DIE BRIEFMARKEN
Ein Sammler-Zyklus
Ich werde dich zart vom Papierblatt lösen.
Der Kleber ist fest, doch mir hilft die Hitze.
Langsam befreit meine Fingerspitze
deine verfangenen, nebulösen
Linien (halt nicht am Alten fest …).
Besser, ich leg dich zum Trocknen nieder.
Alles, was einmal sein Haus verlässt,
endet im Sumpf meiner Augenlider.
Noch eine Marke – aus welchem Land?
Dachte der Brief doch, euch hält ein Band,
welches kein Anderer soll zerreißen.
Doch meine Sammlung ist Fang und Fluch.
Gleite hinein in das Einsteckbuch.
Du kannst nicht bleiben? Was soll das heißen?
Meine Galerie ist groß und rar:
Über ein Jahrzehnt Philatelie.
Und es wächst um noch ein Sammlerjahr
meine Galerie.
Dies ist meine schädlichste Manie:
Was noch nicht darin vertreten war,
fällt hinein, wenn ich am Faden zieh.
Jeder derbe Leim ist ablösbar.
Ich hab meine eigne Galaxie
seltner Marken. Mein Reliquiar,
meine Galerie.
Ich werde verrückt
vom Warten.
Alle Arten des Wahnsinns
kenne ich gut.
Doch von einer bestimmten
kocht mir
das Blut
in den Adern –
ich werde besessen
und wild,
und es schrillt
(völlig unangemessen)
in meinen Ohren:
„Fang ihn!
Schreib seinen Namen
ins Buch!“
Ich verabscheue
diesen unstillbaren Fluch,
aber höre auf ihn
– immer wieder –
wie ein
hoffnungslos
Süchtiger.
… und das Schuldgefühl
kommt
immer flüchtiger.
Nur das
ständige Warten
macht mich verrückt.
Seltenheiten schauen aus den Seiten.
Viele Ringe halten sie zusammen
bis in meine späten Ewigkeiten.
Amen.
Abgefangen auf den weiten Wegen
zwischen ihrem Vor- und Nachher-Namen,
fanden sie bei mir den letzten Segen.
Amen.
Und ich wische Staub von ihnen; küsse
ihre fremden Stempel in den Rahmen,
tauche sie ins Gold der Versen-Flüsse.
Amen.
Ich hab eine schreckliche Angewohnheit:
Ich möchte die Welt gewinnen
und jegliche Seite, die unser Mond hat:
außen und innen.
Doch nur eine ewige Opfergabe
lässt meinen Zorn erkalten:
Denn wenn ich sie erst in den Händen habe,
will ich sie auch behalten.
Alles, was ich weiß, weiß ich von mir.
Wie man sich bewegt, um nicht frieren;
schöne Dinge zu kollektionieren;
wie ich meinen trüben Tag verzier.
Wie ich meine Mitmenschen verwirr,
um mich an dem Spiel zu amüsieren.
Alles, was ich weiß, weiß ich von mir.
Zwischen Mittags-Gin und Abend-Bieren
merke ich, wie ich das Ziel verlier,
doch dann fang ich mich: Auf allen vieren
ist man fern vom Rauch und nah an Tieren;
gierig nach der Kernsubstanz der Gier.
Alles, was ich weiß, weiß ich von mir.
Glaub mir,
Liebling,
ich weiß,
wie das geht.
Ich muss es
– nur einmal –
berühren.
Alles
hinter den Türen
ist spannender
und der Planet
hat zu viele davon
geschlossen.
Ich will
keine Wohnung,
kein Haus.
Möglichkeiten
möchte ich
haben.
Doch die Möglichkeiten
gehen mir aus
wie vertrocknete
Wasserfarben.
Also wickle ich mich
– Anonymus –
in Tüll,
und
laufe
die Moose.
Und ich male mit
Feuer,
Stein
und Acryl,
wie
eine
Grenzenlose.
Alle Männer fahren
hinaus aufs Meer.
Alle Frauen warten
zu Haus und weben.
Hinter den Besonderen
bin ich her.
Ich will bloß ein Stückchen
von ihrem Leben.
Alle sind wie Briefmarken
auf dem Weg,
um die zweite Hand
auf dem Land zu finden.
Ich will nur ein winziges
Sakrileg:
Nur durch dieses Licht
werd ich nicht verschwinden.
Sag mir, dass ich schön bin,
und sing für mich;
lass mir ein paar Blüten
in meiner Vase.
Bis ich einem wütenden
Sonnenstich
ungehemmt und heilig
entgegenrase.
Das ist die Wahrheit. Ich liebe viel.
Ich liebe feurig. Ich sammle gerne.
Mein Auge ist spitzt wie ein Federkiel:
Rares sehe ich aus der Ferne.
Ich schaue mir abends die Alben an.
Ich blättre langsam und lächle leise.
Ich sammle, bis ich nicht mehr weiterkann.
Jeder sammelt auf seine Weise.