Kapitel 1-Der Anfang hatte keinen Namen
Meine allererste Erinnerung ist kein Gesicht. Es ist ein Geräusch. Ein Knallen, so laut und endgültig, dass es sich in mein Nervensystem gebrannt hat. Ich sehe mich noch dort sitzen, klein, auf dem Boden direkt vor dem Sofa. Meine Eltern stritten, wie so oft – ihre Stimmen waren laut, schrill, eine Wand aus Aggression, gegen die ich nicht ankam. Und dann passierte es. Ein Teller flog gegen die Wand und zerschellte in tausend Scherben. Dieses Geräusch war mehr als nur zerbrechendes Porzellan; es war das Zerbrechen von Sicherheit. Ich weinte, aber mein Weinen ging im Lärm unter.
Bis heute, Jahrzehnte später, zucke ich zusammen, wenn ein plötzlicher Knall die Luft zerreißt. Ein Feuerwerkskörper, ein zuschlagendes Fenster, ein unerwarteter Donner – mein Körper glaubt dann sofort wieder, er säße vor diesem Sofa und die Welt würde einstürzen.
Ich erinnere mich nicht an Schreie. Nicht an meine.
Wenn ich an den Anfang denke, gibt es keinen klaren Moment, an dem etwas begann. Kein Bild, keinen Raum, an dem ich festmachen könnte, was war. Was bleibt, ist ein Zustand. Ein Grundton. Etwas, das sich durch alles zieht, was später kam.
Mein Körper weiß Dinge, die mein Kopf erst viele Jahre danach gelernt hat. Enge. Hunger, der nicht knurrt, sondern hohl wird. Nässe, die zu lange bleibt. Ein Warten ohne Adresse. Man erzählte mir später, dass man mich fand. Zu leicht. Zu still. Unterernährt. Das sind Fakten. Sie gehören zu mir, ohne dass ich sie mir vorstellen kann.
















