2. Mai 2014
Ich tätige einen größeren Einkauf im Internet und habe ein schlechtes Gewissen deswegen
Anfang 2014 reift der Entschluss, dass das alte Digitalpiano ausgedient hat und durch ein neues, besseres ersetzt werden soll. Wie mit vielen technischen Geräten ist es auch mit Digitalpianos so, dass es eine riesige Auswahl und eine weite Preisspanne gibt, von wenigen hundert bis etlichen tausend Euro. Ich muss mir also klar werden: Welches Instrument gefällt mir – was ist mir an dem Instrument wichtig – welche Features braucht es. Und dann gilt es zu entscheiden, welches Budget mir dafür zur Verfügung steht. Eine Online-Suche und ein Umhören im Bekanntenkreis machen schnell klar, dass man vereinfacht sagen kann: Zumindest, wenn man sich für einen der großen Markenhersteller entscheidet, dann steigt grob gesagt mit dem Preis auch die Qualität des Instruments, aber es gibt etliche Eigenschaften, die man beachten könnte.
Die für mich wichtigsten Aspekte sind schnell klar: die Klaviatur (Spielgefühl und Qualität) und der Klavierklang. Alles weitere (zusätzliche Klänge, Aufnahmemöglichkeiten, Anschlussmöglichkeiten für weitere Geräte …) wäre nice to have, aber nichts davon wäre ausschlaggebend für einen Kauf.
Wie treffe ich nun also die Entscheidung für ein Instrument? Zunächst spreche ich viel mit Freunden und Kollegen über deren Erfahrungen mit bestimmten Instrumenten und probiere deren Instrumente aus. Gleichzeitig lese ich recht viele Testberichte aus Zeitschriften, alle rufe ich online ab. Einige sind in spezialisierten Magazinen hinter Paywalls, gerne investiere ich die wenigen Euro zur Unterstützung bei der Entscheidungsfindung (ärgere mich aber mehrfach über viel zu komplizierte Paywalls). Dazu gibt es eine Reihe Youtube-Videos mit Musikbeispielen und Besprechungen von Instrumenten und Blogs von Musikern. Außerdem lese ich natürlich die Beschreibungen auf den Webseiten der Hersteller. Eine sehr große Rolle spielen schließlich die Webseiten der beiden größten deutschen Online-Händler für Musikinstrumente, auf denen zahlreiche von Kunden verfasste Rezensionen und Bewertungen abzurufen sind.
Als auf diesen Wegen die Entscheidung schon recht weit gereift ist, bleibt ein Instrument in der ganz engen Wahl, das ich bei Freunden probespielen konnte, und zwei Instrumente, die recht neu erschienen sind und die nach der Beschreibung und den Kritiken am interessantesten erscheinen, die aber in meinem Bekanntenkreis niemand besitzt.
Gerne würde ich die drei in der engen Wahl nebeneinander Probe spielen, vielleicht auch noch ein oder zwei weitere daneben, um eine Entscheidung zu treffen. Ich besuche also zwei große Musikhäuser in Hamburg, finde dort jeweils eine unfassbar große Auswahl von Musikinstrumenten vor, leider sind nicht alle drei in Frage kommenden vorrätig. In einem jedoch steht mein nach der bisherigen Recherche heimlicher Favorit, den ich dort auch anspielen kann. Es gefällt sehr! Die Tasten fühlen sich gut an. Das Spielgefühl ist dicht an einem richtigen Klavier. Auch der Klang ist beeindruckend. Der Preis: gute 10% mehr als beim Online-Händler, dazu kommen dann noch etwa 100 EURO Speditionskosten für die Lieferung, die beim Online-Händler inklusiv wäre. Da ich mich wohl kaum getraut hätte, die Entscheidung ohne Probespiel im Musikhaus zu treffen, bin ich gerne bereit, die Mehrkosten im Musikhaus zu bezahlen und dort zu kaufen.
Ich lasse mir von einem Verkäufer erklären, wie der Kauf funktioniert: Das Musikhaus montiert das Klavier, das dauert wenige Tage, und beauftragt die Spedition mit der Lieferung. Dann soll etwa eine Woche später die Lieferung erfolgen. “Die Spedition meldet sich dann bei Ihnen und teilt den Liefertag mit.” Kann ich Einfluss nehmen auf den Liefertag? Gibt es eine Möglichkeit, den Liefertermin mit der Spedition einzuschränken? Bestimmte Tage, bestimmte Zeitfenster? “Nein, die Spedition teilt den Liefertag mit, wir arbeiten da mit einer speziellen Spedition zusammen, mit der wir gute Erfahrungen beim Transport von Instrumenten…” – “Ja, aber Einschränken des Liefertermins?” – “Nein, leider nicht.”
Ich weiß nicht, wie das für andere Kunden funktioniert. Ich kann nicht, wenn ich übermorgen einen beruflichen Termin habe, diesen absagen und den ganzen Tag zu Hause sitzen und auf die Lieferung der Spedition warten. Der Verkäufer und ich schauen uns noch ein bisschen, erst ratlos, dann traurig gegenseitig tief in die Augen und versuchen, eine Lösung zu finden. Die finden wir jedoch nicht, und ich bestelle dann doch online bei einem der großen Online-Musikhändler. Das gleiche Instrument, zu einem günstigeren Preis – aber das ist nicht das ausschlaggebende Argument. Bei dem die Lieferung inklusive ist – aber das ist nicht das ausschlaggebende Argument. Sondern, weil ich mit der Spedition des Online-Händlers den Liefertag und ein ungefähres Zeitfenster für die Lieferung absprechen kann.
Nun habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich zum Aussterben des Offline-Einzelhandels beitrage. Allerdings habe ich etwa 99% der Beratung online und von Bekannten bekommen, versuche ich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ich frage mich, ob ich auch ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich mir die kostenlose Beratung von den Webseiten und Produktrezensionen des Online-Musikhauses geholt, aber offline vor Ort gekauft hätte.
(Molinarius)














