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DIE BRIEFMARKEN Ein Sammler-Zyklus
I
Ich werde dich zart vom Papierblatt lösen. Der Kleber ist fest, doch mir hilft die Hitze. Langsam befreit meine Fingerspitze deine verfangenen, nebulösen
Linien (halt nicht am Alten fest …). Besser, ich leg dich zum Trocknen nieder. Alles, was einmal sein Haus verlässt, endet im Sumpf meiner Augenlider.
Noch eine Marke – aus welchem Land? Dachte der Brief doch, euch hält ein Band, welches kein Anderer soll zerreißen.
Doch meine Sammlung ist Fang und Fluch. Gleite hinein in das Einsteckbuch. Du kannst nicht bleiben? Was soll das heißen?
II
Meine Galerie ist groß und rar: Über ein Jahrzehnt Philatelie. Und es wächst um noch ein Sammlerjahr meine Galerie.
Dies ist meine schädlichste Manie: Was noch nicht darin vertreten war, fällt hinein, wenn ich am Faden zieh.
Jeder derbe Leim ist ablösbar. Ich hab meine eigne Galaxie seltner Marken. Mein Reliquiar, meine Galerie.
III
Ich werde verrückt vom Warten. Alle Arten des Wahnsinns kenne ich gut. Doch von einer bestimmten kocht mir das Blut in den Adern – ich werde besessen und wild, und es schrillt (völlig unangemessen) in meinen Ohren: „Fang ihn! Schreib seinen Namen ins Buch!“ Ich verabscheue diesen unstillbaren Fluch, aber höre auf ihn – immer wieder – wie ein hoffnungslos Süchtiger. … und das Schuldgefühl kommt immer flüchtiger. Nur das ständige Warten macht mich verrückt.
IV
Seltenheiten schauen aus den Seiten. Viele Ringe halten sie zusammen bis in meine späten Ewigkeiten. Amen.
Abgefangen auf den weiten Wegen zwischen ihrem Vor- und Nachher-Namen, fanden sie bei mir den letzten Segen. Amen.
Und ich wische Staub von ihnen; küsse ihre fremden Stempel in den Rahmen, tauche sie ins Gold der Versen-Flüsse. Amen.
V
Ich hab eine schreckliche Angewohnheit: Ich möchte die Welt gewinnen und jegliche Seite, die unser Mond hat: außen und innen.
Doch nur eine ewige Opfergabe lässt meinen Zorn erkalten: Denn wenn ich sie erst in den Händen habe, will ich sie auch behalten.
VII
Alles, was ich weiß, weiß ich von mir. Wie man sich bewegt, um nicht frieren; schöne Dinge zu kollektionieren; wie ich meinen trüben Tag verzier.
Wie ich meine Mitmenschen verwirr, um mich an dem Spiel zu amüsieren. Alles, was ich weiß, weiß ich von mir. Zwischen Mittags-Gin und Abend-Bieren
merke ich, wie ich das Ziel verlier, doch dann fang ich mich: Auf allen vieren ist man fern vom Rauch und nah an Tieren; gierig nach der Kernsubstanz der Gier. Alles, was ich weiß, weiß ich von mir.
VIII
Glaub mir, Liebling, ich weiß, wie das geht. Ich muss es – nur einmal – berühren. Alles hinter den Türen ist spannender und der Planet hat zu viele davon geschlossen. Ich will keine Wohnung, kein Haus. Möglichkeiten möchte ich haben. Doch die Möglichkeiten gehen mir aus wie vertrocknete Wasserfarben. Also wickle ich mich – Anonymus – in Tüll, und laufe die Moose. Und ich male mit Feuer, Stein und Acryl, wie eine Grenzenlose.
IX
Alle Männer fahren hinaus aufs Meer. Alle Frauen warten zu Haus und weben. Hinter den Besonderen bin ich her. Ich will bloß ein Stückchen von ihrem Leben.
Alle sind wie Briefmarken auf dem Weg, um die zweite Hand auf dem Land zu finden. Ich will nur ein winziges Sakrileg: Nur durch dieses Licht werd ich nicht verschwinden.
Sag mir, dass ich schön bin, und sing für mich; lass mir ein paar Blüten in meiner Vase. Bis ich einem wütenden Sonnenstich ungehemmt und heilig entgegenrase.
X
Das ist die Wahrheit. Ich liebe viel. Ich liebe feurig. Ich sammle gerne. Mein Auge ist spitzt wie ein Federkiel: Rares sehe ich aus der Ferne.
Ich schaue mir abends die Alben an. Ich blättre langsam und lächle leise. Ich sammle, bis ich nicht mehr weiterkann. Jeder sammelt auf seine Weise.