Wochen später das PDF der fertigen Veröffentlichung erreicht und ich den Text noch einmal überfliege, fallen mir Passagen auf, an die ich mich in dieser Form nicht erinnern kann. Haben wir das wirklich so geschrieben? Ein Vergleich mit dem Manuskript zeigt: Nein, haben wir nicht. Offenbar hat der Verlag den Artikel nicht nur gelayoutet, sondern auch noch ein Korrektorat darauf losgelassen. Das machen auch andere Verlage, aber in der Regel erhält man ein Dokument (oder Zugriff auf eine Online-Oberfläche), wo man die Änderungsvorschläge sieht und sich dazu äußern kann. In diesem Fall gab es das nicht. Das hat zur Folge, dass mir keine bearbeitbare Fassung des finalen Texts vorliegt, der unter meinem (und anderen) Namen veröffentlicht wurde.
Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Ich könnte versuchen, den Text aus dem PDF zu exportieren. Dazu muss man allerdings wissen, dass in Wissenschaftsverlagen häufig mit Arbortext oder anderer nur kurz nach Erfindung der beweglichen Drucklettern programmierter Software gearbeitet wird. Alles, was über ASCII hinausgeht, wird aus guter Tradition meist in Nicht-Unicode kodiert. Abgesehen davon wird der mehrspaltige Satz beim Export in der Regel nicht erkannt. Nach einem Blick in die Eigenschaften des PDFs (tatsächlich: Arbortext) entscheide ich mich für Variante 2: Ich verschiebe das PDF auf die rechte Hälfte des Bildschirms, öffne in der linken Hälfte mein ursprüngliches Manuskript und gehe das Dokument Zeile für Zeile durch, auf der Suche nach dem verlorenen Komma. Wenn man dabei ein bisschen Musik hört und vergisst, dass einem der Verlag auch einfach einen Vergleich von Manuskript und finaler Version hätte schicken können, geht es eigentlich relativ rasch.
Warum der ganze Zirkus? Der Artikel befindet sich seit seiner Veröffentlichung hinter einer Paywall, die so intransparent ist, dass es mir ohne Anmeldung nicht einmal gelingt, herauszufinden, wie viel der Kauf des Einzelartikels überhaupt kosten würde. Viele Wissenschaftler helfen ihren Kollegen bei der Umgehung solcher Paywalls, indem sie ungelayoutete Versionen der eigenen Texte kostenlos auf ihre Websites stellen. So etwas Ähnliches habe ich auch vor – bis ich einen Blick in das Copyright-Transfer-Formular werfe, das ich seinerzeit ungelesen unterschrieben habe. Nach einer Knebelfrist von zwölf Monaten darf ich den Artikel tatsächlich kostenlos zugänglich machen, aber nur das ›final peer-reviewed manuscript‹ ohne die Korrekturen, die der Verlag angebracht hat. Die Kommas, die ich in meinem Text gefunden habe, gehören also gar nicht mir, sondern dem Verlag.
(Christopher Bergmann)












