“Vorfreude ist die schönste Freude”, heißt es oft. Aber ich habe manchmal Schwierigkeiten, meine Vorfreude zu genießen. In der Wartezeit auf das bevorstehende freudige Ereignis, baue ich schnell Erwartungen auf, die ich mit dem Ereignis verbinde. Und dann kann es passieren, das meine Vorfreude in Anspannung kippt. Oder ich sehne mich so sehr nach dem Ereignis, dass ich es unbedingt sofort in diesem Moment haben möchte und Schwierigkeiten habe, mich zu gedulden.
Bei meinem Hochbeet ist es ähnlich: jeden Tag starre ich auf die Radieschen und frage mich, wann ich sie ernten kann. Ist es heute endlich soweit? Natürlich bauen sich die fantastischsten Vorstellungen davon auf, wie das Radieschen schmecken wird: knackig, frisch, scharf und leicht bitter. Und als ich dann das erste Radieschen probiert habe, weil ich es nicht mehr abwarten konnte, war das Geschmackserlebnis ein bisschen enttäuschend. Nicht, weil es so enttäuschend geschmeckt hat, sondern weil meine Erwartungen so unrealistisch hoch waren.
Wie kann ich meine Vorfreude mehr genießen und weniger Druck aufbauen?
Ich finde es sehr hilfreich, wenn es mehr als nur eine einzige Sache gibt, auf die ich mich vorfreue: wenn das eine Radieschen nichts wird, dann ist vielleicht das nächste besser oder die Tomaten machen besonders viel Freude.
Ich erlaube mir, dass es “scheitern” darf. Manchmal sind die Dinge, auf die wir uns schon lange freuen, in der Realität einfach nicht so toll, wie wir sie uns gedanklich ausgemalt haben. Mein Radieschen muss nicht perfekt sein, damit es mir Freude bringen kann.
Ich mache mir meine Erwartungen bewusst und reflektiere sie. Ist der Anspruch nicht ein bisschen hoch, dass ausgerechnet das Radieschen, das in meinem Hochbeet wächst, das beste ist, das ich jemals gegessen habe? Ich denke schon! Oftmals haben wir auch erlernte Erwartungen in uns, die gar nicht von uns selbst kommen. “Es schmeckt immer am besten, wenn es aus dem eigenen Garten kommt” ist ein Satz, den ich gut kenne. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich diesen Anspruch gar nicht an das Gemüse, das in meinem Hochbeet wächst. Und diese Erkenntnis ist Gold wert!
Ich freue mich und teile diese Freude mit anderen. Vorfreude ist so schön, weil sie bereits vor dem freudigen Ereignis für Freude sorgt und diese Freude darf man auch schon vorher rauslassen und erleben.
Geduldig sein fällt mir manchmal sehr schwer. Wenn ich ein Problem oder Entwicklungspotential sehe, dann will ich loslegen und es anpacken!
Bei meinem Hochbeet funktioniert das leider nicht - hier muss ich größtenteils einfach nur abwarten und Radler trinken. Mehr kann ich nicht tun. Die Pflanzen wachsen selbständig und brauchen nur alle zwei bis drei Tage Wasser, wie wir im letzten Hochbeet-Beitrag gelernt haben. Bevor es Pflanzen in meinem Hochbeet gab, hatte ich eine ganze Menge zu tun mit Vorbereitungen, Planung, Recherche, Material und Werkzeug besorgen, Bauen, Füllen und die passenden Pflanzen aussuchen und kaufen. Und sobald die Pflanzen und das Saatgut eingesetzt und angegossen waren, war der Großteil der Arbeit getan.
Doch wohin mit der ganzen Aufregung und dem Tatendrang?
Ich gehe das Hochbeet jeden Morgen und jeden Abend besuchen und schaue, was sich in den vergangenen Stunden getan hat. Ich schaffe mir detaillierteres Wissen zum Wachstumsprozess und der richtigen Pflege der Pflanzen an. Jetzt weiß ich, wie ich meine Kräuter ernten kann, sodass sie noch ertragreicher nachwachsen. Und es motiviert mich, zu wissen, wie meine Zuckerschoten in wenigen Wochen aussehen werden. Die restliche Wartezeit überbrücke ich mir mit Kresse! Kresse keimt nach wenigen Stunden und ist bereits nach drei bis vier Tagen ready für die Ernte. Und ganz im Ernst: das Frühstücksbrot schmeckt zehn mal besser, wenn die selbst gezogene Kresse obendrauf trohnt!